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Sprachen-Labor Südpazifik : Entsteht hier ein neues Englisch?

Cara iBulubulu: Hier wird fidschianische Grabpflege betrieben Bild: Carolin Biewer

Wie verändert sich das Englische, wenn es als Zweitsprache gebraucht wird? Carolin Biewer ist der Frage im Südpazifik nachgegangen. Im Interview berichtet sie über eine Pionierarbeit und Herzenssache.

          Welche sind aus Ihrer Sicht die drei größten Unterschiede zwischen südpazifischem Englisch und britischem Standardenglisch?

          Uwe Ebbinghaus

          Redakteur im Feuilleton.

          Carolin Biewer: Auf den Cookinseln kann zum Beispiel jemand sagen: „I’ll meet you next constitution“, was uns komisch vorkommt, weil „constitution“ im britischen Englisch „Verfassung“ bedeutet und „Ich treffe dich bei der nächsten Verfassung“ für uns keinen Sinn ergibt. Gemeint ist aber ein Tanzfestival, das einmal im Jahr zum Verfassungstag veranstaltet wird. Das wäre ein typischer Fall von kulturell bedingtem Bedeutungswandel. Dann gibt es in der Aussprache Unterschiede. Die polynesischen Sprachen haben weniger Plosive als das Englische. Plosive sind die Konsonanten, bei denen der Atemluftstrom kurz blockiert und anschließend sofort wieder freigesetzt wird, was explosionsartig klingt. Die polynesischen Sprache haben das „p“, „t“ und das „k“ – das „b“, „g“ und das „d“ aber kennen sie nicht. Sie vertauschen diese Laute dann im Englischen. So sagen die Cook Islanders schon einmal gerne „I’m going to the bup“, womit ein „pub“ gemeint ist. Statt „cold“ sagen sie auch mal „gold“. Das kann natürlich auch zu Missverständnissen führen. Wenn jemand sagt: „He is in my pan“, dann meint er nicht die Pfanne, es hat nichts mit Kannibalismus zu tun, sondern er meint die „band“. Auch was die Grammatik angeht, gibt es Unterschiede. Ein Bekannter von mir auf den Cookinseln sagte zum Beispiel: „I always go fishing with my father“, obwohl der Vater nicht mehr lebt und es eigentlich „I went“ oder „I used to“  heißen müsste. Statt „I walked along the beach yesterday“ wird „I walk along the beach yesterday“ verwendet. Die Markierung der Vergangenheit am Verb ist nicht da, was einerseits damit zu tun hat, dass diese -ed Endungen und unregelmäßige Formen schwierig zu lernen sind, es hat aber auch kulturelle Gründe.

          Sprachen enthalten ja erstaunlich viele Redundanzen.

          Carolin Biewer

          Ja. Das Interessante ist: Wenn Englisch nicht als Muttersprache gesprochen wird, haben die Sprecher eine geringere Hemmschwelle, Redundanzen wegzulassen, der andere versteht mich ja trotzdem. An anderer Stelle werden aber auch neue eingebaut. Ein typisches Beispiel für eine neue Redundanz wären auf den Cookinseln das Hinzufügen eines Plural-s bei Substantiven, die sich auf Objekte beziehen, welche man nicht zählen kann. Wenn Objekte zählbar sind, setzen wir im Englischen im Plural ein -s, wenn nicht, fällt es weg (two books aber some milk). Auf den Cookinseln, aber auch in anderen Varietäten des Englischen als Zweitsprache, gibt es die Mehrzahlform aber auch bei nichtzählbaren Objekten. Da wird zum Beispiel „homeworks“ oder „equipments“ gesagt. Das ist zum einen ein Regularisierungseffekt, aber auch eine Frage der kulturellen Wahrnehmung. In der Sprache der Maori zum Beispiel kann Wasser sehr wohl zählbar sein. Bei einer kleinen Menge gibt es die Vorstellung, dass man die einzelnen Tropfen zählen könnte. Deswegen kann im Englischen als Zweitsprache in solchen Fällen durchaus eine Pluralbildung verwendet werden.

