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Hollywoods Kampfpiloten : In der Luft

Fast so schön wie einst in Technicolor: Flieger in „Dunkirk“. Bild: Melinda Sue Gordon

Die Luftaufnahmen in „Dunkirk“ orientieren sich an klassischen Kriegsfilmen. Doch wer wirklich großartiges Himmelsballett filmen will, der muss das Fliegen so sehr lieben wie einst Regisseur Howard Hughes.

          Christopher Nolans gerade angelaufener und mit allem Recht hochgelobter Kriegsfilm „Dunkirk“ spielt in und mit drei Schauplätzen: auf der Mole, auf der See, in der Luft. Letztere wird bevölkert von einer kleinen Gruppe englischer Jagdflieger, die sich bemühen, die deutschen Bombenangriffe auf die 1940 am Strand von Dünkirchen eingeschlossenen britischen Truppen einzudämmen.

          Dass es dabei etliche faszinierende Szenen gibt, liegt in der Natur der Sache: Im Luftkampf gibt es kein klar definiertes Unten und Oben, die Kamera fliegt mit und überschlägt sich genauso wie die Piloten im tödlichen Ballett ihrer Verfolgungsjagden und Ausweichmanöver. Wir sehen die Spitfires beinahe Flügel an Flügel fliegen, und wir wissen, dass Nolan hier keine Computertricks eingesetzt hat, sondern die Mittel des klassischen Actionkinos. Sogar das verwendete Filmmaterial (65 Millimeter) ist eines, das mit der Digitaltechnik ausgestorben schien, doch nostalgische Tiefendimension und Farbsättigung der Aufnahmen haben ihren Sinn, weil sie die Ästhetik großer klassischer Kriegsfilme („Patton“ zum Beispiel oder den wunderbaren „Leben und Sterben des Colonel Blimp“) in Erinnerung rufen.

          Ein Liebesduett am Himmel

          Nicht zuletzt sehen die Farben bei Nolan so aus wie bei den Hollywoodfilmen aus jener Zeit, in der die Handlung spielt: Alles erscheint in Technicolor. Der letzte Film in dieser Technik kam 1957 in die Kinos: „Jet Pilot“, auch ein Kriegs-, ein Kalter-Kriegs-Film, jedoch komödiantisch geprägt, weil da ein kerniger amerikanischer Luftwaffenoffizier (John Wayne) von einer kühl kalkulierenden, bildhübschen russischen Geheimagentin (Janet Leigh) scheinbar an der Nase herumgeführt wird. Dubiose amouröse Schleichwege zwischen der Sowjetunion und den Vereinigten Staaten haben andere Filme ebenfalls inszeniert, und zwar witziger: „Ninotschka“ oder „Eins, zwei, drei“ zum Beispiel, aber Lubitsch und Wilder waren auch andere Größen, was Sarkasmus angeht, als ihr Mitemigrant Josef von Sternberg, der bei „Jet Pilot“ auf dem Regiestuhl saß.

          Wer hinter dem Regiestuhl stand, war allerdings noch wichtiger: der Produzent Howard Hughes, selbst ein begeisterter Pilot. „Jet Pilot“ sollte seine Liebeserklärung nicht an die russische Spionin, sondern ans Fliegen sein, und deshalb wurde der Film zwar 1950 planmäßig fertig, doch Hughes ließ jahrelang außerplanmäßig immer wieder neue Flugszenen drehen. Wayne und Leigh wurden derweil älter, aber das machte nichts, denn hier waren ja die Flugzeuge die Hauptdarsteller. Die menschlichen Akteure mussten gar nicht mehr ins Studio zurück, der Nachdreh fand am Himmel statt.

          Und dabei gelang Hughes mit der unbeholfenen Kameratechnik der fünfziger Jahre ein mindestens ebenso brillant choreographierter und aus der Luft gefilmter Flugzeug-Pas-de-deux wie nun Nolan in „Dunkirk“. Nur dass der aus „Jet Pilot“ mit all seinen Rollen, Turns, Abschwüngen, Sink- und Steigflügen eben ein Liebesduett ist, was die Flugszenen in mehrfachem Sinne zum Herz des Films macht. In „Dunkirk“ liegt dagegen unter den Einstellungen in der Luft ein permanentes Uhrenticken: kein Herzschlag, ein Countdown bis zum Absturz. Da ist das Fliegen nur Kampf ums Überleben, auch seitens der Filmtechnik. In „Jet Pilot“ wird es geliebt, und deshalb sind die Szenen in der Luft im älteren Film noch großartiger. Ewig jung.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

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          Quelle: F.A.Z.

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