Als es vor ein paar Tagen in den Klatschblättern hieß, Hollywood-Schönheit Charlize Theron habe eine Affäre mit ihrem Schauspielkollegen Eric Stonestreet begonnen, guckten manche irritiert: Warte mal, ist der nicht schwul? Stonestreet spielt in der ABC-Sitcom „Modern Family“ den exaltierten Cameron Tucker, der mit seinem Partner Mitchell (Jesse Tyler Ferguson) und der gemeinsamen Adoptivtochter Lily zum kompliziert verwobenen Clan der Pritchett-Dunphy-Delgados gehört, und wurde erst jüngst zum zweiten Mal mit einem Emmy für seine Darstellung ausgezeichnet.
Stonestreet, der sich selbst als „offen heterosexuell“ bezeichnet, reagierte per Twitter auf das Gemunkel um ihn und die schöne Südafrikanerin: „Ich wünschte, die Leute würden aufhören, Gerüchte über mich und Charlize Theron zu verbreiten. Das macht bloß Halle Berry eifersüchtig.“
Die Anziehungskraft von Hollywood-Promis auf dieses oder jenes Geschlecht war schon immer willkommener Anlass zu Spekulationen, aber so viel scheint inzwischen klar: Stonestreet steht auf Frauen, und mit Charlize Theron verbindet ihn bloß eine Freundschaft. Seine Beziehung zu Halle Berry liegt weiter im Dunkeln.
Ann Romney ist bekennender Fan der Serie
Nachdem das geklärt ist, kann man sich der Frage zuwenden, ob die Auszeichnung für die Darstellung einer homosexuellen Figur als Botschaft Hollywoods im gerade laufenden Wahlkampf zu werten ist. Ann Romney, deren Mann Mitt gegen die Homo-Ehe ist, bekannte sich kürzlich als Riesenfan der Serie. Oder ist der Emmy für Stonestreet vielmehr ein Zeichen der Zeit?
Der Schauspieler hat dazu seine eigene Meinung: „Die Schöpfer der Serie wollten eine Serie mit Figuren machen, die sie kennen“, sagte er dem „Kansas City Star“, einer Zeitung seines Geburtsorts. „Und wenn man in Hollywood lebt, kennt man auf jeden Fall Leute wie Cam und Mitch.“ Aber noch vor ein paar Jahren, fügte er hinzu, wäre eine solche Serie im Fernsehen kaum möglich gewesen. „Lebten wir in den sechziger Jahren, wären Cam und Mitch ’überzeugte Junggesellen’, und Lily wäre ein Yorkshire-Terrier.“
Vielleicht muss man so weit gar nicht zurückblicken. Es ist noch nicht lange her, da musste die Komödiantin Ellen DeGeneres nach ihrem Comingout erleben, dass ihre Comedyserie zunächst enorme Aufmerksamkeit erfuhr, nicht zuletzt weil auch die nach ihr benannte Hauptfigur sich zu ihrer lesbischen Veranlagung bekannte - nachdem jedoch Proteste von christlichen Gruppen auf den Sender einprasselten und die Quoten zurückgingen, wurde die Serie eingestellt. Das war 1997.
Sponsoren zogen sich zurück
Zwar gab es schon in den Achtzigern und Neunzigern homosexuelle Figuren im amerikanischen Fernsehen, deren Schicksal allerdings oftmals entscheidende Beschränkungen auferlegt waren - sie starben an Aids (wie Eddie, ein Prostituierter und Informant in der in vielerlei Hinsicht bahnbrechenden Polizeiserie „Hill Street Blues“) oder durften sich erst kurz vor ihrem Exitus aus der Serie outen (Serena Southerlyn in dem Justizdrama „Law & Order“).
Homosexueller körperlicher Kontakt wurde nur zwischen Frauen geduldet - in „L.A. Law“ tauschten zwei Frauen 1991 den ersten scheuen homosexuellen Kuss im Networkfernsehen -, und Grenzüberschreitungen forderten einen öffentlichen Skandal heraus. Als die ABC-Serie „Thirtysomething“ 1989 als erste zwei Männer zusammen im Bett zeigte, gingen Hunderte entsetzter Anrufe in der Redaktion ein, der Rückzug zahlreicher Werbekunden kostete den Sender 1,5 Millionen Dollar an Sponsorengeldern. Dabei war den beiden nicht einmal ein Kuss gegönnt, wie das Originaldrehbuch es eigentlich vorgesehen hatte. „Man schärfte uns sogar ein, uns nicht zu berühren“, erinnerte sich der Schauspieler David Marshall Grant später an die Szene.
1999 küssen sich endlich zwei Frauen in „Ally McBeal“
Erst um die Jahrtausendwende traute man sich ein wenig mehr. 1996 zeigte NBC bei „Friends“ eine Episode mit einer lesbischen Hochzeit, allerdings ohne Kuss. (Der erste gleichgeschlechtliche Lippenkontakt war hier erst 2002 zu bestaunen, dafür dann aber gleich zwischen Superstar Jennifer Aniston und Winona Ryder.) 1998 startete der Sender mit „Will und Grace“ eine erfolgreiche Comedyserie um eine heterosexuelle Frau, die mit ihrem schwulen besten Freund zusammenlebt, aber erst Anfang 2000 durfte Will seinem besten Freund Jack einen demonstrativen Kuss aufdrücken, und sicherheitshalber war die Motivation nicht Leidenschaft, sondern Protest. 1999 küsste Calista Flockhart Lucy Liu in „Ally McBeal“ - und gleich darauf kamen die Frauen zu dem Schluss, sie stünden doch eher auf Männer. Die Fernsehmacher waren ganz schön kreativ bei dem Versuch, skandalös zu wirken und doch die Werbekundschaft nicht vor den Kopf zu stoßen.
