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Humboldts Kyffhäuser-Gedicht : Wo Barbarossas wüste Trümmer stehen

  • -Aktualisiert am

Wilhelm von Humboldt - Unter den Linden Bild: Picture-Alliance

Gedichte schreiben, um Verluste zu verarbeiten, ist heilsam. Das dachte sich auch Wilhelm von Humboldt und verfasste jeden Tag eines für seine Frau. Ein Blick auf das private Denkmal des bekannten Bildungspolitikers und eine moderne Erinnerungskultur.

          Wo Barbarossas wüste Trümmer stehen,
          der Blick hin über reiche Auen flieget,
          da sah ich oft an meiner Seite gehen,
          die Schlummer, nie erwecklich mehr, besieget.
          Wo Lieb' und Jugend goldne Tage säen,
          die Sehnsucht sich in Ruh, befriedigt, wieget,
          kann auch der Tod die Spuren nicht verwehren
          des Glücks, das nun in weiter Ferne lieget.
          Drum, sind auch diese Freuden längst verklungen,
          und alles Glück der Gegenwart verschwunden,
          so doch in seligen Erinnerungen
          wandl' ich in süsser Wehmuth heilgen Stunden
          um diese lang auch nun verlassnen Mauern,
          die einsam mein verlornes Glück betrauern.

          - Wilhelm von Humboldt

          ***

          Als Wilhelm von Humboldt dieses Gedicht im Jahr 1834 aufschreiben ließ, gab es das Barbarossa-Denkmal, wie wir es heute kennen, noch nicht. Damals befanden sich auf dem Kyffhäuser-Burgberg des kleinen Mittelgebirges zwischen Thüringen und Sachsen-Anhalt nur die Ruinen der Unterburg, die man auch heute noch begehen kann. Aber 1834 war Wilhelm von Humboldt auch nicht in Thüringen oder Sachsen-Anhalt, sondern auf seinem Familienschloss in Tegel, wo er Trost suchte in den Erinnerungen an "Barbarossas wüste Trümmer". 

          Wilhelm von Humboldt, der vor genau 250 Jahren geboren wurde, ist in Deutschland dank Universität und Bildungsreformen wenigstens dem Namen nach ein geläufiger Begriff. Seit dem neuerlichen Ruhm seines Bruders Alexander in den letzten zehn Jahren darf er sich manchmal der von ihm selbst gerne gepflegten Rolle des Privatgelehrten wieder erfreuen. Und die passt ja auch zu dem Denkmal vor der Humboldt-Universität in Berlin, wo er mit seinem etwas labberig aussehenden, demonstrativ großen Buch dasitzt und wenig glücklich vor sich hin starrt.

          Interessierte wissen, dass auch Wilhelm von Humboldt viel gereist ist. Er war im Baskenland, um die dortige außergewöhnliche Sprache zu studieren, war Gesandter in Rom und in London, nicht zuletzt, wie alle großen Denker außer Goethe, auch in Paris. Den eigentlichen Familiensitz Schloss Tegel bewohnte er erst spät. Fünf der neun Kinder wurden in Frankreich und Italien geboren, sie konnten in jungen Jahren besser italienisch als deutsch. 

          Eine ungewöhnliche Altersbeschäftigung

          Auch seine Frau Caroline, kurz Li, war sehr unternehmungslustig. Natürlich oft mit ihrem Mann, aber auch ohne ihn. Sie reiste hochschwanger mit ihm durch Spanien, was in einer Kutsche und bei den Straßenverhältnissen der damaligen Zeit sicher kein Vergnügen war. Aber sie hatte auch ihre eigenen Pläne. Nur weil er in Rom zu tun hatte, hieß das nicht, dass sie nicht nach Paris konnte. Wo auch immer sie gerade war, kamen großer Denker und Künstler zusammen. Ihr Kunstgeschmack stand dem seinen in nichts nach.

          Aber wenn sie getrennt waren, war die Sehnsucht groß. Als Li aus Rom abreiste, blieb ihm im präsozialen Medienzeitalter nur ein Bild von ihr, das er jeden Tag sehnsüchtig anschmachtete, wie er ihr selbst in Briefen berichtete. „Eifersüchtig hüte ich deinen Anblick“, schreibt er, jeden Tag sehe er ihr Bild an und wolle es niemandem sonst zeigen. Trotz, oder gerade wegen ein paar Seitensprüngen hier und da, sowohl von ihm als auch von ihr, blieb die Ehe bis zum Ende eine innige und von gegenseitigem Respekt und Liebe geprägte. Bis zum Ende, bis zu Carolines Tod 1829 in Berlin, da war sie 63 Jahre alt und er 62. 

          Für Wilhelm von Humboldt war es ein schwerer Schlag, seine Frau, intellektuelle Freundin und Lebensgefährtin zu verlieren. Um sich abzulenken, widmete er sich seinen Sprachen. Nun gibt es aber auch noch die Sonette. Humboldt schrieb in seiner nicht vollendeten Autobiographie, er habe niemals zum Dichter getaugt. Aber vom Dichten hat ihn das nicht abgehalten. Nach dem Tod seiner Frau begann er, jeden Tag ein Sonett zu verfassen. Mündlich, wohlgemerkt. Denn die von Parkinson zitternden Hände konnten die Feder nicht mehr so halten, dass es zum Schreiben gereicht hätte. Jeden Tag ein Sonett, um den Kopf wach zu halten, so die Idee. Eine auch damals ungewöhnliche Altersbeschäftigung.

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