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Veröffentlicht: 01.12.2014, 22:38 Uhr

Humboldt-Universität Mobbing, trotzkistisch

Ein Berliner Historiker wird diffamiert. Doch worum geht es in dem Disput? Um fachliche Mängel, etwa? Nein, es geht um eine wissenschaftliche Rufschädigung, wegen seiner streitbaren Forschung.

von
© Picture-Alliance Leo Trotzki (2.v.l.) sorgt bis in die Gegenwart für Kontroversen.

Das Institut für Geschichte an der Berliner Humboldt- Universität (HU) verwahrt sich. In einer Stellungnahme tritt es der Kampagne entgegen, der Jörg Baberowski, Professor für osteuropäische Geschichte an der HU, seit einiger Zeit ausgesetzt ist. Im Internet, aber auch in öffentlichen Veranstaltungen in der Universität und auf Flugblättern, wird dem Historiker von einer trotzkistischen Gruppe vorgeworfen, er bereite mit seinen Büchern und anderen Äußerungen eine weltweite deutsche Kriegspolitik vor.

Jürgen Kaube Folgen:

Derselbe Vorwurf wird auch dem ebenfalls an der HU lehrenden Politikwissenschaftler Herfried Münkler gemacht. Doch auf Baberowski richtet sich die Aggressivität der Weltsozialisten - so ihre Selbstbezeichnung - besonders. Sie reicht von der Behauptung, er wolle die Humboldt- Universität in einen „antikommunistischen think tank“ verwandeln, bis zum Verdacht, der Historiker sei ein Parteigänger revisionistischer Verharmlosungen des Nationalsozialismus.

Postimperiale Phantomschmerzen

Wer Baberowskis Schriften kennt, weiß um die Haltlosigkeit solcher Verdächtigungen. Baberowski, der seit zwölf Jahren in Berlin lehrt, ist ein Forscher, dessen Beiträge zur russischen und sowjetischen Geschichte hoch anerkannt sind. 2012 hat er für sein Buch „Verbrannte Erde. Stalins Herrschaft der Gewalt“ den Sachbuchpreis der Leipziger Buchmesse erhalten. Es wurde, aufgrund seiner Thesen zu vormodernen Ursprüngen totalitärer Gewalt, seiner Akzentsetzung auf eine verrohte kommunistische Gesellschaft und seiner starken Fokussierung auf die Person Stalins, kontrovers diskutiert. Dasselbe gilt für seine publizistischen Diagnosen zum Ukraine-Konflikt, in denen Baberowski den Unterschied von Ost- und Westukraine betonte sowie ein Begreifen der postimperialen Phantomschmerzen Russlands fordert. Sein Schweizer Historikerkollege Ulrich Schmid schrieb Baberowski dabei sogar „eine dezidiert russische Sicht“ in der Krim-Frage zu, was mit dem Vorwurf der Trotzkisten abgeglichen werden müsste, er vertrete die Positionen rechter amerikanischer Kreise.

die beiden Historiker Jörg Barberowski und Anselm Doering-Manteuffel im Interview über NS- und stalinistischen Terror © Fricke, Helmut Vergrößern Jörg Barberowski

Doch was veranlasst überhaupt eine kommunistische Sekte, aus jeder Äußerung Baberowskis zu solchen Fragen mittels Textcollagen und aus dem Kontext gelöster Zitate einen Angriff auf den Frieden zu machen? Wenn Baberowski, in einem Interview nach dem Unterschied von Hitler und Stalin gefragt, darauf hinweist, dass es Letzterer war, der sich der von ihm lustvoll ergänzten Opferlisten gerühmt habe, wird daraus eine Relativierung Hitlers, die an der HU gelehrt werde. Weshalb aber bringt die Anhänger des aufgrund solcher Todeslisten ermordeten Leo Trotzki ausgerechnet ein Historiker so auf, der Stalin als einen Psychopathen beschreibt?

Petition gegen Trotzki-Biographie

Für die Antwort muss man wissen, dass Baberowski im vergangenen Februar Robert Service in sein Doktorandenkolloquium eingeladen hatte. Service ist der Autor einer umstrittenen Trotzki-Biographie, gegen deren Erscheinen auf Deutsch sogar eine Petition von Historikern an den Suhrkamp Verlag erfolgte. Der Stalin-Biograph Simon Sebag Montefiore fand das Buch bahnbrechend, das antritt, den Häretiker-Bonus Trotzkis - „Hätte doch er und nicht Stalin sich durchgesetzt“ - durch Nachweis seiner grausamen Gesinnung zu zerstören. Ulrich Schmid aus St. Gallen, der Baberowskis Ukraine-Thesen für abwegig hält, verteidigte in der „Neuen Zürcher Zeitung“ die Publikation von Service trotz vieler fachlicher Mängel - auch gegen die von David North, dem „Gralshüter des internationalen Trotzkismus“ (Schmid), vorgebrachte Behauptung, es handele sich um eine Schmähschrift mit antisemitischen Zügen.

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Als Baberowski nun tat, was ganz normal ist, den Kollegen nämlich zur Diskussion zu bitten, fühlten sich die Trotzkisten mit eingeladen. Dem Oxforder Historiker wurde ein Schriftsatz mit neun Fragen zugestellt, die er in Berlin beantworten möge. Baberowski, von Service gebeten und nicht an einem Tribunal über den Gast interessiert, verlegte den Raum und lehnte eine Teilnahme des eigens angereisten David North am Kolloquium ebenso ab wie die anderer Besucher, die fanden, dass Service’ Buch besser nicht erschienen wäre. Auf der Website der Weltsozialisten wurde moniert, nicht einmal vierzig Teilnehmer seien zugelassen worden, die meisten „Gehilfen Baberowskis“. Es dürfte nicht viele deutsche Historiker geben, die derart viele Gehilfen haben.

Unter allen Vorwürfen der Trotzki-Freunde gibt zuletzt die Berliner „tageszeitung“ unter dem Titel „Uni verbietet (!) sich Kritik an Professor“ auch den unkommentiert wieder, die Freiheit der Kritik werde angegriffen, wenn das Institut für Geschichte an der HU es erklärtermaßen mit Sorge beobachtet, wie Baberowski mit immer neuen diffamierenden Unterstellungen überzogen wird. Diese Stellungnahme, so die Jugendorganisation der Trotzkisten, solle entfernt werden. Ach, und das wäre dann akademische Freiheit? Nein, hier soll jemand um seinen wissenschaftlichen Ruf gebracht werden, nur weil er streitbare Forschung betreibt, die auch die Opferbilanzen des kommunistischen Weltrettungsprogramms einschließt.

Glosse

Mensch, gönn dir was!

Von Melanie Mühl

In Zeiten sparerfeindlicher Zinspolitik müssen alternative Anlagestrategien her. Gierig zu sein, wenn andere ängstlich sind, das empfiehlt der Investor Warren Buffett. Was, wenn man ihn beim Wort nähme? Mehr 8 5

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