HBO, als Bezahlsender weniger empfindlich gegen Boykottaufrufe von religiösen Interessengruppen, schuf mit David Fisher aus „Six Feet Under - Gestorben wird immer“ 2001 die erste schwule Serienhauptfigur, die schwer mit ihrer eigenen sexuellen Identität zu ringen hatte. In „The Wire“ und „The Sopranos“ tauchten mit Omar Little und Vito Spatafore dann sogar schwule Gangster auf dem Bildschirm auf; Letzteren murksten seine Mitmafiosi deshalb schließlich ab. Bei Showtime, einem weiteren Bezahlsender, wurde mit „Queer as Folk“ (2000) und „The L-Word (2004) das homosexuelle Leben schließlich selbst zum Thema.
Das brachte nicht nur den Abosendern Zuschauerzulauf - „Queer as Folk“ wurde zu einem großen Teil von heterosexuellen Frauen eingeschaltet -, sondern brachte das Thema in die öffentliche Diskussion. Aber am Ende war der Durchbruch wohl der Produktivität und dem Erfolg hervorragender, offen schwuler Autoren wie Ryan Murphy (“Nip/Tuck“ und „Glee“, „American Horror Story“), Alan Ball (“Six Feet Under“ und „True Blood“) und Marc Cherry (“Desperate Housewives“) zu verdanken. Inzwischen gibt es im amerikanischen Fernsehen offen schwule Teenager (“Glee“), schwule Geister (“American Horror Story“) und schwule und lesbische Cartoonfiguren (“The Simpsons“) sowie mehrere homosexuelle Paare, die Kinder adoptieren (“Modern Family“) oder Leihmütter beauftragen (“The New Normal“).
Wenn die Gala-Saison naht, werden als Präsentatoren gerne offen schwule Schauspieler verpflichtet, Jane Lynch aus „Glee“ zum Beispiel oder Neil Patrick Harris, der in der auch in Deutschland erfolgreichen Serie „How I Met Your Mother“ einen aufgeblasenen Frauenhelden spielt. Homosexualität ist zur Normalität in der amerikanischen Fernsehlandschaft geworden. Oder?
Exaltierte Tucke oder schwuler Spießer
Nun ja, weibliche Figuren sind nach wie vor eher bisexuell als lesbisch. Oder sie „experimentieren bloß“, was sich vermutlich nicht zum geringen Teil durch die erotischen Vorstellungen von heterosexuellen Männern erklären lässt. Und im Branchenblatt „Entertainment Weekly“ kritisierte Kolumnist Mark Harris erst vor wenigen Tagen, Schwulenklischees würden in Amerikas Fernsehen weiterhin sorgsam gepflegt: Die exaltierte Tucke - „oh my God!“ - und der leicht spießige, ständig frustrierte Verantwortungsträger seien die ewigen Stereotypen; realistische schwule Paare: Fehlanzeige.
Als die Produzenten von „Modern Family“, dem neuen Fernsehdarling, die Figur von Cam zunächst Eric Stonestreets - offen schwulem - Schauspielkollegen Jesse Tyler Ferguson anboten, lehnte dieser ab, weil er statt der überschwänglichen Schwuchtel lieber den zurückhaltenden Mitchell spielen wollte. Stattdessen bekam Stonestreet den Part des Cam, den er nun genüsslich ausreizt - mit Mimik und Gestik, die er nach eigenen Angaben von seiner Mutter abguckte.
Aber Stonestreet hatte ohnehin schon früh ein Faible fürs Dramatische. Als Kind erfand er eine Clownsfigur namens „Fizbo“, und als Fizbo verdiente er sich ein paar Dollar auf den Geburtstagsfeiern jüngerer Kids. Mit einer Episode, in der er seinen alten Clown verkörpert und die den Titel „Fizbo“ trägt, gewann er 2010 seinen ersten Emmy für „Modern Family“.
„Ihr seid total cool“
Womöglich ist es Stonestreets Glück, dass Cam wie viele schwule Figuren in zeitgenössischen amerikanischen Fernseh-Comedys etwas Clowneskes hat - ähnlich, wie einst schwarze Darsteller bloß den Clown geben durften, bevor man sie in ernsteren Parts sehen wollte. Andererseits ist die Komödie ein Genre, das am Spiel mit Klischees seine Brötchen verdient. Marc Cherry, Schöpfer der „Desperate Housewives“, nahm sein eigenes Gewerbe in einer Szene seiner eigenen Serie geschickt auf die Schippe; da trifft Susan (Teri Hatcher) erstmals ihre neuen schwulen Nachbarn - und unter den skeptischen Blicken der beiden entfährt es ihr: „Also, ich gucke jede Menge Kabelfernsehen, ich weiß Bescheid, ihr seid total cool.“
“Modern Family“ sei in erster Linie Comedy, nicht Politik, meint jedenfalls Stonestreet: „Unser Ziel ist es, Leute zum Lachen zu bringen.“ Steven Levitan allerdings, einer der Produzenten der Serie, konnte es sich nicht verkneifen, über Twitter auf Ann Romneys Liebesbekenntnis für „Modern Family“ zu reagieren: „Bin begeistert, dass ModFam Ann Romneys Lieblingsserie ist. Werden ihr die Rolle der Pastorin für die Hochzeit von Cam und Mitch anbieten. Sobald es legal ist.“
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