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Holocaust-Forschung Wehler in der Sackgasse

20.12.2011 ·  An der Gesellschaftsgeschichte gescheitert, in die Führerbeschwörung ausgewichen: Eine Antwort auf Hans-Ulrich Wehlers Polemik gegen mein Buch „Warum die Deutschen? Warum die Juden?"

Von Götz Aly
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Für eines ist der emeritierte Bielefelder Historiker Hans-Ulrich Wehler bekannt: Er versteht sich als Präfekt der Glaubenskongregation für ordnungsgemäße Geschichtsschreibung. Mal schlägt er mich wegen „Vulgärmarxismus“ in Acht und Bann, mal, weil ich seinen Lehrer Theodor Schieder 1997 als eifrigen Nazi geoutet hatte, wo Schieder in den Augen seines Schülers allenfalls einem „zeitüblichen Honoratioren-Antisemitismus“ aufgesessen sei. Jetzt, nach meinem im August erschienenen Buch „Warum die Deutschen? Warum die Juden? Gleichheit, Neid und Rassenhass 1800 - 1933“, fragte ich mich schon länger: Wo bleibt Wehler? Endlich, am 13. Dezember, setzte er in dieser Zeitung auch dieses Werk auf den Index. Wehler trieb geringen argumentativen Aufwand und urteilte klar - ein „Flop“. Am Ende verpasste er den Verfassern freundlich gestimmter Rezensionen eine erzieherische Kopfnuss: Auf Aly „hereingefallen“!

Davon ganz unbeeindruckt, schickte mir der israelische Altmeister der Antisemitismusforschung, Yehuda Bauer, dieser Tage seinen Kommentar zu Wehlers neuestem Verdikt: „Die Amerikaner sagen dazu, as long as they spell my name right, I don’t care what they write.“ Zu meinem Buch meinte Bauer: „Ich habe es nicht gelesen, sondern verschlungen. Ich war wirklich überzeugt, ich verstünde etwas vom deutschen Antisemitismus, und habe von Ihnen gelernt, dass ich ziemlich wenig weiß.“ Wir sind nicht immer einer Meinung, doch verbindet uns die Überzeugung, man könne denselben geschichtlichen Vorgang mit gleichem Recht aus unterschiedlichen Perspektiven betrachten.

Der Holocaust nimmt keinen Sinn an

Ein solcher Gedanke wird Wehler für immer fremd bleiben. Er ist fleischgewordener Antiliberalismus. Vor einigen Monaten hielt ihm Bernhard Schlink im „Merkur“ vor, er erzähle Geschichte „nicht aus der moralischen Sicht von gestern“, sondern beurteile sie „von der Höhe heutiger Moral“. Schlink wählte die Überschrift „Die Kultur des Denunziatorischen“. Ähnlich wie einst Heinrich von Treitschke formuliert Wehler sein tagespolitisches Credo. Es lautet: Geschichtswissenschaft hat dezidiert „nach demjenigen Sinn zu fragen, den historische Aktionen unter theoretischen Gesichtspunkten von heute annehmen“, und sie hat „bewusst“ der „Schärfung eines freieren, kritischen Gemeinschaftsbewusstseins“ zu dienen.

Aus der ahistorischen Zielsetzung resultiert das zentrale Problem. Weil der Mord an den europäischen Juden „unter theoretischen Gesichtspunkten von heute“ mit Gewissheit keinen „Sinn annimmt“ und jede Sinnhaftigkeit der deutschen Nationalgeschichte nachhaltig stört, kann er von Wehler historisch nicht integriert werden. Seit 1995, seit der Veröffentlichung des vierten Bandes seiner „Deutschen Gesellschaftsgeschichte“, ist weithin bekannt, dass er das „Dritte Reich“ als Werk dämonischer, außergeschichtlicher Kräfte betrachtet. Auch in dem hier debattierten Text bemüht er den „ausschlaggebenden Einfluss“ des „charismatischen“ Adolf Hitler sowie der „Spitzen und großen Kader der NS-Bewegung“, ihres ganz persönlichen „giftigen Ideengebräus“.

Sie standen nicht unter dem doppelten Zwang

Wehler spricht von „großen Kadern“ und meint einfach das: Weder mein Vorbild Schieder noch meine Verwandten, noch das deutsche Volk haben die Grundlagen mitgeschaffen, die Auschwitz ermöglichten! Wer diese Einbildung pflegt, der braucht sich um die Entstehung des modernen deutschen Antisemitismus nicht zu kümmern, der will es bei Pseudoerklärungen belassen und erträgt es nicht, wenn jemand wie ich feststellt: Doch, der lange Weg zum Judenmord verlief zu keinem Zeitpunkt zwingend, aber er ist integraler Bestandteil der deutschen Gesellschaftsgeschichte. Wehler ist an der historiographischen Herausforderung Nationalsozialismus gescheitert und deshalb auf die Führerbeschwörung ausgewichen.

