http://www.faz.net/-gqz-9d21i

Geschichtsphilosophie : Vor ihm die Sintflut

  • -Aktualisiert am

John Linnell: „Noah – Der Vorabend der Sintflut“ (1848) Bild: Archiv

Der Berliner Gelehrte Wilhelm Schmidt-Biggemann hat keine Schwierigkeiten mit der Geschichtsphilosophie. Sein Lebenswerk ist die Rettung einer Überlieferung, die nicht veraltet sein muss, bloß weil sie uralt ist.

          Uralt ist die Vorstellung von einer großen Flut, die der menschlichen Geschichte, kaum hatte sie begonnen, um Haaresbreite ein Ende bereitet hätte. Dass die Sintfluterzählung (Genesis, Kapitel 6 bis 9) aber nicht bloß vom selbstverschuldeten Untergang globaler Zivilisation berichtet, sondern zugleich eine gewaltige Katastrophe für das Urwissen der Menschheit beschwor – darauf verweist noch heute das meist lapidar gebrauchte Wort „vorsintflutlich“. Dieser Begriff, so der einschlägige Artikel aus dem Historischen Wörterbuch der Philosophie (Bd. 11, Sp. 1218f.), ist „von der biblischen Geschichtsauffassung abhängig. Solange dieses Geschichtsbild galt, war er akzeptiert, mit dem Ende der Verbindlichkeit des biblischen Konzepts der Weltgeschichte verschwand er bzw. erhielt er in seiner alltagssprachlichen Verwendung jene pejorative Färbung, die von der Dignität des ursprünglichen Sinns nichts mehr ahnen lässt. Vor allem im 17. und frühen 18. Jh. ist der Terminus ,antediluvianisch‘ in Mode.“

          Autor dieses Eintrags ist Wilhelm Schmidt-Biggemann. Der Emeritus der Freien Universität Berlin darf nicht nur als Spezialist für antediluvianische Wissensspeicher gelten, sondern reflektiert als Philosophiehistoriker mit Interesse für scheinbar randständiges Wissen – in seiner „Philosophia perennis“ (1998), der Geschichte abendländischer Spiritualität, erforschte er die Figur des Adam Kadmon als Urbild des Menschen – über Erinnern, Vergessen und erzählende Vernunft als Grundlage humaner Kultur. Schon am Anfang seiner wissenschaftlichen Laufbahn hatte er mit „Maschine und Teufel“ (1975) anhand von Jean Pauls Jugendsatiren Leerstellen aufgezeigt, die sich aus der fortschreitenden Destruktion des metaphysischen Dreigestirns Gott, Welt und Seele gegen Ende des achtzehnten Jahrhunderts ergaben, den Optimismusbeweis von Leibniz in Frage stellten und in der Folge dem „Nihilismus“ weite Räume öffneten. Aus dem Entwurf „Shakespeares Klage“ machte Jean Paul im „Siebenkäs“ die „Rede des toten Christus vom Weltgebäude herab, dass kein Gott sei“.

          Einhegung des Heiligen

          In seiner akademischen Abschiedsvorlesung zu „Geschichtsphilosophie und Philosophiegeschichte“, die mit dem Untertitel „Einsichten und Paradoxien“ gerade in der „Deutschen Zeitschrift für Philosophie“ veröffentlicht wurde (Band 66, Heft 1, 2018 / De Gruyter), greift der Forscher nochmals die grundsätzliche Frage nach der Möglichkeit geschichtsphilosophischen Denkens auf, weil dieses „in den letzten Jahren aus dem Fokus der Aufmerksamkeit der Disziplin Philosophie“ weitgehend verschwunden sei. Er zitiert das Diktum seines Institutskollegen Holm Tetens: „Philosophen haben nichts zu erzählen“, wonach Philosophieren vor allem rationales Argumentieren bedeute, und repliziert darauf: „Aber wenn sie nicht erzählen dürften, könnten sie den Prozess der Geschichte nicht darstellen, und diese performative Inszenierung der Zeitlichkeit im Narrativ – eben die Erzählung – fiele aus ihrer Kompetenz. Das wäre schade, weil dann Geschichtsphilosophie nicht betrieben werden könnte; und das hätte zur Folge, dass die politische Kompetenz der Philosophie erheblich reduziert würde. Mir scheint, dass man auf Geschichtsphilosophie weder verzichten kann noch soll, auch wenn dieses Geschäft logisch schwierig zu verwalten ist und zu Aporien und Paradoxien führt.“

          Eine nur im Modus des Rationalen verfahrende Philosophie, so der Träger des Hamann-Forschungspreises, die alles, was erzählend über das Leben auszuloten sei, unberücksichtigt lasse, erweise sich als leere Aufklärung. In Weiterführung dieses Gedankens erklärte Schmidt-Biggemann bei der Vorstellung seines neuen Buches „Gott, versuchsweise. Eine philosophische Theo-Logie“ (Herder) in der Katholischen Akademie Berlin, das Nachdenken über Gott scheine heute wieder öffentlicher zu geschehen. „Entdeckung oder Erfindung? Die Kultur wird den monotheistischen Gott, wenn er erst einmal gefunden wurde, nicht wieder los. Man muss nicht an ihn glauben, aber man muss mit ihm rechnen.“ Es sei vor allem der Absolutismus des Kommenden, der diese Frage virulent halte. Schmidt-Biggemann bezog sich auf die Einsicht des Revolutionsfeindes Joseph de Maistre, wonach der Henker selbst weder gut noch böse agiere, sondern bloß als Exekutor fungiere, um Beschlossenes zu realisieren – „Terror der Kontingenz“.

          Es scheint dem Philosophen bei diesen Rückgriffen auf die Tradition nicht zuletzt um die Einhegung und Institutionalisierung des Heiligen zu gehen, das er wie Rudolf Otto mit dem Schrecklichen assoziiert. „Wenn sie ihre Aufgabe erfüllt“, so Schmidt-Biggemann geradezu anti-obskurantistisch, „hält die Kirche ihre Mitglieder auf loyaler und erträglicher Distanz zu den Zumutungen der Offenbarung.“

          Allerdings legt das „versuchsweise“ im Titel des Bandes noch eine andere Spur, die auf kurzem Weg zu einer herausragenden Figur frühneuzeitlichen Denkens führt: zu Blaise Pascal, dem Schmidt-Biggemann 1999 eine eigene Darstellung widmete. In dessen Fragment, der „Wette“, geht es bekanntlich darum, angesichts der Einsicht in die Grenzen menschlicher Vernunft festen Stand zu gewinnen – zur Grundlegung von Rationalität und Ethik.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Premierminsiterin Theresa May will für Neuwahlen gerüstet sein.

          Brexit : May lässt offenbar Nofallplan für Neuwahlen ausarbeiten

          Weil ihre Pläne in der EU auf starken Widerstand stoßen, spielt die Premierministerin laut einem Bericht offenbar Neuwahlen durch. Damit könnte sie sich die Rückendeckung in der Bevölkerung für ihre Brexit-Forderungen holen.
          Zivilisten gehen bei einem Anschlag im Iran in Deckung.

          Anschlag : Iran ruft EU-Diplomaten zu Gesprächen

          Die iranische Regierung bestellt nach einem Angriff auf eine Parade Diplomaten drei EU-Staaten ein. Die Länder hätten Mitglieder der Terrorgruppe beherbergt, die für den Angriff verantwortlich sind.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.