          Auf welchem geographischen Gebiet befinden wir uns mit Ihrer Forschung? Welche Muttersprachen gibt es hier?

          Der Pazifik wird in drei Gebiete aufgeteilt: Mikronesien, Melanesien und Polynesien. Ich bewege mich im Bereich der letzten beiden. Insgesamt habe ich drei Länder ausgesucht: Fidschi in Melanesien und Samoa sowie die Cookinseln in Polynesien. Für Polynesien ist typisch, dass man eher kleine Sprechergemeinschaften auf kleineren Inselgruppen vorfindet, die engen Kontakt untereinander haben und sehr homogen sind. Das heißt, es gibt eine vorherrschende Ethnizität von über 80 Prozent – auf den Cookinseln sind das die Cook Islands Māori mit der gleichnamigen Muttersprache, auf Samoa (ehemals Westsamoa) die Samoaner mit Samoanisch. In Melanesien ist das anders, dort gibt es sehr viele Muttersprachen. Fidschi ist im Vergleich zu den anderen beiden eine recht große Gemeinschaft mit über 800.000 Einwohnern. Hier haben wir die Fidschianer als Ureinwohner mit ihrem Fidschianisch, das sich in eine Standardsprache und 30 bis 40 Dialekte aufteilt, wobei Sprecher der östlichen und westlichen Dialekte sich untereinander nicht unbedingt verstehen. Es gibt aber auch sehr viele Inder, die während der britischen Kolonialzeit als sogenannte indentured labourers nach Fidschi kamen. Diese sprechen verschiedene Hindi-Dialekte, die sich in Fidschi miteinander vermischt haben zu einem neuen Dialekt, der sich Fiji Hindi nennt, parallel wird aber auch Standard Hindi gesprochen. Weiter gibt es Chinesen und andere Pazific Islanders, die in Fidschi studieren oder arbeiten, und zum Beispiel auch die Rotumanen, eine polynesische Gruppe, deren Inselgruppe Rotuma seit 1881 zu Fidschi gehört. Man kann wirklich sagen: Fidschi ist multikulturell, multiethnisch und multilingual. Dadurch gibt es dort auch eine ganz andere Ausgangsbasis für die Frage: Was soll Unterrichtssprache in der Schule sein? Auf Samoa ist das anders, da könnte man mit Samoanisch auskommen.

          Warum haben Sie gerade diese drei Inseln ausgewählt?

          Fidschi kann man gar nicht ignorieren, weil es sozusagen der Mittelpunkt des Südpazifiks ist. Der Hauptcampus der University of the South Pacific zum Beispiel liegt in Fidschi, so auch der eine internationale Flughafen. Die Multilingualität dort ist natürlich einfach interessant. Als ich angefangen habe, mich für Englisch als Zweitsprache im Südpazifik zu interessieren, stellte ich fest, dass es zu Samoa und den Cookinseln keinerlei Forschungen auf meinem Gebiet gab. Auf den Fidschiinseln, fand ich heraus, gab es zwei Forscher, die zu meinem Thema schon einzelne Artikel veröffentlicht hatten. Längere Publikationen und Vergleichsstudien mit anderen südpazifischen Zweitsprachenvarietäten gab es aber nicht. Da ich während eines Studienaufenthalts an der Universität Wellington neuseeländisches Māori gelernt hatte, was ich sehr spannend fand, die Sprache als Untersuchungsfeld für eine Habilitation aber zu klein war, kam ich auf die Cook Islanders, deren Sprache und Kultur mit denen der neuseeländischen Māori vergleichbar sind. Die Cookinseln sind auch mit Neuseeland politisch assoziiert und der Einfluss Neuseelands ist dort generell sehr groß. Ich habe mich gefragt, ob das auch das Englische auf den Cookinseln beeinflusst.

