29.03.2007 · China fordert von Hongkong unablässig die „Liebe zum Mutterland“. Doch der Widerstand gegen die Vereinnahmung wächst. Das zeigte auch der erfolgreiche Bürgerprotest gegen das wohl kostspieligste Kulturprojekt der Welt.
Von Mark Siemons, Hong KongDie Blicke, die man von jedem höheren Stockwerk auf Hongkong werfen kann, machen perplex wie eh und je: diese schier unmögliche Mischung aus chaotisch ineinander verkeilten Hochhäusern und weiten Panoramen auf Berge und Meer. Man glaubt sofort, dass die großen Immobilienfirmen diese Stadt, in der noch das winzigste Stück Erde so viel wert ist, in der Hand haben, wie es hier immer heißt.
Aber seit neuestem weiß man auch, dass das kleinteilige Gewusel aus wirtschaftlichen und politischen Interessen nicht die Perspektive verstellt. Wen man auch spricht in diesen Tagen, jeder glaubt, dass die Stadt eine andere geworden ist, und Motor der Veränderung soll etwas sein, womit man in dieser Zweckgemeinschaft von Flüchtlingen, Abenteurern, Beamten und internationalen Spekulanten früher am wenigsten gerechnet hätte: Kultur.
Hongkong hat sich erholt
Nach außen herrscht der Status quo. Gerade wurde Donald Tsang, der Amtsinhaber und Kandidat Pekings, von den mehrheitlich nicht gewählten 789 Mitgliedern eines Wahlkomitees als Regierungschef bestätigt. Konstitutionell hat sich nicht viel verändert, seitdem Peking gleich nach der Übergabe der britischen Kronkolonie vor zehn Jahren die vom letzten Gouverneur Patten in letzter Minute eingeleiteten Reformen wieder rückgängig gemacht hat. Der alte und neue Regierungschef versprach jetzt allerdings, bis 2012 den Weg zu allgemeinen und freien Wahlen zu bahnen.
Der Wirtschaftsstandort Hongkong hat sich nach Asien-Krise und Sars wieder erholt. Die rechtsstaatlichen Institutionen sind geblieben. Und auch der Anschein des alltäglichen Lebens unterscheidet sich nicht groß von früher: Die Schulkinder tragen statt der in der Volksrepublik üblichen Trainingsanzüge weiterhin ihre College-Uniformen, die Leute stürmen zweimal in der Woche die Wettbüros für Pferderennen, der Linksverkehr gilt weiter, und die Schrittgeschwindigkeit auf der Straße bleibt hoch. Vor den Nachrichten kommt jetzt allerdings immer die chinesische Nationalhymne, und die meisten haben einen Pass für die „Heimkehr ins Mutterland“ erhalten.
Der Widerstand wächst
Der veränderte Ton in den Diskussionen Hongkongs ist weniger auf diese großen Einflusssphären, ob „Westen“ oder „Volksrepublik“, zurückzuführen, auf die bei der Übergabe der britischen Kronkolonie an China vor zehn Jahren die Weltöffentlichkeit gestarrt hatte. Er kommt eher von Leuten wie der streitbaren taiwanischen Essayistin Lung Yingtai, die an der University of Hong Kong lehrt. Als wir uns in einem kleinen malaysischen Lokal unterhalb der Universität treffen, spricht sie mit viel Zuversicht über die Entwicklung des demokratischen, zivilgesellschaftlichen Bewusstseins in Hongkong - auch wenn die politische Professionalität gegenüber Taiwan noch dreißig Jahre hinterherhinke. In vielen aufsehenerregenden Texten hat Lung scharf die Stadtregierung kritisiert, die mit ihrer Achtlosigkeit gegenüber der lokalen Kultur und dem chinesischen und Hongkonger Erbe eine immer noch koloniale Mentalität zu erkennen gebe: Den Kolonialherrn zeichne aus, dass er an den eigenen Dingen des von ihm ausgenutzten Landes nicht interessiert sei. Die von Peking propagierte „Liebe zum Mutterland“ sei dafür kein Ersatz, weil sie in Wirklichkeit Liebe zu den Herrschenden meine.
Das Neue ist, dass die Hongkonger Bevölkerung sich die pure Technokratie nicht länger gefallen lässt: Die Stadtregierung bekommt in letzter Zeit einen Widerstand zu spüren, der über den Kreis der Demokratischen Partei weit hinausgeht. Als am 1. Juli 2003 eine halbe Million Menschen gegen den ungeliebten Amtsvorgänger Tsangs, den Reeder Tung Chee-hwa, auf die Straße gingen, war der Anlass ein geplantes restriktives Sicherheitsgesetz. Doch die Demonstration war darüber hinaus die Selbstfeier einer recht heterogenen Zivilgesellschaft, die sich seither immer wieder zu Wort meldet: Da marschierten in unterschiedlichen Sektionen, aber doch innerhalb einer einzigen Demonstration außer demokratischen Politikern die Feministinnen der „Queer Sisters“, Repräsentanten der katholischen Diözese, die Interessenvertreter der Sexarbeiter, zahlreiche Nichtregierungsorganisationen, Amnesty International und vor allem jede Menge Nichtorganisierte.
