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Horror in Literatur und Film : In der Hölle von heute sucht der Teufel einen Job

Die kalte Hand der Angst: Nicht nur in „Bates Motel“ greift die Vorgeschichte nach den Lebenden wie ein am Tag erinnerter Albtraum. Bild: Polaris/laif

Schlimme Wahrheiten, böse Gleichnisse: Das Horrorgenre erlebt in Film, Fernsehen und Literatur eine dunkle Blüte. Nicht nur das neue Buch von Stephen King zeigt, wie lebendig die Gattung ist.

          Was ist ein „Schrecken ohne Opfer“? Die drei Worte könnten beruhigend klingen, weil es in einer Welt, die alle ständig ins Rennen um wenige gute Plätze schickt, doch erleichtert, zu wissen, dass man wenigstens hin und wieder kein Opfer werden muss, wo man nicht gewinnt. Aber die Wendung „Schrecken ohne Opfer“ klingt unheimlich, nicht tröstlich – nach Zukunftsangst oder Schatten an der Wand. Was sie bedeuten könnte, wollte im vergangenen Jahr der britische Schriftsteller Desmond Francis Lewis wissen und lud deshalb fünfundzwanzig Autorinnen und Autoren zur Arbeit an seiner Anthologie „Horror Without Victims“ ein.

          Dietmar Dath

          Redakteur im Feuilleton.

          Das Buch nimmt sich viel Freiheit, seinen Titel auszulegen. Alistair Rennie etwa erzählt darin von einem Mann, dem eigentlich nichts passiert und der deshalb zwar kein Opfer ist, aber dennoch für immer verändert wird – davon, dass sein Schicksal ihm einen erleuchteten Augenblick lang die Wahrheit darüber zeigt, wie gefährlich die Mitmenschen sind. Rennies Kollegin Aliya Whiteley schildert den Durchgang einer Frau durch ein entsetzliches Wartezimmer, bis sie von etwas gerufen wird, das man mit menschlicher Sprache nicht benennen kann – sie ist kein Opfer, weil wir kaum verstehen, was ihr zustößt.

          Das Realistische blutet ins Unwirkliche

          Die beunruhigendste Variante opferlosen Grauens aber hat sich Eric Ian Steele einfallen lassen: In seiner Miniatur „Clouds“ wird unsere Alltagswelt aus Steuererklärungen, Jobs, Fernsehsucht und Beziehungsmuff von etwas verspeist, das dabei zugleich jede Erinnerung ans Verschwundene (inklusive digitaler Speicherspuren) ohne Rest beseitigt – so dass es die Opfer rückwirkend einfach nie gegeben hat. „Horror Without Victims“ ist einer von zahlreichen Belegen dafür, dass die Horrorliteratur im reichen Westen und Norden – also nicht in Japan, Mittel- und Südamerika und Afrika, wo sie stets wohlauf war – seit etwa fünf Jahren wieder so interessant geworden ist, wie sie in diesen Regionen zuletzt Mitte der siebziger Jahre des letzten Jahrhunderts wurde, als Stephen King sich ihrer annahm.

          Die neue Blüte findet in Zeitschriften („Black Static“, „Cemetery Dance“, „Subterranean“), speziellen Verlagen (in Deutschland etwa Festa), Erzählungssammlungen, Romanen und auf besonderen Websites statt. Sie reicht von Schöpfungen eingestandenen Trash-Wahnsinns (hierzulande vor allem beim Weissblech-Comicverlag zu finden, der so schöne, verstrahlte Reihen wie „Horrorschocker“ und „Welten des Schreckens“ publiziert) bis in die respektablen Bezirke, wo die Literaturkritik für Gebildete ihre Fische fängt. Dort ist zuletzt die raffinierte Schwedin Karin Tidbeck mit makabren Arbeiten hervorgetreten, bei denen das Realistische ins Unwirkliche blutet und umgekehrt. Tidbecks nadelspitze Story „Vem är Arvid Pekon?“ („Wer ist Arvid Pekon?“), Titelstück ihrer Debütsammlung von 2010, hat ihr sogar (eher voreilige) Vergleiche mit Franz Kafka eingetragen (man denkt dabei an Werke wie „Die Sorge des Hausvaters“ und „Die Verwandlung“).

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