          In Fidschi würde ich das aus geschichtlichen und kulturellen Gründen eher nicht erwarten. Samoa als dritte Fallstudie liegt ein bisschen dazwischen, dort hat man durch die Kolonialzeit ein eher gemischtes Verhältnis zu Neuseeland. Es hat mich daher interessiert, wie groß der Einfluss des neuseeländischen Englisch auf die Cookinseln ist im Vergleich zu Fidschi und Samoa. 

          Was ist eigentlich der Unterschied zwischen Englisch als Zweitsprache, Pidgin und Kreol? Für den Laien scheinen die Übergänge ja fließend.

          Pidgin- und Kreolsprachen ähneln dem Englischen als Zweitsprache insofern, als die Muttersprache Einfluss auf die Struktur des Englischen hat. Pidgin- und Kreolsprachen haben aber andere Entstehungsvoraussetzungen. Beim Pidgin ist es so, dass zwei Gruppen, die zum Beispiel Handelsbeziehungen aufnehmen wollen, miteinander kommunizieren wollen, aber keine gemeinsame Sprache haben. Ein anderes Beispiel sind Kolonialmächte, die Plantagen anlegen wollen und dabei verschiedene Ethnizitäten, die nicht miteinander kommunizieren können, zur Arbeit verpflichten. Es wird dann aus dieser Situation heraus eine neue Sprache entwickelt, die sehr viel vom Vokabular der Aufseher übernimmt, zum Beispiel das Englische, und sehr viel von der Grammatik der Muttersprachen. Wenn man diese Kontaktsprache zum ersten Mal hört, hat man als Englischsprecher das Gefühl, sie ungefähr zu verstehen. Da diese Formen von Sprache aber meist rudimentär sind, haben sie wenig Vokabular mit vielen Bedeutungen, so dass man sehr oft beim Verständnis falsch liegt. Eine Kreolsprache ist dann im Grunde die Weiterentwicklung eines Pidgin, das von der nächsten Generation schon als Muttersprache verwendet wird. Gebraucht wird dann mehr Grammatik und das Pidgin muss entsprechend erweitert werden. Pidgin-Sprachen sind interessant, weil sie sich sehr schnell wandeln.

          Englisch als Zweitsprache wird anders transferiert, weil es hauptsächlich in den Schulen vermittelt wird und Standardsprachen wie britisches oder neuseeländisches Standard viel stärker als Norm vorhanden sind. Die Abweichungen sind automatisch geringer.

          Wie wurde Englisch auf den drei Inseln gelehrt?

          In der Kolonialzeit war der Zugang zum Englischen für die Einheimischen zuerst sehr beschränkt, es handelte sich ja um Länder, bei denen es keine große Besiedlung durch die Kolonialmacht gab. Es ging eher darum, den administrativen Apparat aufrechtzuerhalten sowie die zukünftigen Anführer zu unterrichten, die Söhne und Töchter der Clanchefs. In Fidschi ist es so, dass die Missionare zur Christianisierung erst einmal die Muttersprache der Insel verwendet haben, weil sie sonst nicht an die Bevölkerung herangekommen wären. Die katholische Kirche war dann aber auch jene Institution, die als erste mehr Menschen den Englischunterricht ermöglichte. Um 1924 begann ein Umdenken in der Kolonie, als Neuseeland die Verantwortung für die Bildung in den fidschianischen Schulen übernahm. Bis dahin hieß es zuweilen auch, die Einheimischen seien vielleicht nicht intelligent genug für den Englischunterricht, dann kamen die indentured labourers auf die Inseln und man merkte: Wir brauchen eine Verkehrssprache – für die sich das Englische anbot.

