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Hochschul-Kommentar : Grenzenlos

Die Zahl der Hochschulpublikationen steigert sich jährlich - allerdings hat kaum jemand mehr die Zeit, sie zu lesen. Bild: dpa

Zahlreiche Publikationen statt intensiver Recherche - immer mehr Hochschulen nehmen sich kaum mehr Zeit für die Forschung. Warum das der falsche Weg ist.

          Lange ist es her, dass das Wort „Wachstum“ Skepsis auf sich zog. Verzicht statt Konsums, ökologisches statt verwüstenden Verhaltens, eine runde Erde statt unendlichem Fortschritt – die „Grenzen des Wachstums“, die einst der Club of Rome bezeichnete, betrafen vor allem die natürlichen Ressourcen. Was hingegen die geistigen Ressourcen der Menschheit angeht, so prägen Begriffe wie „nachhaltig“ oder „resilient“ noch immer nicht das gesellschaftliche Bewusstsein.

          Das demonstrieren in besonders augenfälliger Weise heute die Hochschulen und Universitäten. Ausgerechnet dort, wo kritisches Urteilsvermögen am ehesten zu erwarten ist, agieren die Protagonisten geradezu wachstumshörig. Die Studentenzahlen wachsen? Bravo! Die eingeworbenen Drittmittel steigen? Applaus! Die Veranstaltungsliste konnte um fünf Podien erweitert werden? Gratulation! Dass zu wenig wächst, was bei all den steigenden Zahlen dringend ebenfalls eines Wachstums bedarf, beklagt derweil der Deutsche Hochschulverband, der das Forschungsinstitut für Bildungs- und Sozialökonomie mit einer Studie zur „Entwicklung der Finanzierung von Hochschulen und außeruniversitären Forschungseinrichtungen seit 1995“ beauftragt hat. Bund und Länder, so das Ergebnis, müssten „endlich für eine bedarfsgerechte Grundfinanzierung der Universitäten“ sorgen.

          Scheitern muss erlaubt sein

          Das erscheint nur konsequent: Was wachsen soll, muss begossen werden. Wer wachsen will, braucht Geld. Ganz anders lesen sich da Zahlen, die die Studie als Erfolgsmeldungen verbucht. Die Universitäten hätten ihren „Publikationsoutput“ in den vergangenen knapp fünfzehn Jahren im bundesweiten Durchschnitt um siebzig Prozent erhöht – und das, obwohl die Zahl der Studenten um 48 Prozent gestiegen ist. Ökologische Rückfrage: Könnte das nicht vor allem ein Zeichen dafür sein, dass das viele Publizieren auf Kosten der Lehre geht? Oder woher kommt die viele zusätzliche Energie? Und wurden die vielen Publikationen nur verfasst oder auch gelesen?

          Aber zurück zu den Erfolgszahlen: Gut, in Schleswig-Holstein sind es bloß 25 Prozent mehr Output, in Bremen aber sage und schreibe 117 Prozent! Wer ein so schwindelerregendes „Aktivitätsniveau“, dessen Steigerungsbedarf in Zeiten grenzenlosen Wachstums nie erlischt, für erstrebenswert hält, gibt ein Privileg auf, das die Wissenschaft benötigt: das Recht auf Zeit. Gedanken müssen entwickelt werden, Theorien brauchen Ruhe, Texte sollten in die Tiefe gelesen und verstanden sein, Forschung muss Fehlversuche aushalten können und warten dürfen. Werden also, wenn immer mehr publiziert wird, in Wahrheit nur von immer mehr Forschungsschiffen immer kleinere Fische geangelt? Zu welchem Wachstum tragen Wissenschaftler bei, über die es heißt: „Every thought published“, jeder Gedanke veröffentlicht? Findet sich nachhaltige Erkenntnis wirklich im zehnten Nebenaspekt desselben Themas, mit dem ein Wissenschaftler die Publikationsoutputkurve nach oben zieht?

          Da gerade überall mehr Diversität in der Wissenschaft gefordert wird – wie steht es denn um die gedankliche Vielfalt beim Publizieren? Die Wissenschaft braucht kein unendliches Wachstum. Sie braucht die Möglichkeit, Gedanken, die noch nicht reif sind, nicht ernten zu müssen, und Erkenntnisse, die zu nebensächlich sind, wieder zurück ins Meer werfen zu dürfen. Mehr als Umtriebigkeit benötigt sie den Mut zur Unterbrechung.

          Hannah Bethke

          Feuilletonkorrespondentin in Berlin.

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