Die Kanzlerin trug weiß, der Präsident etwas Dunkles. Der Einfall der Abendsonne ins Kanzleramt war am Donnerstagabend so brutal ungünstig, dass man nicht viel mehr erkennen konnte und beide nur als zwielichtige Gestalten wahrnahm. Von François Hollande war nur die dem Fenster zugewandte des Gesichts zu erkennen. Hätten die beiden etwas Wichtiges verkündet, hätte sich Sekunden später ein Verschwörungstheoretiker gefunden, der bezweifelt hätte, dass das überhaupt Hollande war. Er sah aus wie ein anderer. Von Angela Merkel waren nur die Haare von der Sonne beschienen.
Optische Täuschungen
In der Kritik der Politik wird die Inszenierung oft als eine Kategorie minderer Güte oder Wichtigkeit bewertet, als sei sie nur die dünne, bunte Verpackung dessen, worauf es eigentlich ankommt, sogenannte Inhalte oder Sachthemen. In Wahrheit kann man beides nicht trennen. Demokratie lebt vom öffentlichen Wort und die Fragen, wo es gesprochen wird, von wem und wie das alles aussieht, sind Teil des Prozesses. Darum sieht man Abgeordnete und Minister selten in Bermudas und Flip-Flops, das ist ja auch gut so. Nichts Gutes sagt uns dieses Bild vom Donnerstag, in dem die Silhouetten des Präsidenten und der Kanzlerin zu einem Testbild für optische Täuschungen verschwammen, einer Vorlage für MC Escher, oder einem Beispielfoto im Handbuch der Amateurfotografie unter dem Titel „So nicht.“ Dann sagte die Bundeskanzlerin noch diesen Satz, den absolut schlimmsten Satz, den man vor einer Begegnung sagen kann: „Wir werden uns nicht langweilen.“ Wenn Sie jemandem den Besuch einer Komödie verderben möchten, dann versprechen sie ihm, dass er Tränen lachen wird.
Und wenn sie einen Termin in eine verklemmte Sache verwandeln wollen, so komplett mit peinlichen Gesprächspausen, verstohlenen Blicken zur Uhr und sich unter dem Tisch selbst kneifen, um durch den Schmerz abgelenkt zu werden vom Mahlstrom existentieller Langeweile, dann sagen sie zur Begrüßung genau diesen Satz: „Wir werden uns nicht langweilen.“ Merkel klang, während sie den Satz sagte, bereits gelangweilt. Hollande schien während seines Statements - er schilderte seinen Eindruck, die Kanzlerin nicht etwa wiederzusehen, sondern nie verlassen zu haben - leise zu seufzen. Es wirkte, als hätten Merkel und Hollande den Faden verloren, als bräuchten sie Hilfe, ohne darum bitten zu können.
Well said Madame Kanzlerin !
Egon Weissmann (EgonOne)
- 26.08.2012, 02:44 Uhr