          Auf Samoa und den Cookinseln war es ähnlich. Dort wurden erst in den vierziger und fünfziger Jahren weiterführende Schulen mit Englisch als Unterrichtssprache eingeführt. Auf Fidschi wurde es im Übrigen zum Teil heftig bestraft, wenn die Schüler ihre Muttersprache im Unterricht oder in den Pausen verwendeten. Mir haben einige Fidschianer, die in den sechziger und siebziger Jahren von irischen Missionaren unterrichtet worden waren, erzählt, dass es Schläge gab oder sie Schilder umgehängt bekamen mit der Aufschrift „I am stupid, I don’t know how to speak English“, wenn sie in der Schule ins Fidschianische verfallen waren. In Samoa und auf den Cookinseln war das offenbar ähnlich. Heutzutage wird das aber zum Glück dort nicht mehr praktiziert.

          Wie sieht der Unterricht heute aus?

          Der Unterricht in den Klassen ist didaktisch nicht so aufbereitet, wie wir es gewöhnt sind. Es gibt noch viel Frontalunterricht. Ich habe mal eine Abiturklasse auf Fidschi aufgenommen, die „Hamlet“ durchgenommen hat. Im Grunde wurde da nur der Text vorgelesen, es wurde nicht interpretiert oder diskutiert. Ich habe die Schüler dann nach der Unterrichtsstunde gefragt, wie ihnen „Hamlet“ gefällt, und eine Schülerin sagte: „I don’t know what a castle is“.

          Grundschule auf den Fidschi-Inseln

          Was wollten Sie mit Ihrem Projekt herausfinden?

          In meinem ursprünglichen Projekt, meiner Habilitation, für die ich vor zehn Jahren Daten im Südpazifik gesammelt habe, ging es darum, zu beobachten, wie sich verschiedene Varietäten des Englischen entwickeln. Das Englisch im pazifischen Raum war damals noch ein blinder Fleck. Ich wollte die Länder damals für den Westen sichtbar machen, wollte schauen: Was für ein Englisch wird dort gesprochen, was ist anders als im britischen Englisch und warum? Ich habe mich interessiert für grammatische Unterschiede, aber auch für die soziolinguistischen Begleiterscheinungen. Wer spricht was, wann, in welcher Situation? Weiter war der Status interessant: Wird das Englisch als Fremdsprache wahrgenommen oder ist es ein fester Bestandteil des Alltags?

          Gibt es auf den von Ihnen untersuchten Inseln soziolinguistische Phänomene, die man anderswo nicht findet – oder ist vieles von dem, was Sie vorfanden, mit, sagen wir Jamaika, vergleichbar?

          Wenn man ganz allgemein auf sprachliche Phänomene schaut, ist vieles gleich. Menschen differenzieren sich nun einmal in verschiedene soziale Gruppen. Die Frage lautet überall: Was ist wichtig für meine Identität? Ist es für mich wichtig, zu einer bestimmten Altersgruppe zu gehören oder zu einer bestimmten Ethnizität? Erwartbar ist natürlich auch in der Südsee, dass der Gebrauch des Englischen altersabhängig ist, dass die Jungen so etwas wie teenage talk pflegen, dass es beim Geschlecht sprachliche Unterschiede geben kann. Frauen zum Beispiel haben wegen ihrer traditionellen Mutterrolle oft ein größeres Netzwerk in der Community, während Männer sich von der Kommunikation mit Nachbarn, Ärzten, Lehrern zurückziehen. Die Hauptfrage für mich war: Ist es für einen Cook Islander wichtig, nicht nur mit der Muttersprache, sondern auch mit dem Englischen zu zeigen, dass er Cook Islander ist? Bei meinem jüngsten Aufenthalt, 2017, zehn Jahre später, habe ich Umfragen durchgeführt, mit Fragen wie: Merkt ihr einen Unterschied zum britischen Standardenglischen, was haltet ihr von eurem Englisch? Interessant war, dass einige gesagt haben, sie fänden es gut, dass sich eine lokale Abwandlung entwickelt hat, weil sie damit ihre Identität zeigen könnten, auch nach außen, zum Beispiel, wenn sie in Neuseeland sind. Es gibt aber auch Sprecher, die sagen, sie hörten keinen Unterschied, wieder andere sagen, das sei schlechtes Englisch, dass man sich abgewöhnen sollte. Der Unterschied zwischen verschiedenen Varietäten des Englischen als Zweitsprache liegt oft in der Funktion, die man bestimmten sprachlichen Merkmalen in verschiedenen Sprechergemeinschaften zuordnet.

