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Hochwasser, bayerisch : Welch dreiste Verhöhnung der Kräfte der Fluten!

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Zu nah am Wasser gebaut? Das Urkloster Weltenburg hat Glück, die Flut leckt nur an den Fundamenten. Bild: dpa

Noch einmal mit trockenen Mauern davongekommen: Das Hochwasser lehrt uns Machbarkeitsfreunde Glaube, Liebe, Hoffnung. Und es lehrt, dass Bayern nicht das Kernland der Berge, sondern des Flusses ist.

          Das Land Bayern ist an der Donau entstanden: Im fünften und sechsten Jahrhundert wanderten entlang des Flusses die Baioarii ein, gebildet aus in Böhmen verbliebenen Resten der Völkerwanderung, und füllten die verlassene römische Provinz Raetien wieder auf. An der Donau lag ihre Hauptstadt Regensburg auf den Ruinen der römischen Stadt Castra Regina. Und von der anderen Seite her, ebenfalls entlang der Donau, wurde das neu entstandene Stammesreich der Bajuwaren der im siebten und achten Jahrhundert christianisiert.

          Die Donau war der Haupthandelsweg vom Reich der Karolinger nach Byzanz, die weiten Flächen am Fluss sind fruchtbar und leicht zu bestellen: Nicht die Berge der weiß-blauen Idylle sind das Kernland der Bayern, es ist der Fluss, der das Land von West nach Ost verbindet. Wie an einer Perlenkette aufgereiht sind hier die frühen Zeugnisse des Bayernvolkes, hier tritt es aus der Völkerwanderung in die niedergeschriebene Geschichte, und deshalb sind auch die meisten bedeutenden Urklöster nahe am Wasser: Weltenburg, St. Emmeram, Metten, Mariahilf in Passau und Niederaltaich.

          Die meisten Klöster halten dabei einen gewissen Sicherheitsabstand zum Fluss, mit einer spektakulären Ausnahme: Weltenburg ist fast schon eine dreiste Verhöhnung der Kräfte der Fluten und ganz nah am Donaudurchbruch bei Kelheim auf einer Kiesbank errichtet. Oben auf den Hügeln wäre man sicher gewesen; aber man wollte die Nähe zu dieser kritischen Stelle des Flusses, bevor es zwischen schroffen Felswänden über gefährliche Strudel und Untiefen nach Weltenburg geht. An der Front zum Fluss sind die historischen Hochwassermarken angezeichnet: Es sind viele, und sie sind sehr hoch.

          Niederaltaich ist die Blaupause

          Aber weil Weltenburg so viel Erfahrung mit den Fluten hat, ist es diesmal mit trockenen Mauern davongekommen. Nur an den Fundamenten der Barockanlage der Brüder Asam hat das Wasser geleckt. Aber hinter Regensburg sind die Dämme bei Niederaltaich gebrochen. Es geht als niederbayerisches Dorf durch die Medien, aber über dem Dorf erhebt sich die Abtei, deren Bedeutung für die Landesgeschichte kaum zu überschätzen ist.

          Denn der Auftrag zur Gründung kommt vom Stammesherzog Odilo, und umgesetzt wird er vom Heiligen Pirmin und von Mönchen des Klosters Reichenau, die viel Erfahrung beim Aufbau von Gebäuden, Infrastruktur, Machtbereichen und neuen Ortschaften haben. In Niederaltaich entsteht keine weltabgewandte Glaubensgemeinschaft, sondern das Zentrum der Kolonisierung des Bayerischen Waldes, Ostbayerns und später, unter den Karolingern, weiter Teile des heutigen Österreichs. Es geht um die Entwicklung des Landes, um das Roden der Wälder und die Trockenlegung der Sümpfe.

          Niederaltaich ist dafür die Blaupause. Der Name „Altaich“ steht für einen Altwasserarm des Flusses, über dem das Kloster errichtet wurde: Nah genug für die wichtige Fischerei und den Handel entlang des Flusses, weit genug entfernt, um nicht in jedem Frühling nach der Schneeschmelze überflutet zu werden. Das Altwasser markiert den Übergang von den Flussauen zu den höher gelegenen Ackerflächen, und Pirmin war so weise, den Fluss nicht noch mehr zu versuchen.

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