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Veröffentlicht: 14.02.2016, 22:19 Uhr

Hörspiel „Manhattan Transfer“ So vielstimmig haben wir New York noch nie gehört

Der Roman „Manhattan Transfer“ bekommt einen völlig neuen Klang – und profitiert dabei von einem bestens besetzten Ensemble. Das Ergebnis? Faszinierend!

von Carolin Würfel
© Jens Gyarmaty Effi Rabsilber, Kathleen Morgeneyer und Ulrich Noethen (v.l.n.r.) leihen den Figuren in John Dos Passos’ „Manhattan Transfer“ ihre Stimmen.

Jedes Hörspiel ist ein Neuanfang. Es gibt kein Davor und kein Danach. „Der Zauber“, sagt Leonard Koppelmann an diesem verregneten Dienstag im Berliner Studio des Deutschlandradios, „entsteht, wenn dieser Dampfkessel es schafft, das Draußen verschwinden zu lassen. Wenn sich das Hörspiel verselbständigt und das, was vorher Papier und Druckerschwärze war, zu leben beginnt.“

Leonard Koppelmann sitzt hinter einem riesigen Mischpult auf einem dieser überdimensionierten Bürostühle. Er trägt rote Chucks von Converse – die passen zur roten Hose – und eine Brille mit gelb getönten Gläsern. Wie er da so sitzt, erinnert an die MTV-Realityshow Cribs und die Folge im Haus des amerikanischen Rappers Dr. Dre. Koppelmann produziert seit Jahren Hörspiele. Immer wieder ist er in seiner Karriere über „Manhattan Transfer“ gestolpert, den epochalen Roman des amerikanischen Autors John Dos Passos: in Sekundärliteratur, durch „Berlin Alexanderplatz“ von Alfred Döblin oder „Ulysses“ von James Joyce, die anderen beiden großen Romane großstädtischer Vielstimmigkeit - aber die erste Dos-Passos-Übersetzung von Paul Baudisch 1927 fand Koppelmann „einfach nicht gut genug, um einen Zugang zu finden“.

Das Kaleidoskop einer Stadt

„Manhattan Transfer“, erschienen 1925, ist eine Totalansicht auf die Stadt New York, seine Bewohner und ihren täglichen Kampf um Erfolg, Liebe und Prestige. Ein epischer Krankheitsbericht in Straßenschluchten, Mietskasernen und Wolkenkratzern aus der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg bis in die zwanziger Jahre hinein. Der Titel bezieht sich auf einen Umsteigebahnhof in New Jersey.

Fast neunzig Jahre nach der Erstveröffentlichung hat sich Dirk van Gunsteren an eine neue, zweite deutsche Übersetzung gewagt, angeregt von Dos Passos’ Erben. Im Mai wird sie im Rowohlt Verlag erscheinen. Parallel dazu wird eine Hörspielfassung gesendet, produziert vom Südwestrundfunk unter Regie von Leonard Koppelmann. Jetzt, wo die Neuübersetzung die ungelenken Formulierungen entknotet, die falschen durch die richtigen ersetzt und den Ton des Originals fast getroffen hat (ganz klappt es ja nie), ist er diesem gigantischen Montagewerk endgültig verfallen. „Es ist eigentlich wie ein Drehbuch und ein Kaleidoskop einer Stadt. Ich liebe es.“ Und während Koppelmann das sagt und lacht, kommt der Schauspieler Andreas Pietschmann ins Studio, mit einem Grinsen im Gesicht, und umarmt Koppelmann wie einen alten Freund, den man lange vermisste: weite Arme, langes Klopfen.

© SWR „Elaines Song“, gelesen von Maren Eggert

Das „On Air“-Zeichen leuchtet. Effi Rabsilber und Max von Pufendorf stehen hinter der Glasscheibe im Studio und sprechen ihre Rollen Ruth Prynne und Jimmy ein. „Gebe dafür ein Achtung und läuft.“ Sie lesen Szenen aus dem Kapitel „Edle Dame auf weißem Ross“. Seine Stimme klingt warm und charmant, ihre grell, dann glucksend kichernd hinter einem Vorhang, der den Raum akustisch kleiner macht. Leonard Koppelmann hat den Roman zusammen mit Hermann Kretzschmar, der auch für die Komposition der Musik zuständig ist, und dem SWR-Dramaturgen Manfred Hess hörspieltauglich bearbeitet. Kleine Kunstgriffe statt großer Gesten lautete das Konzept. „,Manhattan Transfer‘“, sagt Koppelmann, „bietet in seiner Gegenwärtigkeit genügend Anknüpfungspunkte für Großstadtleben heute.“ Und das ist tatsächlich das Großartige an diesem Roman: dass er nicht seiner Entstehungszeit verhaftet bleibt, sondern mithalten kann.

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