08.07.2009 · Um das geplante Humboldt-Forum im Berliner Schloss wird weiter gestritten. Die Anforderungen an das Gebäude sind vielfältig. Jetzt offenbart eine Vorab-Ausstellung im Alten Museum die konzeptionellen Probleme einer Galerie des „Weltwissens“.
Von Andreas KilbDie Stadt Tecla, berichtet Italo Calvino in seinen „Unsichtbaren Städten“, sei ständig hinter hohen Bauzäunen, Gerüsten und Verschalungen versteckt. Wenn ein Besucher frage, warum die Arbeiten so lange dauerten, erhalte er die Antwort: „damit nicht die Zerstörung beginnt“. Erkundige er sich aber nach dem Plan, der dem Bau zugrunde liege, zeigten die Bewohner in den Sternenhimmel: „,Da ist das Projekt', sagen sie.“
Wer sich in diesen Tagen nach dem Stand der Planungen für den Wiederaufbau des Berliner Schlosses als Humboldt-Forum der Weltkulturen erkundigt, dem geht es ungefähr so wie dem Städtereisenden bei Calvino. Seit achtzehn Jahren wird das Projekt diskutiert, seit sieben Jahren ist es beschlossen, und seit acht Monaten gibt es mit dem Entwurf des Italieners Franco Stella auch endlich einen überzeugenden Bauplan. Aber noch immer ist, was die endgültige Form und den Inhalt des Gebäudes angeht, fast alles offen. Das liegt weder an Stella noch an den Brüdern Humboldt, unter deren Namen sich jedes halbwegs schlüssige Museumskonzept vermarkten ließe. Es liegt an dem Ideenhimmel, der das Projekt „Humboldt-Forum“ überwölbt, seit es erstmals zu Papier gebracht wurde - an seiner schimmernden Fülle und tiefen Undurchsichtigkeit zugleich.
Vielfältige Bedürfnisse
Seit Beginn des Jahres verhandeln die zukünftigen Nutzer des Gebäudes, die Stiftung Preußischer Kulturbesitz (SPK), die Humboldt-Universität und die Zentral- und Landesbibliothek Berlin, mit dem italienischen Architekten über die Anpassung seines Entwurfs an ihre Bedürfnisse. Gerade erst, heißt es, sei ein entscheidender Durchbruch erreicht worden, offenbar im wörtlichen Sinn, denn es geht um die Geschossordnung des Bauwerks. Die Preußenstiftung wünscht sich größere Räume für ihre Schaustücke aus der Südsee und für die Konzertsäle und Kunsthallen der sogenannten Agora, und so wird der westlich gelegene Eosanderhof wohl stärker zugebaut werden als von Stella geplant, während der östliche Abschluss des Gebäudes, das Belvedere, mit dem Baukörper verschmelzen und so seine ursprüngliche Bestimmung als Flanierzone verlieren soll.
Solche Nachbesserungen, deren Details erst im Oktober bekanntgegeben werden sollen, machen Stellas Konzept nicht kaputt, nehmen ihm aber einiges von seiner Originalität. Viel schlimmer wiegt dagegen die Panne, die dem Bundesbauminister im Zusammenhang mit der Wettbewerbsausschreibung im vergangenen Jahr unterlaufen ist. Offenbar kann Stella nur mit Mühe eine der zwei Bewerbungskriterien erfüllen - dreihunderttausend Euro Durchschnittsumsatz oder vier feste Mitarbeiter in den vergangenen Jahren -, ohne dass das Ministerium deren Einhaltung im Geringsten überprüft hätte (F.A.Z. vom 3. Juli). Stellas unterlegener Mitbewerber Hans Kollhoff hat inzwischen eine formale Rüge beim zuständigen Bundesamt für Bauwesen und Raumordnung (BBR) eingereicht. Der Fall könnte im Lauf dieses Jahres noch die Gerichte beschäftigen.
Hort des Weltwissens
Die Ausstellung im Alten Museum, mit der die drei am Schloss beteiligten Institutionen von morgen an ihre Vorstellungen vom Humboldt-Forum vor Augen führen wollen, findet also unter reichlich gemischten Vorzeichen statt. Vor allem trägt sie die Last all jener Begriffshülsen und Schlagworte, die in den vergangenen Jahren über das Projekt hereingebrochen sind und die sich jetzt in einen Sammelband ergossen haben, den Hermann Parzinger, der Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, zusammen mit dem früheren Berliner Kultursenator Thomas Flierl herausgegeben hat.