Je länger ich mich damit beschäftige, desto mehr versuche ich, den jeweils Handelnden in ihrem zeitlichen Horizont gerecht zu werden. Ich verwende für mein Buch, das die 130 Jahre bis 1933 umspannt, ausschließlich Quellen, die von Beteiligten oder Beobachtern der jeweiligen Epoche, also von Menschen stammen, die nicht wussten, was Deutsche den Juden Europas zwischen 1933 und 1945 antun würden. Diese Zeitgenossen standen noch nicht unter dem doppelten Zwang, ein schier unbeschreibliches Verbrechen zu erklären und zugleich Distanz herzustellen. Auf solche Weise lässt sich eine Fülle unterschiedlicher, auch verwirrender Einsichten in die Vorgeschichte des Holocaust gewinnen. Mit den Ergebnissen wende ich mich an die zahlreichen mitdenkenden, neugierigen und zur Selbstbefragung bereiten Leser und Leserinnen - nicht an irgendein „Gemeinschaftsbewusstsein“.

Der Antisemitismus nistete in allen Schichten

Die organisierten Antisemiten der Kaiserzeit waren nicht nur das, sondern auch Vorkämpfer unseres Sozialversicherungssystems. Sie färbten ihre Programme stark sozialistisch. Während des Ersten Weltkriegs und nach der Niederlage wurden die Übergänge vom proletarischen zum völkischen Kollektivismus fließend. Schon seit 1875 hatte die Verachtung des angeblich jüdischen Liberalismus britischer Prägung Zug um Zug die Oberhand gewonnen - parteiübergreifend von rechts bis links. In meine Darstellung beziehe ich viele Judengegner ein, die in kein Gut-böse-Schema passen und aus mancherlei Gründen (meinen) Respekt verdienen. Dazu zählen Achim von Arnim, Ernst Moritz Arndt, Friedrich List, Franz Mehring, Margarete Adam oder auch meine Großväter.

Ebenso einen Urgroßonkel, der meinem depressiv gewordenen, in der Revolution von 1848 aktiven Ururgroßvater 1890 tröstend dessen Lebensleistung, nämlich den sozialen Aufstieg der Familie ins Bildungsbürgertum, bilanzierte: „Nicht zuletzt die Gründung von fünf guten deutschen Familienständen, deren Haupt und Patriarch Du bist. Und kein Tropfen falschen Semitenblutes dabei - das ist doch auch etwas.“ Giftiges Ideengebräu? Nicht die wenigen, die lauthals schrien „Juda verrecke!“, bildeten die Basis für 1933 - ausschlaggebend war der lange eingefressene, in seinen Ausdrucksformen oft dezente, verhemmte, scheelsüchtige und dumpfe Antisemitismus, der in allen Schichten nistete.

Die Unterschiede liegen auf der Hand

Der schon mehrfach gegen mein Buch erhobene Einwand, auch in England, Italien, Russland oder Frankreich habe es eine deutliche Judenfeindschaft gegeben, ist so banal wie der Hinweis, dass es an vielen Orten der Welt regnet. Es kommt auf die lokalen Besonderheiten und Umstände an, unter denen Regen zur Sintflut anschwillt. Im Hinblick auf den Holocaust geht es in der Hauptsache um die Lokalität Deutschland. Die Unterschiede liegen auf der Hand. Frankreich und England verfügten anders als Deutschland über ein klar umgrenztes Territorium, sie hatten keinen Dreißigjährigen Krieg, keine napoleonische Besatzung erlitten, sie haben den Ersten Weltkrieg nicht verloren, sondern gewonnen und mit einem unklugen Friedensdiktat beendet.

Anders als in Deutschland waren die russischen Juden bis 1917 vollkommen entrechtet, während die preußischen Juden seit 1812 Rechtssicherheit und Gewerbefreiheit genossen. Ihnen gelang ein überaus schneller, bewundernswerter sozialer und wirtschaftlicher Aufstieg. Das unterschied sie von der ängstlichen, risikoscheuen und freiheitsfeindlichen Verhocktheit der deutschen Mehrheitsbevölkerung.

Juden machten im Jahr 1900 zehnmal so oft Abitur wie Christen, sie überwanden die Klippen des sozialen Aufstiegs drei- bis viermal so schnell wie diese und verdienten im Durchschnitt ein Mehrfaches. In dieser Spannung entstanden der stille, von Sozialneid und Missgunst, vom Gefühl eigener Schwäche geprägte deutsche Judenhass oder ebenjene typische, jedoch deutliche Reserviertheit gegenüber den „vorlauten“ Juden. Unbeholfene christliche Studenten, wenig innovative Unternehmer oder Kaufleute, die sich verkalkulierten, konnten nicht dauerhaft auf die besseren Ergebnisse der jüdischen Konkurrenten schimpfen. Das schadete der eigenen Moral, steigerte die Versagensangst. Es lag nahe, den Neid- und Sozialantisemitismus zur Rassenverleumdung weiterzuentwickeln, und die individuellen Versager erklärten sich zum superioren Volkskollektiv.

Götz Aly ist freier Historiker und Autor. Seine Bücher erscheinen im S. Fischer Verlag und werden in viele Sprachen übersetzt.

Quelle: F.A.Z.
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