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Hollandes Wahlkampf : Denk an Blumen für Valérie

Am Ende hat er selbst geweint: Laurent Binet in Paris Bild: ddp images/SIPA

Der französische Schriftsteller Laurent Binet hat François Hollande im Wahlkampf begleitet. Das daraus entstandene Buch, das dieser Tage erscheint, schont zumindest die Auftraggeberin über Gebühr.

          Er war zu früh gekommen. Um sich die Zeit zu vertreiben, drehte Laurent Binet eine Runde um die Häuserzeile: „Wohnviertel, modern, gehoben und seelenlos“, notierte der Schriftsteller. Beim Betreten begegnete er Jean-Marc Ayrault, inzwischen französischer Premierminister: „Eine gute Idee, die Blumen.“ Sie waren für Valéry Trierweiler bestimmt, die Lebensgefährtin des Gastgebers.

          Jürg     Altwegg

          Kulturkorrespondent mit Sitz in Genf.

          In der Wohnung saßen und standen alle vor dem Fernseher, keiner beachtete Binet. Nur vom Bildschirm her kannte er die meisten Anwesenden. Es war der 16. Oktober 2011. In den Nachrichten wurden die Resultate der Primärwahl der französischen Linken verkündet: François Hollande wurde zum Präsidentschaftskandidaten gegen den Amtsinhaber Nicolas Sarkozy gekürt. Und Laurent Binet würde ihn während des gesamten Wahlkampfs begleiten - als in die Kampagne „eingebetteter“ Schriftsteller.

          Sarkozy, „der Schweinehund“

          Valérie holte Champagner aus dem Kühlschrank. Doch Hollande, der im Fernsehen die Reaktion der unterlegenen Martine Aubry verfolgte und vor dem Gang in die Parteizentrale noch herausgeputzt werden musste, lehnte ab: „Ich bin schon besoffen genug.“ So steht es in Binets Bericht. Das Buch erscheint diese Woche in Frankreich, und am vergangenen Wochenende publizierten die Magazine Vorabdrucke und Interviews. „Rien ne se passe comme prévu“ heißt das bei Grasset verlegte Buch: Nichts geschieht wie geplant. Binet hatte Zugang zu Hollande, wenn die Journalisten draußen bleiben mussten. Sie nannten ihn deshalb „Yasmino Rezo“ - nach der Dramatikerin Yasmina Reza, welche die Gattung der literarischen Wahlkampfbeobachtungen 2007 begründet hatte: Hautnah verfolgte sie damals Sarkozy und durfte berichten, was sie hörte oder sah - es gab kein „off“. Das Risiko machte sich bezahlt: Sarkozy und Hollande gewannen. Und potentielle Sieger denken schon im Wahlkampf ans Denkmal für die Geschichte. Noch immer kann so etwas niemand besser stiften als die Dichter.

          In der Gegenwart aber zählt nur das Fernsehen. Binet schildert, wie Hollande die Auftritte von Sarkozy kommentiert, den er im engeren Kreis „den Schweinehund“ nennt. Am Wahltag warten die Kandidaten nicht auf die offiziellen Resultate des Innenministeriums. Sie misstrauen auch den verlässlichsten letzten Hochrechnungen. An ihren Sieg glauben sie erst, wenn er dem Volk im Fernsehen verkündet wird. „Es ist zehn vor acht. Wir sind rund dreißig in Hollandes Büro“ - Bildstörung. Für einmal wird sogar Hollande ausfällig und die Panne schnell behoben. Hollande sieht auf dem Bildschirm seinen Sohn. Hand in Hand warten François und Valérie: Zehn, neun, acht . . . „als sein Gesicht auf dem Bildschirm erscheint, stehen alle auf. Sie gratulieren und umarmen sich und so lächerlich es ist: Ich weine.“

          Normalität ist bei Hollande Programm

          Zehn Jahren lang hatte sich Laurent Binet zuvor in den SS-Offizier Reinhard Heydrich hineinversetzt und über den Leiter des Reichssicherheitshauptamts das Buch „HHhH“ (in Deutschland bei Rowohlt erschienen) geschrieben: Hitlers Hirn heißt Heydrich. Valérie Trierweiler hatte ihn danach für „Paris-Match“ interviewt. Aus diesem Zusammentreffen entstand das Projekt eines Nachfolgebuchs zu Yasmina Rezas „Frühmorgens, abends oder nachts“. Deren Begleitbuch zu Sarkozys Wahlkampf von 2007 ist ein unerbittlicher Schlagabtausch zwischen zwei Egomanen ohne Skrupel und Selbstzweifel - und auf Augenhöhe. Beide wollen die Welt beherrschen: Yasmina Reza erschafft sie nach eigenen Vorstellungen im Theater, Sarkozys Bühne ist die Politik. Am Abend des Triumphs befand sich Yasmina Reza allein mit Sarkozy. Vor dem Bildschirm.

          Der um Rücksicht, Wahrheit und Fairness bemühte Laurent Binet schont zumindest seine Auftraggeberin über Gebühr. „Niemand kennt Hollande, nicht einmal ich“, hat Valérie Trierweiler ihm gesagt. Doch Binet interessiert sich nicht wirklich für den Sozialdemokraten, der seine „Normalität“ zum Programm erhoben hat. Jedenfalls erkennbar sehr viel weniger als für Heydrich. Und lieber hätte Binet selbst den Revoluzzer und großen Rhetoriker Jean-Luc Mélenchon gewählt.

          Ein aufschlussreicher Wahlkampfbericht

          Greifbarer als der jetzige französische Staatspräsident wird im Buch über seinen Wahlkampf dessen Autor. Mit seinen Blumen in der Hand fühlte sich Binet bei Hollande „ziemlich doof“ und wusste nicht recht, wohin mit ihnen. Auch für den 27. November hatte ihm Valérie Trierweiler eingebleut, ja nicht zu spät zu kommen. Binet wartete vor dem Eingang und tat so, als ob er „L’Équipe“ läse: „Hollande liebt den Sport“. Im Auto wagte er es dann nicht, Hollande bei der Zeitungslektüre zu stören. Zu dritt saßen sie im Fonds. In seiner Verlegenheit verwickelte der Chronist die Gefährtin des Kandidaten in ein Gespräch über ihre drei schulpflichtigen Kinder aus zweiter Ehe. Bei der Ankunft „sind alle erleichtert“.

          “Man kann nicht eine Biographie über Roger Federer schreiben und das Tennis ausklammern“, sagt Laurent Binet über Yasmina Rezas Buch. Ihm sei es deshalb jetzt darum gegangen, auch die Nebenrollen zu skizzieren und die Statisten zu porträtieren. Er hat einen informativen, aufschlussreichen Bericht über den Wahlkampf vorgelegt. Auf emblematische Weise illustriert das Buch die Veränderungen, für die der Übergang von Sarkozy (und in Binets Fall Heydrich) zu Hollande steht. Man darf ihn als demokratischen, vielleicht sogar gesellschaftspolitischen Fortschritt bezeichnen. Doch als literarische Figur war Sarkozy ergiebiger. Und Yasmina Reza die bessere Porträtistin.

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