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Trump und die Klimaforschung : Der, dessen Name nicht genannt werden darf

  • -Aktualisiert am

Klimaleugner unter sich: Scott Pruitt, der ehemalige Leiter der Umweltschutzbehörde, handelte in vollem Einvernehmen mit Präsident Trump. Bild: Imago

In der amerikanischen Umweltschutzbehörde müssen Klimaforscher genau auf ihre Wortwahl achten. Man wartet auf die Zeit nach Donald Trump und zensiert sich selbst.

          Der Klimawandel ist das verhasste Stiefkind Donald Trumps. Die vorgebliche „Aktualisierung“ der entsprechenden Internetseite der amerikanischen Umweltschutzbehörde EPA läuft nun schon seit April 2017. Siebzehn lange Monate, die nicht unbedingt vermuten lassen, dass in der Washingtoner Zentrale der EPA mit Hochdruck an der Aufarbeitung neuer Forschungsergebnisse gearbeitet wird. Sogar der auf der Übergangsversion zu lesende Hinweis auf die „Prioritäten“ von EPA-Chef Scott Pruitt ist mittlerweile hinfällig: Im Juli trat Pruitt, ein Klimawandelskeptiker und ölindustrienaher Getreuer Trumps, infolge zahlreicher Korruptionsvorwürfe zurück. Dem interessierten Seitenbesucher wird ein Trostpreis angeboten: ein „Schnappschuss“ der EPA-Website vom 19. Januar 2017, dem letzten Tag von Barack Obamas Präsidentschaft. Das Verdikt Donald Trumps: So war’s gestern, so war’s falsch.

          Amerikanische Unternehmen, Investoren oder Lokalpolitiker, diejenigen also, die das Geld oder die Mandate haben, um die Befunde der EPA in Maßnahmen umzuwandeln, müssen die Regierung entweder beim Wort nehmen, also akzeptieren, dass der Klimawandel vernachlässigbar sei, oder die Seite manuell nach den Klimastandpunkten der Behörde durchforsten. Zwischenzeitlich wollte Trump die EPA, in deren Diensten mehr als tausend staatliche Forscher stehen, sogar ganz abschaffen: Er werde den „Krieg gegen die Kohle“ ein für alle Mal beenden.

          Kohle statt Klimawissenschaft

          Es wundert daher kaum, dass der Präsident alles daransetzt, Übersichten zum Treibhausgasausstoß von Kohlekraftwerken und andere Forschungsberichte, die unter Obamas EPA-Chefin Gina McCarthy publiziert wurden, unsichtbar zu machen. McCarthy, die von 2013 bis 2017 die zentrale Figur der Obama-Regierung im Kampf gegen den Klimawandel war, ist darüber wenig erfreut. Als Chefin der Behörde war ihre größte Errungenschaft die Einführung des Clean Power Plan, der die Emission von Treibhausgasen im Energiesektor bis 2030 um 32 Prozent im Vergleich zu 2005 reduzieren soll. Es scheint fast überflüssig zu erwähnen, dass Trump auch von diesem Klimaziel nichts wissen will.

          McCarthy, eine Demokratin, die vor ihrem Wechsel zur EPA Umweltberaterin mehrerer republikanischer Gouverneure ihres Heimatstaates Massachussetts war, wirft Trump und seinen Umweltbeauftragten den systematischen Gebrauch von argumentativen Abkürzungen vor. „Man kann andere Ideale haben“, sagt sie am Telefon aus ihrem Büro in Boston, „aber man kann sich nicht Wunschfakten zusammensuchen, um bei einem schon vorher feststehenden Ergebnis anzukommen.“ Zum Beispiel sei es juristisch lächerlich, dass die Trump-Regierung nur auf die Kosten der Klimaforschung schaue und ihren Nutzen völlig ignoriere. Den Clean Power Plan sehe sie deshalb nicht akut bedroht. Die Gerichte wüssten schon, dass Wissenschaft nicht so funktioniert, wie Trump es gern hätte.