Der kulturelle Vorbehalt
Wie viel Druck diese bunte Gesellschaft machen kann, wurde im Fall des „West Kowloon Cultural District“ deutlich, eines der mutmaßlich kostspieligsten Kulturprojekte der Welt. Die Regierung hatte der Öffentlichkeit das fertige Konzept eines Areals präsentiert, das Hongkong mit einem Schlag an die Spitze der internationalen Eventkultur katapultieren sollte: Auf vierzig Hektar Land, das dem Meer abgewonnen worden war, sollten für vierzig Milliarden Hongkong-Dollar (etwa vier Milliarden Euro) mindestens vier Museen und vier Theater und Konzertsäle entstehen, dazu Kunstschulen, Galerien und Ateliers; das Ganze unter einem spektakulären transparenten Baldachin, entworfen von dem weltberühmten Architekten Norman Foster und finanziert und realisiert von einem Konsortium von Immobiliengesellschaften ganz ohne öffentliche Beteiligung. Es war also ein Angebot, zu dem man nicht nein sagen kann; doch es geschah das völlig Unerwartete: Die Hongkonger lehnten es ab, und am Ende musste die Regierung es zurückzuziehen.
Ein erster Grund für den Widerstand war das mit den Jahren gewachsene Misstrauen gegen die Verfilzung der Politik mit den großen Immobilienunternehmen. Man wollte es nicht wieder dulden, dass die Sache wie beim Hightechpark „Cyberport“ im Hinterzimmer ausgemacht würde und ein einzelnes Konsortium ohne Debatte und Wettbewerb den Zuschlag bekäme. Der zweite Vorbehalt war ein spezifisch kultureller: Weder der künstlerische Inhalt der Gebäude noch deren Zusammenhang mit der Stadt hatten bei den Planungen eine Rolle gespielt. Und so geschah, was bisher noch nie geschehen war: dass sich Bürgeraktivisten mit Künstlern, Kuratoren und kulturinteressierten Bürgern zusammentaten, die das Projekt schließlich nach ungewöhnlich vielen Anhörungen, Diskussionen und Präsentationen zu Fall brachten. Inzwischen hat die Regierung ein Beraterkomitee ernannt, in dem auch mehrere Kritiker des Projekts sitzen. Es soll herausfinden, auf welchem Boden die Identität Hongkongs jenseits des bloßen Überlebenskampfs ruht und was daraus für die Stadt und den Kulturdistrikt folgt.
Die Entdeckung des historischen Erbes
Die Frage beschäftigt nicht nur die Kulturpolitiker. Der Abriss der „Star Ferry“, der gerade einmal neunundvierzig Jahre alten Fähranlegestelle mit Glockenturm, rief letztes Jahr einen verblüffend vehementen Protest hervor - nicht von Nostalgikern der Kolonialzeiten, sondern von Chinesen um die vierzig, für die die Fähre ein Anhaltspunkt ihrer eigenen Lebensgeschichte war. Später machten sich sogar Leute in den Zwanzigern die Sache zu eigen; es kam zu Sit-ins und Candle-Nights auf der Baustelle, und die Polizei schleppte die Demonstranten weg. Plötzlich entdeckten die vermeintlich nur im Jetzt lebenden Hongkonger ihr historisches Erbe. Die „Hochzeitskartenstraße“ ebenso wie das Victoria-Gefängnis, schließlich sogar ein traditionsreiches Pornokino wurden behende in den Identitätsdiskurs integriert.
Der Radius dessen, was zu Hongkong gehört, wird dabei unterschiedlich weit gezogen. Der deutsche Kurator Tobias Berger, der den kleinen, aber wichtigen Ausstellungsort „Para/Site Art Space“ leitet, sieht die Stadt im Zusammenhang von Macao, Kanton und Shenzhen im Perlflussdelta; nur aus diesem Kraftfeld heraus werde Hongkong kulturellen Einfluss entfalten und wahrscheinlich einmal Schauplatz der wichtigsten Kunstmesse Asiens werden. Auf den ganzen Erdteil zielt Claire Hsu, deren an der Hollywood Road ansässiges „Asia Art Archive“ ein Zentrum für Informationen, Filme, Bücher und Debatten über aktuelle asiatische Kunst ist; ihre jungen Scouts sind in vielen Ländern des Kontinents präsent. Und noch entgrenzter denkt Danny Yung, einer der unruhigsten und fruchtbarsten Geister der Stadt, der als Gründer der experimentellen Theatercompagnie „Zuni Icosahedron“ bekannt wurde. Warum, fragt er, sollte zum Beispiel das Hauptquartier der Unesco nicht in Hongkong stehen? Die Position am Rande und zugleich im Schnittpunkt vieler Kulturen könne die eingefahrenen Selbstverständlichkeiten der internationalen Kulturinstitutionen in Frage stellen und neu beleben.
Der kommunistischste Ort Chinas
Dieser denkbar globale Ansatz ist allerdings zugleich lokal grundiert. Wir treffen uns in der „School of Creativity“, die Yung gerade gegründet hat. Fünfzehn, sechzehn Jahre alte Schüler werden da außer im üblichen Lernstoff in Dramaturgie, Filmproduktion und Komposition unterwiesen: auch eine Art Identitätsbildung, an der Basis.
China- und Wirtschaftskreise reagieren irritiert auf den unerwarteten cultural turn des Finanzstandorts. Der Immobilien-Tycoon Ronnie Chang meinte schon, die Stadt sei mit ihren ständigen Quertreibereien „der kommunistischste Ort Chinas“ geworden. Und der stellvertretende Vorsitzende des Chinesischen Volkskongresses warnte Hongkong unverhohlen: „Don't be a loser!“ Wenn sich die Bevölkerung weiter so sehr um Politik kümmere statt um ihre Prosperität, werde sie ins Abseits geraten; besser verlege sie sich wieder auf „Selbstverbesserung“. Peking weiß: Alles, was hier passiert, wird über kurz oder lang Auswirkungen aufs Festland haben.