Da ist die Rede von „zentrierender öffentlicher Sinnbestimmung“, die von dem neuen Großmuseum ausgehen soll, von universeller Selbstverständigung und inhaltlicher Dynamik, von Verzahnung, Vernetzung, Verklammerung und was der Syntheseformeln mehr sind. Das „Weltwissen“ soll in das Humboldt-Forum hinein- und zugleich aus ihm herausstrahlen - in seiner europäischen und außereuropäischen Version, als Sammler-, Händler- und Produzentenwissen, aus Kolonialherren-, Touristen- und Eingeborenensicht, in gemalter, geschnitzter, gegossener, gedruckter, gehäkelter und gepixelter Form. So gut wie alles, was übrig bleibt, wenn man die klassischen Künste abzieht, soll hier zu sehen sein, und das noch in besonders kunstvoller, wenngleich „offener“ Präsentation.
Gefahr der Beliebigkeit
Die Ausstellung unter der Federführung von Viola König, der Direktorin der Ethnologischen Sammlungen in Berlin-Dahlem, versucht jedem dieser Ansprüche irgendwie gerecht zu werden - auf fünfzigfach kleinerem Raum. Das kann nicht klappen. Trotzdem betritt man die auf fünf große und zwei kleine Räume im Obergeschoss des Alten Museums verteilte Schau mit geweckten Sinnen. Hinter einer Leibniz-Büste und einem Portal aus faksimilierten barocken Inventarblättern tut sich auf, was Königs Mitkurator Horst Bredekamp „das Theater des Wissens“ nennt. In einer subtilen Collage werden Erinnerungen an die Königliche Kunstkammer mit Objekten aus dem Berliner Völkerkundemuseum unter Adolf Bastian kombiniert. Es ist der historische Teil der Ausstellung, jener, der im Humboldt-Forum den geringsten Platz einnehmen soll.
Aber schon im nächsten Saal, der den ethnologischen Rundgang durch die Kontinente eröffnet, verwischt sich das Bild. Nicht nur, dass die Exponate aus Afrika, Asien, Amerika, Australien und Ozeanien weder klar voneinander getrennt noch programmatisch miteinander verbunden sind; auch der Zeithorizont ihrer Entstehung bleibt unscharf. Bilder des Chippewa-Malers David Bradley hängen neben Goldfiguren aus Peru, Benin-Bronzen neben arabischen Schleiertüchern, und eine „Drei-Kontinente-Flotte“ aus Schiffsmodellen spannt im Mittelgang die Segel auf. Vollends beliebig wird die Präsentation im letzten Saal, wo sich Schnecken- und Kachelsammlungen, Eskimo-Masken, Tondokumente aus deutschen Gefangenenlagern des Ersten Weltkriegs, Indio-Schnüre und Tierpräparate ein Stelldichein geben.
Verrückte Module
Das neue Weltkulturenmuseum, so verkünden es Hermann Parzinger und Viola König, soll vor allem aus „Modulen“ bestehen, beweglichen Ausstellungsteilen, die immer wieder ausgetauscht werden und so die Offenheit des „Weltwissens“ spiegeln. Aber wie wird ein Igelskelett aus Mitteleuropa oder ein Tanzlied vom Santa-Cruz-Archipel zum weltkulturellen Beweisstück, und wodurch lässt es sich im Bedarfsfall ersetzen? Auch das aufgeklärteste Museum braucht einen Leitfaden, eine Art Schlüsselerzählung, die dem Besucher den Blick auf seine Schätze öffnet. Doch eine solche Erzählung ist in der Konzeptausstellung im Alten Museum nicht zu entdecken. Stattdessen sieht man lauter unverbundene Einzelheiten, willfährige Details, die sich so oder auch anders ordnen lassen, die man, je nach der Laune eines Kurators, dereinst im Humboldt-Forum sehen wird oder auch nicht.
Mag sein, dass irgendwo in diesem Puzzle der Beliebigkeit der große Plan verborgen liegt. Dann wäre es gut, ihn bald herauszuholen, bevor die Energie der Schlossdebatte wieder verpufft und das einsetzt, was Calvino „Zerstörung“ nennt. Im Sternenreich der Literatur lassen sich solche Prozesse unendlich lang hinauszögern. Bei uns auf der Erde dagegen setzen sie oft schneller ein, als man „Humboldt“ sagen kann. Beim Weltkulturenmuseum im Berliner Schloss tickt jetzt die Uhr.