          An der Ächtung der Forschung durch die Regierung gibt es für McCarthy keinen Zweifel: „Statt an den Forschungsbehörden hohe Ämter an Wissenschaftler zu vergeben, gehen sie an Industrievertreter. So stellt Trump sicher, dass die Beratung, die er einholt, den Tatsachen entspricht, die er hören möchte.“ Ohnehin habe die Trump-Administration nie ein Geheimnis daraus gemacht, dass sie ihre Behörden dazu anhalte, den Klimawandel nicht weiter zu berücksichtigen.

          Donald Trumps sprachliche Neuordnung

          Laut einem Artikel, der im Juli in der Zeitschrift „Nature“ erschien, herrscht unter EPA-Forschern aus beruflicher Selbsterhaltung regelrechte Selbstzensur. In den Dutzenden Interviews, die „Nature“ in den anderthalb Jahren seit Trumps Amtsantritt führte, berichten Wissenschaftler, dass in offiziellen EPA-Dokumenten nicht nur „global warming“ als Begriff verpönt sei, sondern auch das vermeintlich neutrale „climate“. Ein ranghoher Forscher wird zitiert: „Die politischen Leute sprechen schlicht nicht mit den Berufsforschern.“ Ein anderer kommentiert das Thema Klimawandel wie folgt: „Es ist wie mit Voldemort: der, dessen Name nicht genannt werden darf.“

          „Man kann andere Ideale haben, aber man kann sich nicht Wunschfakten zusammensuchen“: Gina McCarthy, EPA-Chefin unter Obama.

          Die Erneuerung der Klimawandelseite der EPA umfasst laut der damaligen Pressemitteilung auch eine „Aktualisierung der Sprache“. Trumps Aufgreifen der Branchenformulierung des „Kriegs gegen die Kohle“ ist mit ihrer Anlehnung an George W. Bushs war on terror nur das offensichtlichste Beispiel einer gezielten sprachlichen Neuordnung. Der „Washington Post“ zufolge wurde der amerikanischen Gesundheitsbehörde vergangenes Jahr empfohlen, das Wort „science-based“ in Budgetanträgen zu vermeiden. Mitarbeiter des Landwirtschaftsministeriums wurden laut dem „Guardian“ in internen Mails angewiesen, den Begriff „climate change“ mit „extreme weather“ zu ersetzen. Auf diese Weise nimmt Trumps entschärfte Sprache dem Klimawandel seine alarmierenden Konnotationen und zerstäubt den globalen Zusammenhang in kleine, nie verbundene Partikel.

          Für viele Forscher ist das ein klarer Angriff auf die Freiheit der Wissenschaft und die auf sie angewiesene Gesetzgebung. „Beim Clean Power Plan wurde eine riesige Pause-Taste gedrückt“, sagt Brenda Ekwurzel, Direktorin der Klimaforschung bei der Forschungslobby Union of Concerned Scientists. Auch sie höre von EPA-Kollegen, dass diese sich in ihrer Arbeit behindert fühlten. Dabei hat gerade die Umweltschutzbehörde am meisten Macht, wenn es um die Durchsetzung von Emissionsvorgaben oder die Regulierung von Pestiziden wie Chlorpyrifos oder Glyphosat geht. So verfügt sie beispielsweise auch über die Treibstoffstandards für Fahrzeuge, die Trumps kommissarischer EPA-Leiter Andrew Wheeler gerade lockern will.

          „Man kann nicht kontrollieren, was man nicht misst“

          In seiner Antrittsrede sprach der langjährige Kohlelobbyist Wheeler von „regulatorischer Entlastung“. Zu seinen Klienten als Lobbyist zählte der Kohlekonzern Murray Energy – eines jener Unternehmen, denen die nun von ihm geführte Behörde eigentlich auf die Finger schauen soll. Es sagt viel über den Zustand der amerikanischen Umweltpolitik aus, dass Wheeler in Forscherkreisen dennoch als deutlich geringeres Übel im Vergleich zu seinem kruden Vorgänger Pruitt gilt.