          Die Frauen des fidschianischen Dorfes haben gekocht.

          Sprechen Schüler auf den Cookinseln ein besseres oder schlechteres Englisch als deutsche Schüler?

          Ich finde es schwierig, in diesem Fall von „besser“ oder „schlechter“ zu sprechen. Wie soll ich das bewerten? Ist das ein schlechtes Englisch auf den Cookinseln? Die Voraussetzungen sind ja schon anders. In Deutschland haben wir ein bestimmtes Standardenglisch als Ziel vor Augen. Das hat Einfluss darauf, was wir als Fehler bezeichnen. Auf den Cookinseln würden die Lehrer auch sagen, dass die Schüler viele Fehler machen, auf die sie schon hundert Mal hingewiesen wurden. Aber die Perspektive ändert sich in dem Moment, in dem die Sprecher, vor allem die jüngeren, sagen, wir wissen schon, dass das aus der Perspektive des britischen Standard falsch ist, was wir sprechen, aber die Verständigung gelingt ja. Sie fangen an, mit der Sprache zu spielen, auch um die Eltern zu provozieren – und dann wird plötzlich mehr daraus. Es entsteht eine Haltung von: Ich habe mich jetzt positioniert als Teenager von den Cookinseln, ich habe Spaß dabei und ich bin stolz darauf. Das beschreibt dann ein Übergangsstadium hin zu einer eigenen Varietät, sodass man gar nicht mehr sinnvoll von Fehlern sondern eher von Merkmalen eines neu entstehenden Englisch sprechen kann, mit dem sich der Sprecher identifiziert. Es handelt sich aber immer noch um Varietäten, die noch in der Entstehung sind. Deshalb wird auch in der Sprechergemeinschaft noch viel darüber diskutiert. Mancher Pacific Islander sagt nach wie vor: „Das ist broken English.“

          Die Schüler sprechen also Englisch auch nach dem Unterricht?

          Ja, das ist wichtig für Englisch als Zweitsprache, dass sie einen hohen Stellenwert im Alltag hat. Auch die Zeitungen erscheinen ja auf Englisch, die Literatur wird auf Englisch geschrieben, auf dem Amt werde ich auf Englisch bedient. Bei den Fidschianern kann es sein, dass sie im Büro untereinander Fidschianisch sprechen. Wenn sie sich eine E-Mail schicken, schreiben sie diese dann aber auf Englisch.

          Welche Vor- und Nachteile hat das Englische für die Inseln?

          Der Vorteil des südpazifischen Englisch ist: Es ermöglicht den Kontakt zur Außenwelt, denn man braucht Englisch auch als Verkehrssprache im Pazifik. Ein Cook Islands Māori könnte vielleicht Tahitianisch verstehen, aber mit Samoanisch hätte er Schwierigkeiten, Fidschianisch verstünde er gar nicht. Das liegt einfach an der komplexen, über dreitausend Jahre alten Siedlungsgeschichte im Südpazifik. Dann wissen viele junge Leute, dass sie keine Zukunft auf den Inseln haben, sie können eigentlich nur weggehen. Sie wollen gerne ein Stipendium haben für Neuseeland oder Australien, dafür brauchen sie Englisch. Englisch ist für sie das Tor zur Welt.

