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Studienstiftung : Es kam ein großer Umschlag

  • -Aktualisiert am

Mohammad Amin Ali kam 2016 über die Balkanroute nach Deutschland. Jetzt studiert er Informatik an der TU. Bild: Privat

Im Jahr 2016 kam er nach Deutschland und landete in einer Flüchtlingsunterkunft in Michelstadt. Mohammad Amin Ali war 23 und sprach kein Wort Deutsch. Jetzt ist er Stipendiat der Studienstiftung.

          Europa kannte er aus dem Fernsehen. Nur einmal war er mit den Eltern im Ausland, auf Urlaub im Libanon. Das ist Jahre her und ein Leben entfernt. Dazwischen liegen der Irrsinn eines nicht enden wollenden Krieges, vier Semester an der Universität von Damaskus, traumatische Erinnerungen an Folter, Verhaftungen und Freunde, die verschwanden oder getötet wurden. Über das Mittelmeer und die Balkanroute kam Mohammad Amin Ali mit zwei Brüdern im Februar 2016 nach Deutschland und landete in einer Flüchtlingsunterkunft in Michelstadt. Er war 23 und sprach kein Wort Deutsch.

          Heute beherrscht Ali die Sprache fließend und ist an der TU Darmstadt eingeschrieben. In nur elf Monaten lernte der Syrer Deutsch auf C1-Niveau, der zweithöchsten Stufe. Mittlerweile verstehe er es sogar, wenn ihm die Bäckersfrau im breitesten Odenwälder Dialekt mit den Worten „Iss all all“ mitteile, dass der Kuchen ausverkauft sei, erzählt er und lacht. Für ihn war schnell klar, dass er in Deutschland wieder studieren will, nicht Agrarwissenschaften wie in der Heimat, sondern Informatik. „Damit kann ich überall etwas anfangen.“

          Vor einem Jahr bewarb er sich für einen Studienvorbereitungskurs für Flüchtlinge an der TU und erwies sich als so begabt, dass das Sprachenzentrum der Uni ihn später sogar für ein Stipendium der Studienstiftung des deutschen Volkes vorschlug. „Damit hatte ich gar nicht gerechnet“, sagt Ali. Er reiste zu einem dreitägigen Auswahlverfahren nach Ellwangen. In Einzel- und Gruppengesprächen musste er sich präsentieren. Für ein Referat hatte er sich das Thema „Künstliche Intelligenz“ ausgesucht. Vier unter den 30 Bewerbern sollten ausgewählt werden. Tagelang wartete Ali auf die Antwort per Post. „Ein großer Umschlag bedeutete Ja, ein kleiner Nein“, erzählt er bei einem Kaffee auf dem TU-Campus. Es kam ein großer Umschlag.

          Eine doppelte Herausforderung

          Ausgestattet mit einem Vollstipendium für sechs Semester, hat Ali im Oktober sein Informatikstudium aufgenommen. „Ich bin zufrieden. Ich habe viel erreicht und kann mich jetzt voll auf das Studium konzentrieren.“ Jeden Tag pendelt er mit dem Zug von Michelstadt zur Uni. An die Kultur seiner neuen Heimat hat er sich schnell gewöhnt. „Ich kehre die Straße und mähe Rasen“, sagt er und grinst. Beim Roten Kreuz in Michelstadt hat er ein halbes Jahr als ehrenamtlicher Helfer gearbeitet. In dem Odenwälder Ort ist er bekannt, hat Freunde gefunden. Seine Brüder arbeiten inzwischen als Elektriker und Verkäufer im Einzelhandel.

          Doch wie würde das Campusleben sein? Würde er Vorlesungen auf Deutsch verstehen? „Ich hatte anfangs Bedenken, dass ich zu langsam bin und nicht mitkomme. Ich muss jede Vorlesung und Übung ja sprachlich und inhaltlich verstehen. Das ist eine doppelte Herausforderung.“ Doch er hat einen „Buddy“, einen Studenten im dritten Semester. An ihn kann sich der junge Syrer wenden, wenn er Fragen oder Probleme hat. „Wir treffen uns jede Woche. Das ist eine tolle Unterstützung.“ Alis Bedenken sind seit dem Semesterbeginn geschwunden. Nur die Mathe-Vorlesung macht etwas Mühe – weil sie ein Professor aus Österreich hält. „Der ist für mich noch schwer zu verstehen, aber da haben selbst meine Kommilitonen Probleme“, sagt er und lacht.

          Amin Ali ist zielstrebig, ehrgeizig und diszipliniert. „Ich muss nicht, ich will“, das ist seine Einstellung. Er zitiert das deutsche Sprichwort „Ohne Fleiß kein Preis“. So motiviert will er auch sein Bachelor- und Masterstudium angehen. Sogar das Thema der Bachelorarbeit hat er sich schon überlegt. „Ich will über Künstliche Intelligenz schreiben.“ Er möchte auch promoviert werden und später in der Forschung arbeiten. „Vielleicht an einem Institut oder in der europäischen Raumfahrt.“ Dank Künstlicher Intelligenz zum Mond oder Mars reisen, „ohne dass Menschen gefährdet werden, das wäre doch toll“.

          Geärgert hat ihn seit seiner Ankunft in Deutschland nur eines – dass er ein Jahr auf die Genehmigung seines ersten Deutschkurses durch das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge warten musste und nicht gleich loslegen konnte mit dem Lernen. Doch insgesamt fühle er sich wohl hier „und als Mensch behandelt“, sagt Amin Ali. „Ich kann studieren, meine Meinung sagen, ohne Folgen und Willkür zu fürchten.“ Nur wenn er Polizeikontrollen sieht, erinnert ihn das an Erlebnisse in Syrien. Dann wird ihm für einen Moment bang ums Herz.

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