16.05.2011 · Horst Ademeit war besessen von der Idee einer gefährlichen Kältestrahlung. In mehr als sechstausend Polaroids aus dem Alltag wollte er diese Gefahr dokumentieren. Zeigt sich darin mehr sehen als nur seine Obsession?
Von Niklas Maak, BerlinWenn man es sieht, glaubt man es nicht: Über sechstausend Polaroidfotos, aufgenommen über einen Zeitraum von mehreren Jahrzehnten, minutiös durchnummeriert. Man sieht Zeitungen, Eisenteile, Stromzähler, Elektrokabel, Fahrräder, Alltagsdinge. Im weißen Rahmen, der ein Polaroid umgibt, hat jemand mit einem mikroskopisch feinen Stift ganze Romane notiert - pro Foto findet sich oft der Gegenwert von fünf engbedruckten Seiten: Fakten, Theorien, Anmerkungen, ein arabesker Irrgarten aus schwer zu entziffernden Worten.
Horst Ademeit hat 1989 begonnen, auf Polaroids Dinge in seiner Umgebung zu dokumentieren; er war besessen von der Idee, dass von bestimmten Dingen eine „Kältestrahlung“ ausgehe, die ihm schade. So entstand über die Jahre ein Konvolut, das wie ein streng konzeptionelles Kunstwerk wirkt, der Bilderatlas einer privaten Obsession, dem auf engstem Raum ein obsessiver Roman eingeschrieben ist. Wenn man weiß, dass es Ademeit darum ging, bedrohliche Strahlungen sichtbar zu machen, bekommen die Dinge, die man sieht, etwas Unheilvolles: Das Auto schaut böse, das Kabel sieht nach Verhängnis aus.
Die Begeisterung für Ademeits Arbeiten, die seit zwei Jahren durch Galerien und über Kunstmessen geistern und überall einhellige Begeisterung hervorrufen, hat zum einen mit dem gewachsenen Interesse an Konzeptkunst zu tun; formal kann man leicht Parallelen zwischen Ademeits Hinterlassenschaft und den obsessiven Ordnungssystemen und Serienbildern von Hanne Darboven oder den seit 1966 fortlaufenden Datumsbildern On Kawaras erkennen.
Zum anderen befriedigt Adameit eine Sehnsucht nach großen Sensationsfunden: Zu einer Zeit, in der Künstlerkarrieren von der Universität weg verfolgt werden, alle Vorgänge und Neuentwicklungen in der Kunstwelt überbelichtet und kleinste Neuerungen, rudimentäre Ideenfragmente, mit Erfinderpatenten bedacht werden, wächst offenbar die Sehnsucht nach dem großen unbekannten Werk, der blauen Blume der Gegenwartskunst, die über lange Jahre unbemerkt zu ungesehener Vollendung reifen konnte.
Geeint vom romantischen Schauder
Vor einigen Jahren wurde der tschechische Fotograf Miroslav Tichy entdeckt, der mit einer versteckten Kamera über Jahrzehnte Tausende von Frauen fotografierte und darüber verwahrloste. Urfigur der sogenannten „Outsider Art“ ist der 1973 in Chicago gestorbene Hausmeister Henry Darger, nach dessen Tod man ein 15.145 Seiten dickes, mit Hunderten von Illustrationen versehenes Manuskript mit dem Titel „The Story of the Vivian Girls“ fand, an dem Darger sein ganzes Leben arbeitete, ohne es je zu zeigen.
An all diesen Funden begeisterte die Kuratoren und Kritiker das Obsessive; sie waren vereint im romantischen Schauder vor einem Werk, dem jemand sein ganzes Leben opferte. Über Ademeit wurde immer wieder behauptet, er sei „nie mit der Kunstwelt“ in Kontakt gekommen. Mittlerweile weiß man, dass er, der 1937 geboren wurde und nicht mit dem gleichnamigen, 1912 geborenen deutschen Jagdflieger Horst Ademeit verwechselt werden darf, doch im Kontakt mit der Kunstwelt stand.
Untrennbar verbinden sich Text und Bild
Er studierte nach einer Anstreicherlehre Textildesign und ging dann an die Kölner Werkkunstschule, 1970 war er sogar bei Joseph Beuys an der Düsseldorfer Kunstakademie immatrikuliert, wurde in der Folge aber nicht als Künstler wahrgenommen. Es bleibt Spekulation, ob Ademeit zur Bewältigung einer Privatneurose auf Topoi und Formen der Konzeptkunst, auf die in der Kunst verbreitete Katalogisierung und Dokumentation von Erscheinungen des unmittelbaren Lebensumfelds, zurückgriff, ob hier also Konzeptkunst im Alltag angewendet wird oder diese Selbsttherapie in Bildern nur formal an eine Konzeptkunst erinnert, die sich ja auf außerkünstlerische Ordnungssysteme bezieht.
Die Text-Bild-Amalgamierung ist das Interessanteste an Ademeits Polaroids - sie wirken wie eine Umkehrung einer mittelalterlichen Buchmalerei, wo ein kunstvoller Text mit liebevoll ausgestalteten Illustrationen und Arabesken umrankt wurde. Die Texte sind wie die Bilder ein Versuch, der verwirrenden Vielfalt von Eindrücken Herr zu werden; oft lesen sie sich wie eine Variation eines Romans von Rolf Dieter Brinkmann.
Ademeits Bildserie ist der Auftakt einer Serie von kleinen Kabinettausstellungen im Hamburger Bahnhof, die sich übersehenen, randständigen Künstlerpositionen widmen will; das ist ein interessanter Ansatz und ein Versuch, die museale Kanonisierung des immer Gleichen, die man mit der Flick-Sammlung nebenan betreibt, mit einem eigensinnigeren Blick auf die Kunstgeschichte zu durchbrechen. Die Ademeit-Ausstellung erzählt jenseits davon aber auch von der Sehnsucht des Kunstsystems, Dinge als „Kunst“ zu identifizieren, die gar nicht als solche gedacht waren.