          Speziell das südpazifische Englisch hat, wie ich finde, große Vorteile darin, dass es die Verständigung untereinander ermöglicht – für Menschen, die einerseits das Māori nicht mehr so gut sprechen, und die andererseits mit dieser besonderen Form des Englischen zugleich auch ihre Identität zeigen können. Der Nachteil mit dem Englischen im Südpazifik liegt nicht so sehr im Englischen selbst, als in der Einseitigkeit, mit der es vermittelt wird. Das Problem, das ich auf den Cookinseln sehe, ist, dass das Englische auf der Hauptinsel das Māori schon ziemlich verdrängt hat. Was auch daran liegt, dass dort nach meinem Eindruck nicht verstanden wird, welche Möglichkeiten Bilingualismus bietet. Die Leute denken oft, sie müssten sich für eine Sprache entscheiden, sie verstehen nicht, dass, wenn man eine Sprache gut beherrscht, man auch eine zweite besser lernen kann. Da dieses Bewusstsein nicht vorhanden ist, sagen die Eltern natürlich: „Dann lern’ mal lieber Englisch.“ Und auch eine ungünstige Gegenbewegung gibt es. Auf Rarotonga etwa, der größten Insel der Cookinseln, hat man die Bedrohung des Māori bemerkt, und dort verbieten die Stammesältesten den Jugendlichen jetzt teilweise schon das Englische. Das weckt bei den Jugendlichen dann nicht nur negative Gefühle, sondern kann auch dazu führen, dass diese am Ende weder Englisch noch Māori richtig beherrschen.

          Wie unterscheidet sich zum Beispiel das Cook Islands English vom neuseeländischen Englisch?

          Da fand ich interessant, was einer der von mir aufgenommenen Sprecher gesagt hat: Er sagte, er spreche „New Zealand English with a twist“. Deshalb fange ich mal mit einer Gemeinsamkeit an: Die Vorderzungenvokale im neuseeländischen Englisch werden recht hoch gesprochen, sodass man statt „yes“ „yees“ sagt und „peen“ für „pen“.  Das ist etwas, was man auf den Cookinseln durchaus mal hört. Neben den Merkmalen, die ich eben schon genannt habe, ist auf den Cookinseln typisch, dass man Substantive verstärkt als Verben verwendet, was an der Struktur des Māori liegt. Statt „to sweep the floor“ wird zum Beispiel „to broom the floor“ gesagt. Das finden Sie nicht im neuseeländischen Standardenglischen.

          Wie sachlich richtig ist die Formulierung „New Zealand English with a twist“ – bezogen auf das Englisch, das auf den Cookinseln gesprochen wird?

          Ich würde eher sagen, es ist ein Cook Islands English with a New Zealand twist. Wobei es einen Unterschied macht, ob ein Sprecher wirklich in Neuseeland war oder ob er es von seinen Cousins aus Neuseeland aufgeschnappt hat. Es geht beim Englischen als Zweitsprache auch immer darum, welches Englisch man als ursprüngliche Norm im Kopf hat – und das ist für Cook Islanders aus meiner Sicht am ehesten das neuseeländische Englisch. Auf den Fidschi-Inseln wäre das anders, da wäre es das britische Englisch – angereichert mit der auffälligen Eigenart eines rollenden „R“. Bei jüngeren Sprechern auf Samoa hingegen hat man eher einen amerikanischen Einfluss. Der Hintergrund ist, dass es an den dortigen Schulen Lehrer des American Peace Corps gibt, die amerikanisches Englisch sprechen.

          Zeremonie mit dem berauschenden Kava-Getränk im fidschianischen Dorf

          Gibt es weitere Eigenarten auf den untersuchten Inseln, missverständliche Kontexte zum Beispiel?

          Im britischen Englischen sagt man ja zur Begrüßung beispielsweise „How are you?“ Da erwartet natürlich niemand, dass man genau sagt, wie es einem geht. Man sagt einfach „I’m fine, how are you?“. Im Pazifik kann es sein, dass man mit den Worten „Where have you been?“ zur Begrüßung angesprochen wird. Da wird aber als Antwort auch nicht ein lange Aufzählung verlangt, man sagt einfach „I’ve been around. Where have you been?“. Die Touristen aber nehmen es sehr genau, erklären, wo sie überall waren, was die Einheimischen sehr witzig finden.