          „Wir kämpfen plötzlich um Dinge, die wir früher für selbstverständlich hielten“, sagt Ekwurzel. „In seinem ersten Jahr hat Trump den amerikanischen Beitrag zum IPCC, dem Intergovernmental Panel on Climate Change der Vereinten Nationen, gestrichen.“ Vor einigen Monaten beendete er außerdem das Programm der Nasa zum CO2-Monitoring. Die Fachzeitschrift „Science“ schrieb: „Man kann nicht kontrollieren, was man nicht misst.“

          Wissenschaftliche Expertise wird laut Ekwurzel zunehmend ignoriert. „Die staatlichen Forscher schaffen es zwar, die Wissenschaft einigermaßen am Laufen – oder am Hinken – zu halten, aber gerade bei der EPA nehmen die Einschnitte zu.“ Trumps Vorschlag, das Acht-Milliarden-Dollar-Budget der Behörde um mehr als dreißig Prozent zu kürzen, fand nur deshalb keine Umsetzung, weil über das Budget der Vereinigten Staaten eben nicht der Präsident, sondern der Kongress entscheidet. 2017 nahm dieser eine Senkung des EPA-Budgets von lediglich einem Prozent vor.

          Forschen unter dem Radar

          Gina McCarthy setzt auf die Unbeugsamkeit ihrer Forscher – und auf Zeit. „Ich garantiere Ihnen, dass die EPA voll mit Forschern ist, die nicht von ihren wissenschaftlichen Methoden abrücken werden. Das heißt nicht, dass sie sich auf den Tisch stellen und protestieren. Aber niemand sitzt rum und dreht Däumchen. Die Schlüsselfiguren werden bleiben, in dem Wissen, dass es Wege gibt, unauffällig und effektiv dem Umweltschutzauftrag der Behörde nachzukommen, bis es einen Führungswechsel gibt.“

          Welche Wege? „Man muss sich klarmachen, wie viel Macht auf lokaler und Bundesstaatsebene liegt.“ Lange Zeit habe sich Washington kaum in Klimawandelmaßnahmen eingemischt. „Auch jetzt werden die Behördenforscher wieder unter dem Radar mit lokalen Regierungen arbeiten.“ Dass die Lebensdauer empirischer Forschung trotzdem auch an der Amtszeit des Präsidenten hängt, ist die Realität der Trump-Ära. Es bleibt fraglich, ob die anderen großen Industrienationen, die ohnehin ihre eigenen Probleme mit dem Einhalten der gemeinsamen Klimaziele haben, bei der Eindämmung des Klimawandels überhaupt noch mit den Vereinigten Staaten rechnen können. Das UN-Übereinkommen von Paris, das die Erderwärmung auf zwei Grad Celsius im Vergleich zu vorindustriellen Temperaturen einschränken soll, will Trump bekanntlich schon länger aufkündigen.

          Gina McCarthy bemüht sich merklich um Imagerettung. Der Eindruck, dass die Mehrheit der amerikanischen Bevölkerung ihre Zweifel am Klimawandel oder an der Integrität der Forschung habe, werde zwar von der Rhetorik Washingtons erweckt. „Aber die Umfragen zeigen, dass ungefähr siebzig Prozent der Amerikaner an den Klimawandel glauben. Diese Zahl ist konstant.“ Ob das auch nach acht Jahren Trump noch so wäre, bleibt aus Sicht der amerikanischen Klimaforschung wohl besser Gegenstand von Spekulation. Das Pariser Abkommen kann Donald Trump frühestens am 4. November 2020 verlassen. Einen Tag davor ist Präsidentenwahl.

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