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Zum Tod von Bernard Lewis : Der Mann, der das Pferd von vorne aufzäumte

Bernard Lewis, 1916 bis 2018 Bild: B. Cannarsa/Opale/Leemage/laif

Er war Kritiker und Anwalt des Islam, dessen verlorener Dynamik er nachspürte. Präsident George W. Bush riet er zum Krieg gegen den Irak. Zum Tod des amerikanischen Orientalisten Bernard Lewis

          Bernard Lewis war einflussreich und umstritten wie kaum ein anderer Wissenschaftler, der sich mit dem Nahen Osten beschäftigt hat. Denn der 1916 in London geborene Lewis stand den amerikanischen Neokonservativen nahe, und er hat Präsident George W. Bush zum Krieg gegen den Irak des Gewaltherrschers Saddam Hussein geraten. Lewis war jedoch auch – und das in erster Linie – ein großer Gelehrter und länger als ein halbes Jahrhundert der Nestor der angelsächsischen Islamwissenschaft. Er paarte eminente Gelehrsamkeit mit einem eleganten Stil, so dass zahlreiche seiner Bücher ein breites Publikum erreichten. Wie nur wenige Wissenschaftler verstand er es, in der Geschichte einzelne Fäden aufzugreifen, um sie in der Gegenwart zusammenzuführen und das Heute zu erklären.

          Rainer Hermann

          Redakteur in der Politik.

          Große Verbreitung fand sein Bestseller „What went wrong?“, der nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 erschienen ist und in dem er der Frage nachgeht, weshalb die islamische Zivilisation den Anschluss an die Moderne verloren hat. Er fand die Antwort nicht wie andere im Eindringen der europäischen Kolonialmächte, sondern im Verlust der eigenen Dynamik, die eine Folge davon war, dass sich bei den Muslimen ein Gefühl der Zeitlosigkeit eingestellt hatte. Sie waren anderen ja lange voraus gewesen und glaubten, es würde immer so bleiben, denn vom christlichen Europa sei nichts zu erwarten. Europa hat sich aber geändert, überholte die islamische Welt – und deren innerer Verfall wurde sichtbar. Das und die modernen arabischen Diktaturen hätten eine Frustration ausgelöst, die in den Terror des 11. September 2001 geführt habe, argumentiert Lewis. Lesenswert sind seine Bücher und Essays auch für Laien, weil er seine Thesen direkt auf den Punkt bringt. Lesenswert sind sie auch, weil Lewis, der ebenso Historiker wie Sprachwissenschaftler war, scheinbare Details aus seinen Jahrzehnten der Forschung wiedergibt, die ein Verständnis für die Andersartigkeit der islamischen Zivilisation schaffen. So schreibt er in „What went wrong?“, dass für traditionelle Muslime der Gegensatz zu Tyrannei nicht Freiheit sei, sondern Gerechtigkeit.

          Heftige Debatten mit Edward Said

          Wie anders die politischen Ordnungsvorstellungen sind, arbeitet Lewis in seinem Standardwerk die „Islamische Sprache des Islam“ heraus, das 1991 auf Deutsch erschienen ist und nach dessen Lektüre man begreift, dass sich Begriffe nicht einfach von einer Sprache in die andere übersetzen lassen. Wie weit das politische Denken auseinanderliegt, zeigt das Beispiel des Begriffs „Politik“. Im Westen ist er aus dem griechischen Polis abgeleitet, so Lewis. Der dem arabischen Begriff „Siyasa“ zugrundeliegende Verbalstamm bedeute jedoch „ein Pferd pflegen oder zähmen“. „Siyasa“ heißt in Grundbedeutung daher „die Führung von Pferden“, und so wurde das Pferd im Orient zum Hoheitszeichen. Intensiv mit Hebräisch beschäftigt hatte sich der in eine jüdische Mittelklassefamilie geborene Lewis bereits, als er sich in London an der School of Oriental Studies einschrieb. Es kamen mehr als ein Dutzend Sprachen hinzu. Unter seinem Lehrer Hamilton Gibb, dem größten Islamwissenschaftler seiner Zeit, begann er mit der Erforschung der Geschichte des Nahen Ostens. Als Jude war ihm nach 1948 das Reisen in der arabischen Welt verwehrt, so dass er sich auf die moderne Türkei konzentrierte. Er war einer der ersten, die nach der Öffnung der osmanischen Archive 1950 dort forschten.

          1974 nahm er eine Professur an der amerikanischen Princeton University an und wurde 1982 amerikanischer Staatsbürger. Damals lieferte er sich mit dem palästinensischen Literaturwissenschaftler Edward Said heftige Debatten. Said warf Lewis einen kolonialistischen und abschätzigen Blick auf den Islam und die arabische Welt vor und dass er den Boden seines Forschungsgegenstands Jahrzehnte nicht betreten habe. Lewis erwiderte, die Orientalistik sei lange vor dem Imperialismus als humanistische Disziplin entstanden. Bei aller Kritik hat es Lewis nicht an Empathie für den Islam und die Araber fehlen lassen. So schrieb er, die Juden seien in der islamischen Welt meistens besser behandelt worden als im christlichen Westen. Auch habe der Islam den Muslimen eine große innere Ruhe und der Welt Fortschritt gebracht. Heute aber durchschreite die islamische Welt eine dunkle Periode von Hass und Gewalt. Am Wochenende ist er, zwölf Tage vor seinem 102. Geburtstag, in New Jersey gestorben.

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