          Was waren ungewöhnliche soziolinguistische Phänomene, auf die sie gestoßen sind?

          Ein ganz ungewöhnliches Phänomene sind die Fa‘afafine in Samoa, dabei geht es um Sprache und Geschlecht. Das Wort fa‘afafine bedeutet „wie eine Frau“, es handelt sich um Männer, die in der Rolle einer Frau in der Gesellschaft leben. Das Phänomen an sich kennen wir im Westen auch, bei Transvestiten zum Beispiel, im Südpazifik aber hat das eine sehr lange Tradition. Hintergrund ist, dass in Samoa in ländlichen Gegenden die Aufgaben zwischen Mann und Frau sehr klar verteilt sind. Die Frau kocht, wäscht und kümmert sich um die Kinder, die Männer gehen fischen und schlachten die Schweine, sie sind die Jäger. Aber die Arbeitsverteilung funktioniert natürlich nicht, wenn eine Familie sechs Kinder hat und es sind alles Jungs. In diesem Fall bestimmt die Familie, dass der jüngste Sohn ein Mädchen wird – die Gemeinschaft hat im Südpazifik einen viel höheren Stellenwert als im Westen, die Struktur ist sehr hierarchisch. Der Junge kleidet sich dann als Mädchen, lässt sich die Haare länger wachsen, tritt anders auf und übernimmt die Aufgaben, die für ihn vorgesehen sind. In ländlichen Gebieten genießen die Fa’afafine große Anerkennung. Ihre soziale Einstellung wird honoriert. In den Städten ist es anders, da vermischt sich das Phänomen zum Teil mit der gay community – und dort ist mir von Problemen und Anfeindungen berichtet worden, wahrscheinlich, weil hier die Eltern oder Stammesältesten die Geschlechterrolle nicht bestimmen konnten. Da gibt es dann noch viele Vorurteile.

          Sprachlich ist interessant, dass die Fa’afafine ihr eigenes Englisch haben. Sie sprechen sich als „she“ an, nicht als „he“, haben zum Teil eine eher feminine Intonation und vor allem sprechen sie manche Begriffe phonemisch rückwärts aus, das nennt man back slang, eine Art Geheimcode, der an Phänomene des gay speak in Großbritannien der sechziger Jahre erinnert, als würden sie sich damit an eine internationale Community anschließen.

          Was wollen Sie mit Ihrer Forschung bewirken?

          Für mich ist wichtig, dass ich nicht im Elfenbeinturm sitzen bleibe und einfach nur Daten analysiere. Ich möchte mit der Sprechergemeinschaft ins Gespräch kommen über meine Forschungen, was aber auch eine delikate Angelegenheit ist, weil leicht der Eindruck entsteht, da komme jemand von außen und wolle sich einmischen. Es hat sich aber auch gezeigt, dass es für viele Inselbewohner wichtig war, dass ich im Gegensatz zu anderen Forschern nach zehn Jahren zurückgekehrt bin. Sie sagten: „Oh, you’ve come back. Welcome back! No one comes back.“ Ich wurde dadurch wie eine gute alte Freundin empfangen, und es haben sich viele gute kleine Gespräche entwickelt.

          In Vorträgen auf den Inseln habe ich zu vermitteln versucht, wie wichtig Bilingualität aus meiner Sicht für die Einheimischen ist. Auf Rarotonga bin ich dann auch einfach mal zu dem Fernsehsender CITV gegangen und habe gefragt, ob ich meine Forschungen vorstellen dürfe. Sofort hieß es: „Na klar, Sie bekommen fünf Minuten zur Hauptsendezeit.“ Ich habe dann das Projekt kurz vorgestellt und habe gesagt, dass es eine sehr schöne Sache sei, wenn man ein eigenes lokales Englisch habe und dass es wichtig sei, dass die Kinder das Māori nicht vernachlässigen. Meine Botschaft war: Spielt das nicht gegeneinander aus!

