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Hochzeit auf Taiwanesisch Ich liebe mich

 ·  Die Ehe zwischen Menschen und Bäumen, Büchern, Büros gibt es schon. Doch diese Liebschaften sind meist nur einseitig. Wieso dann nicht gleich das eigene Ich ehelichen, wie es eine Taiwanesin nun tat?

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Es ist nicht so, dass die Welt an ungewöhnlichen Eheschließungen arm wäre. Viele sind mit ihrem Büro verheiratet, die Sängerin Katja Ebstein führte darüber mit dem Schlager „Dann heirat’ doch dein Büro“ sarkastisch Klage. Wie hoch die Scheidungsrate ist, hängt von der Lage auf dem Arbeitsmarkt ab. Besonders die Inder lassen sich bei der Ehe immer wieder etwas einfallen.

Eine Sechzigjährige heiratete vor Jahren ein Buch mit dem Titel „Bhagavad Gita“ (wir berichteten darüber): die zweitausend Jahre alte Unterweisung Lord Krishnas über die Kunst des richtigen Lebens und Handelns in der Welt, die wahre Natur des Menschen und seiner Beziehung zu Gott, hierzulande 482 Seiten dick und 24,90 Euro teuer. Gelegentlich kommt es in Indien auch zu Eheschließungen mit heiligen Tieren und sogar Bäumen. Aber das ist alles noch recht unexzentrisch, ja, bürgerlich-langweilig im Vergleich zu der Meldung, die uns aus Taiwan erreicht: Dort hat Chen Wei Yi sich nun selbst geheiratet.

Triftiger Scheidungsgrund für die Trennung von mir

Am Wochenende gab sie sich vor einer dreißigköpfigen Festversammlung in einem Hotel das Jawort, nachdem sie dreißig Jahre lang in wilder Ehe mit sich selbst gelebt hatte. Für die Braut ist es schon die zweite Ehe, denn die Angestellte war vorher lange mit ihrem Büro verheiratet; über das Vorleben des Bräutigams ist nichts bekannt. „Wir müssen uns selbst lieben, bevor wir andere lieben können“, sagte das frisch vermählte Paar in herzlicher Übereinstimmung.

Rein psychologisch ist da was dran – über das Ich zum Du oder so ähnlich. Martin Buber formulierte das so: „Den Menschen, zu dem ich Du sage, erfahre ich nicht. Aber ich stehe in der Beziehung zu ihm, im heiligen Grundwort Ich-Du. Erst wenn ich daraus trete, erfahre ich ihn wieder. Erfahrung ist Du-Ferne.“ Vielleicht hat Chen Wei Yi auch an das biblische „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst“ gedacht und wollte den Spruch irgendwie umkehren, wobei sie wahrscheinlich vergessen hat, wie sehr die Selbstliebe gesellschaftlich im Trend liegt. Aber was ist, wenn sie sich einmal nicht mehr liebt? Das Büro wird sie dann kaum zurücknehmen wollen, da sind Sitzengelassene empfindlich. Dann wird sich Chen Wei Yi einen triftigen Scheidungsgrund überlegen müssen, abgesehen davon, dass Scheidungsrichter wohl auch auf Taiwan darauf bestehen, dass beide Parteien vorher ein Jahr getrennt leben müssen, bevor sie geschieden werden. Erst dann wird man „unüberbrückbare Differenzen“ ins Feld führen können. Der psychologische Fachterminus lautet: Schizophrenie.

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Jahrgang 1965, stellvertretender Leiter des Feuilleton.

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