25.08.2010 · Dass die symbolische Gleichsetzung der Schicksale männlicher und weiblicher Homosexueller im Nationalsozialismus absurd ist, bestreitet inzwischen fast niemand mehr. Kann dann der unselige Streit um das Homosexuellen-Mahnmal nicht endlich beendet werden?
Von Andreas KilbBerlin ist ein Mosaik von Gedenkstätten: Texttafeln, Mahnmale, Stelen, Skulpturen, Orte der Information. Es würde Wochen dauern, sie alle zu besichtigen, so wie es Jahrzehnte gedauert hat, sie anzulegen. Irgendwann wird das Bild des zwanzigsten Jahrhunderts, das aus diesen vielen Splittern aufscheint, halbwegs vollständig sein. Noch aber fehlen einige wichtige Teile.
Ein bedeutendes Bruchstück hat jetzt die Stiftung Topographie des Terrors mit der Eröffnung ihrer neuen Dauerausstellung „Berlin 1933 – 1945“ an den freigelegten Kellermauern der einstigen Gestapo-Zentrale in der Niederkirchnerstraße eingefügt. Die Ausstellung, auf 72 Glastafeln ausgebreitet und mit elf Medienstationen bestückt, gibt einen vereinfachten, aber triftigen Überblick über die Geschichte der Hauptstadt im „Dritten Reich“, und sie wirft in ihren Anfangs- und Schlusskapiteln interessante Schlaglichter auf das Berlin der Weimarer Republik und die geteilte Stadt im Kalten Krieg. An teils kleinkarierter Kritik fehlt es dennoch nicht. So wird der Präsentation vorgeworfen, sie wechsle ständig zwischen Frosch- und Vogelperspektive, als läge nicht gerade in diesem Wechsel das Geheimnis vieler erfolgreicher historischer Ausstellungen der jüngsten Zeit.
Konsequenzen ziehen
Entscheidend ist aber etwas anderes. Wenn die Berliner Gedenkstättenlandschaft keine Ansammlung von Solitären sein soll, dann muss ihre allmähliche Vervollständigung auch Rückwirkungen auf das bisherige Ensemble haben. Unter dem Stichwort „Verfolgung der Homosexuellen“ etwa wird in der Topographie-Ausstellung mitgeteilt, weibliche Homosexualität sei zwar nicht strafbar gewesen, „konnte aber in Verbindung mit anderem nonkonformem Verhalten verfolgt werden“. Mit anderen Worten: Keine Lesbe wurde nur wegen ihres Lesbentums verfolgt. Wäre diese salomonische Klarstellung nicht Anlass genug, endlich den unseligen Streit um das Homosexuellen-Mahnmal im Berliner Tiergarten zu beenden?
Dort soll demnächst eine als Endlosschleife laufende Filmsequenz, die bisher zwei sich küssende Männer zeigte, durch das Video eines Frauenkusses ersetzt werden. Dass die symbolische Gleichsetzung der Schicksale männlicher und weiblicher Homosexueller im Nationalsozialismus absurd ist, bestreitet inzwischen fast niemand mehr. Nun, da die historische Wahrheit zum offiziellen Ausstellungstext geworden ist, sollte man auch die Konsequenz daraus ziehen. Oder gilt auch für die Berliner Gedenkstätten die alte Einsicht, dass Umdenken die schwierigste Form des Denkens ist?