12.07.2004 · Das Berliner Holocaust-Denkmal feiert Richtfest. Eine Gelegenheit zur Begehung des entstehenden Monuments - vom Ende der Assoziationen zum Alltag der Anschauung.
Von Heinrich WefingNoch ist das Berliner Denkmal für die ermordeten Juden Europas nicht vollendet. Von den 2751 Stelen aus schiefergrauem Beton, die der Entwurf des New Yorker Architekten Peter Eisenman vorsieht, sind bislang 1450 montiert worden. Zwischen den Vierkanten weht noch der Sand, und auch der unterirdische "Ort der Information" ist erst im Rohbau fertig. Bis zum Abschluß der Arbeiten werden noch Monate vergehen. Heute aber wird bereits Richtfest gefeiert, mit allerlei Ansprachen und einem deftigen Schmaus für die Bauarbeiter. Dieser Termin bietet Gelegenheit zu einer Begehung des entstehenden Monuments.
Wie bei allen Projekten, die sich nach langen, heftigen Diskussionen aus dem Nebel des Konjunktivischen herauszuschälen beginnen, stellt sich auch beim halbfertigen Mahnmal eine milde Trauer über den Verlust der Möglichkeitsformen ein: Nun, da man die ersten Stelen berühren kann, jetzt, da man probeweise zwischen den Betontafeln hindurchspazieren und das merkwürdige Gefühl der Vereinzelung, der Irritation, erfahren kann, das sich in diesem Dickicht aus Stein einstellt - nun verliert sich der schier unendliche Reichtum an Assoziationen, den ein Blick auf das Modell noch vermittelte.
Die ungeheuren, nicht selten widerstreitenden Erwartungen an diesen synthetischen Gedächtnisort müssen sich fortan am Gebauten messen lassen. Nicht jeder kann mehr alles davon erhoffen. Vor unseren Augen tritt es aus dem Luftreich der Phantasie hinüber in die Alltagswelt der Anschauung.
Asketischer Reiz
Eine der Überraschungen, die man dabei erlebt, ist die eigentümliche Anmut des Stelenfeldes. Wer sich der wogenden Anlage nähert, der stutzt zunächst über ihren ästhetischen Reiz. Nichts von all den düsteren Vorhersagen scheint wahr zu werden, die einen "Schandfleck", eine "offene Wunde im Herzen der Stadt" prophezeit hatten. Auch die gern beschworene Analogie des jüdischen Friedhofs in Prag leitet in die Irre.
Dank der außergewöhnlichen Detailqualität der Bauausführung, dank der feinen Abstufung der Grautöne und der edlen Oberflächen fehlt dem Vierkantensemble äußerlich alles Ruppige, Verstörende, Abweisende. Es verspricht eher den asketischen Reiz eines enormen "land art"-Projekts. Was aber, wenn das Mahnmal tatsächlich gefällig wird, vielleicht sogar schön? Was hieße das für seine Bedeutung und seine Akzeptanz?
Herbe Anmutung
Michael Blumenthal, der amerikanische Direktor des Jüdischen Museums Berlin, hat unsere Tage einmal den "Altweibersommer" der Erinnerung an den Holocaust genannt. Das Denkmal für die ermordeten Juden Europas ist zweifellos die üppigste Frucht dieser Spätzeit, aber sie schmeckt, um im Bild zu bleiben, schon deutlich nach Herbst. Vielleicht wird die Anmutung der Anlage noch herber, wenn sie fertig ist, aber einstweilen scheint sie wenig geschichtspolitische Säure zu besitzen. Und auf verschlungene Weise will es zu diesem Eindruck passen, daß es im Verlauf der Bauarbeiten ruhig geworden ist um das Mahnmal - sieht man einmal von dem kurzen Streit über die Beteiligung der Firma Degussa ab.
Daß die schier immerwährende Debatte pünktlich mit dem Beginn der Realisierung des Eisenmanschen Entwurfs zu ihrem Ende kam, bedeutet nun freilich nicht, daß das Mahnmal, wie häufig befürchtet, zum betonierten Schlußstrich des deutschen Gedenkens an den Holocaust werde. Das Gegenteil ist der Fall. Beinahe täglich geht ja die Diskussion über die angemessenen Formen der Erinnerung weiter, zuletzt, um nur zwei Berliner Beispiele zu erwähnen, mit dem Symposion der Stiftung "Topographie des Terrors" und mit der Diskussion um die Flick-Collection.
Institutionalisierte Erinnerung
Die Erinnerung an den Völkermord ändert im Prozeß ihrer eigenen Historisierung allerdings, wie vielfach beschrieben, ihre Modi. Weil sich langsam die Biographien auch der letzten überlebenden Opfer und Täter dem Ende entgegenneigen, wandert die Erfahrung des Zivilisationsbruchs aus dem individuellen Erleben vollends hinüber in die Speicher des kollektiven Gedächtnisses und ändert dabei gleichsam ihre Betriebstemperatur.
Die Erinnerung wird institutionalisiert, sie wird schriftlicher, akademischer werden, für die Republik nicht weniger prägend, aber vermutlich kühler; jedenfalls verliert sie an Unmittelbarkeit und womöglich auch an emotionaler Wucht. Vielleicht ist ja auch die bizarre Heftigkeit, mit der unlängst der Streit um die Sammlung von Friedrich Christian Flick aufgeheizt wurde, ein beinahe verzweifelter Versuch gewesen, diese Tendenz aufzuhalten. Vermutlich aber ist sie unvermeidlich. Und vielleicht werden wir mit der Vollendung des Holocaust-Mahnmals im kommenden Frühling auch symbolisch in den Herbst der Erinnerung eintreten.