          Was haben Sie bei Ihrem Aufenthalt im letzten Jahr untersucht?

          Ich habe einerseits dieselben Leute aufgenommen wie vor zehn Jahren, sofern ich sie erreichen konnte. Der Hintergrund war, dass es keine Langzeitstudien über das südpazifische Englisch gibt. Meine Fragen waren: Gibt es das Cook Islands English oder das fidschianische Englisch noch, das ich vor zehn Jahren kennengelernt habe? Wie haben diese Varietäten sich weiterentwickelt? Hat sich der Status verändert? Was haben die neuen Medien bewirkt? Die jungen Leute haben auf den Inseln heute auch schon Smartphones.

          Die zweite Schiene war, dass ich mit Fragebögen zum Sprachgebrauch und zur Sprachhaltung gearbeitet habe. Auch wollte ich natürlich wissen, wie es meinen Interviewpartnern von damals heute geht, wie sie leben, was die Globalisierung bewirkt hat.

          Von James Cook übersehen: Rarotonga ist die größte der Cookinseln im Südpazifik

          Das Englische ist wohl überall auf dem Vormarsch.

          Ja, in den urbanen Gebieten stärker als in einsamen Dörfern in ländlichen Gebieten.

          Was haben die Aufenthalte bei Ihnen persönlich bewirkt?

          Feldforschung ist auf der einen Seite sehr schwierig, gerade auch wenn man als Frau so weit reist, auf der anderen Seite hat man viele schöne Erlebnisse und gewinnt einen Sinn für fremde Kulturen, den man ohne dies nicht gewonnen hätte. Wenn man zurückkommt von einer Feldforschung hat man das Gefühl, einen Teil von seinem Herzen dagelassen zu haben.

          Wie haben Sie Ihre Forschungen finanziert?

          Ich hatte mich 2007 für ein Stipendium beworben und kurz vor meinem Abflug eine Absage bekommen, ohne Begründung. Den Flug hatte ich schon buchen müssen, das war dann etwas erschreckend für mich. Der Hintergrund war wohl, dass gedacht wurde, es sei unmöglich, dass eine einzelne Person drei Länder mit drei Varietäten bearbeiten kann. Als das Buch erschienen ist und es zwei Preise gewann, habe ich dann bei der Laudatio gesagt, dass mein Lebenslauf jetzt wohl sehr gradlinig aussehe, dass es aber nicht so war. Es ist nicht leicht für einen Nachwuchswissenschaftler, man hat oft Zukunftsängste. Ich finde es wichtig, dem jetzigen Nachwuchs nicht mit einer Fassade zu begegnen, sondern ihm zu sagen: „So war es auch bei uns. Kämpft weiter für eure wissenschaftlichen Träume.“

          Die Fragen stellte Uwe Ebbinghaus.

          Zur Person

          Carolin Biewer, 1975 im Saarland geboren, studierte Englisch, Mathematik und Philosophie an der Universität Heidelberg, wo sie 2005 zur Sprache der Liebe in Shakespeares Komödien promovierte. Ihre Habilitation zum südpazifischen Englisch wurde 2016 mit dem Habilitationspreis des Deutschen Anglistenverbandes und dem Preis der European Society for the Study of English (ESSE) für die beste englischsprachige Publikation in Linguistik des Jahres 2015 in Europa ausgezeichnet. Seit 2015 ist sie Professorin für Englische Sprachwissenschaft und Lehrstuhlinhaberin an der Universität Würzburg. Ihre Forschungsschwerpunkte liegen in der Beschreibung von Variation und Wandel des Englischen als Zweitsprache in Hongkong und dem Südpazifik und der digitalen Linguistik.

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