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Honderich-Streit : Eine Begründung, die in die Irre führt

Die erste Auflage von Ted Honderichs umstrittenem Buch „Nach dem Terror“ ist vergriffen. Jetzt gab der Suhrkamp Verlag bekannt, daß er von einer Neuauflage absieht- - mit irritierender Begründung.

          Gestern nachmittag verschickte der Suhrkamp-Verlag eine Pressemitteilung, in der er ankündigt, das Buch "Nach dem Terror" von Ted Honderich, das es soeben im Jubiläumsprogramm der "edition suhrkamp" veröffentlichte, nicht wieder auflegen zu wollen: "Die erste Auflage ist vergriffen. Die Rechte werden zurückgegeben." In der Begründung heißt es: "Wir bedauern, daß dem Verlag die Haltung des Autors zum palästinensischen Terrorismus nicht rechtzeitig deutlich wurde. Im Internet radikalisiert der Autor seine Position. Das, was im Buch noch Zitat ist, macht er sich dort zu eigen: ,The Palestinians are right to look back to Facist Germany and say they are the Jews of the Jews.' Ted Honderich hat die Ebene, auf der die Erörterung manifester und kontrovers diskutierter Konflikte möglich und notwendig ist, verlassen."

          Christian Geyer-Hindemith

          Redakteur im Feuilleton.

          Damit reagiert der Verlag auf einen offenen Brief Micha Brumliks, in welchem er Honderichs Traktat "antisemitischen Antizionismus" vorhält und den Verlag auffordert, das Buch "unverzüglich vom Markt zu nehmen". So richtig die Entscheidung des Verlags ist, so desinformierend ist die Begründung. In einem gewissen Sinne könnte man Honderich sogar gegen seinen Verlag in Schutz nehmen. Denn wenn er im Internet die diskutable Ebene verlassen hat, dann hat er sie auch schon im Buch verlassen. In einer Fußnote speziell für die deutsche Übersetzung hat Honderich - soll man sagen: fairerweise? - auf den entsprechenden Aufsatz im Internet hingewiesen. Es ist die Fußnote 14 auf Seite 236. Der Aufsatz wird nicht etwa nur zitiert, sondern wird sich ausdrücklich zu eigen gemacht: "Wenn Sie an meinen weiteren Überlegungen hinsichtlich des moralischen Rechts der Palästinenser interessiert sind, lesen Sie . . ." (es folgt der Titel des Aufsatzes im Internet, in dem der vom Verlag erwähnte Passus enthalten ist). Von einer Radikalisierung kann in der Sache nicht die Rede sein, allenfalls im Ton. Und diese Verschärfung gegenüber der Originalausgabe erfolgt bereits in der deutschen Übersetzung. Der schärfere Ton ist die Antwort auf einen entsprechenden Streit in Amerika, auf den Honderich in derselben Fußnote hinweist. Ein Streit, der dem Verlag wiederum "nicht bekannt" gewesen sei. Liest der Verlag nicht die Fußnoten, die er übersetzt?

          Wenn man Ted Honderichs Traktat von der ersten bis zur letzten Seite gelesen hat, dann wird man spontan Jürgen Habermas zustimmen wollen, der das Buch in der gestrigen Ausgabe der "Frankfurter Rundschau" ein "hemdsärmeliges Pamphlet" nannte, "mit dem ein wissenschaftstheoretisch gut ausgewiesener Philosoph auch einmal ein größeres Publikum erreichen möchte". Um so mehr fragt man sich, wie es kommt, daß Habermas das Buch dem Suhrkamp-Verlag zur Publikation empfahl.

          Um was für ein Buch handelt es sich? Der Haupttext selbst ist radikal. Dort steht, wie Brumlik korrekt wiedergab: "Ich für meinen Teil habe keinen ernsthaften Zweifel, um den prominenten Fall zu nehmen, daß die Palästinenser mit ihrem Terrorismus gegen die Israelis ein moralisches Recht ausgeübt haben." Im Haupttext steht auch: "Als Hauptopfer von Rassismus in der Geschichte scheinen die Juden von ihren Peinigern gelernt zu haben" - letzteres ein Zitat, über das Habermas, der das Buch offensichtlich nicht genau gelesen hatte, laut "aufgestöhnt" habe, als er es sich nach Brumliks Brief in deutscher Übersetzung noch einmal angeschaut habe.

          Wo ist der argumentative Ort solcher Stellen im Buch? In altlinker Utopie-Tradition stellt Honderich die Frage einer besseren Welt nach dem 11. September (Wie kann aus kurzem, schlechten Leben gutes, langes werden?). Sofern hinter dem dräuend-appelativen Stil Argumente durchscheinen, läßt sich als philosophische Position die eines Politik treibenden Utilitarismus ausmachen, welcher - und dies ist die scharf geschnittene These des Buches - einen "Terrorismus für Menschlichkeit" rechtfertigt. "Als seriöses und diskutables Prinzip bricht das Prinzip der Humanität nicht automatisch den Stab über sämtliche Formen des Terrorismus", schreibt Honderich, für den - wie der Blick auf seine Webside lehrt - "Terrorism for Humanity" ein Projekt ist, für das er Vorträge haltend und Artikel schreibend durch die Welt zieht. Insoweit wäre es eine Fehleinschätzung, nun von ein paar "Stellen" zu sprechen, die dem Autor wie zufällig durchgegangen sind in einem Buch, in dem es doch in Wirklichkeit um ganz andere Inhalte geht. Nein, die Wirklichkeit sieht so aus, daß Honderich ein Propagandist zwar nicht für jeden Terrorismus ist, wie er versichert (denn nicht jeder Terrorismus vermag die utilitaristische Rechnung zu begleichen und "hinreichend wirksam" zu sein). Er ist aber ein Propagandist für den palästinensischen Terror gegen Israel. Das Buch mit dem Titel "Nach dem Terror" ist für Honderich ein Buch zum Anlaß. Sein wirklicher Titel müßte lauten: "Für den Terror".

          Ist Honderich damit ein "antisemitischer Antizionist", wie Brumlik schreibt? Ob die Motivlage von Honderich antisemitisch ist, steht dahin. Es reicht, auf mögliche Überschneidungen von Antizionismus und Antisemitismus in der Wirkung hinzuweisen. Denn da hat der Utilitarismus recht: Auf die Wirkung kommt es an.

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