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Sprache und Digitalität : Sollen wir jetzt dem Computer nach dem Munde reden?

Das Jugendwort des Jahres 2017 Bild: dpa

Henning Lobin, Linguist und Mitglied im Rat für deutsche Rechtschreibung, meint, im Internet ein neues Bild der Sprache entdeckt zu haben. Wie neu ist es tatsächlich – und stellt es einen Fortschritt dar?

          Bei diesem Buch weiß man lange nicht, worauf der Autor, Linguistik-Professor und neu bestellter Direktor des Instituts für Deutsche Sprache in Mannheim, hinaus will. Was umso bedauerlicher ist, als sich dem Leser gleich zu Beginn eine Vielzahl von Fragen stellt. Da wäre zunächst der Titel. Kann Sprache im engeren Sinn, also wesensmäßig, digital sein? Ist es nicht ein alter Hut, dass sie immer in irgendeiner Form vernetzt ist? Und welches „neue Bild der Sprache“ hat man in den letzten Jahren denn verpasst?

          Uwe Ebbinghaus

          Redakteur im Feuilleton.

          Im Vorwort stößt man auf gleich drei Bilder von Sprache: das der Öffentlichkeit, die eine „Spannung“ verspüre „zwischen der heutigen Sprachverwendung und dem, was als das sprachliche Ideal angesehen wird“, zweitens das der neuen Linguistik und schließlich das Sprachbild derer, die einem sprachlichen Ideal beziehungsweise einer Vorstellung von „reiner Sprachlichkeit“ anhängen. Letztere ist die große Gegenspielerin zum „neuen Bild der Sprache“, wobei sie offenbar durch die Vorstellung einer starren und unveränderlichen Verbindung von Zeichen und Bezeichnetem geprägt ist und nach Lobin eher in schriftlichen Konstrukten als in der Mündlichkeit zu finden ist. Will der Autor mit diesem schwammigen Begriff vielleicht die Gegner von Anglizismen und Rechtschreibreformen charakterisieren, fragt man sich auf der Suche nach Greifbarem? Entstanden sei dieses sprachliche Ideal, so Lobin, „im Zuge längst vergangener kultureller und medialer Gegebenheiten“, durch den Computer aber sei es obsolet geworden.

          „Die Entstehung eines neuen Bildes der Sprache wurde möglich, weil neben dem Menschen ein zweiter der Sprache mächtiger Akteur auf der Bildfläche erschienen ist, der diese Traditionslinie durchbricht: der Computer“, heißt es weiter. Aber wie soll man sich das vorstellen? Lassen wir einmal die Frage beiseite, ob die Künstliche Intelligenz von Sprachassistenten wie Alexa und Siri in Zukunft kreativ ein vom Menschen geprägtes Bild der Sprache verändern oder kontrastieren können wird. In der Realität findet der Computer ja meist eine Sprache vor, mit der er gefüttert wird. Wie soll er aber, als Medium, in den vergangene Jahren ein neues Bild der Sprache erschaffen haben? Lobin bleibt die Antwort darauf schuldig.

          Sprache im Internet ist hochgradig manipulierbar

          Vieles aber deutet darauf hin, dass er lediglich die pragmatische, kontextuelle Sprachebene der digitalen Kommunikation besonders hoch bewertet und zu einem neuen Bild der Sprache stilisiert. Sicher, der Computer und das Internet haben Kommunikation um ein Vielfaches komplexer gemacht, Sprache wird aber nicht plötzlich maschinenhaft-digital, sie findet nur zunehmend im Zusammenhang mit digitaler Technik statt, was weitreichende Folgen für die Kommunikation, ihre Schnelligkeit, den Wortschatz und die Vernetztheit der Sprachteilnehmer hat. Aus diesem Grund muss sich aber nicht gleich das vorherrschende Bild der Sprache ändern, sondern allenfalls das der sprachlichen Kommunikation. Und darüber, welche Implikationen die neue Entwicklung hat, wird ja auch schon seit einem guten Jahrzehnt gestritten.

          Fast schon bedrückend ist der historische Rückblick, den der Autor im zweiten Kapitel gibt. Erzählt wird eine Art Verfallsgeschichte, die einen für Lobin offenbar ziemlich idealen sprachlichen Urzustand, den des demokratischen, rhetorisch-transparent geprägten Athen, im Lauf der Jahrhunderte über Aristoteles, Augustinus und Leibniz auf den Abweg der „reinen Sprachlichkeit“ führte. Dass in der athenischen Demokratie weite Teile der Bevölkerung eben gerade nichts zu sagen hatten, geschenkt. Ärgerlicher ist, dass Lobin die Sprachkritik des achtzehnten und neunzehnten Jahrhunderts überspringt, um – Wittgenstein kommt nur auf einer einzigen Druckseite vor – mit der These, der Strukturalismus habe zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts zu einem „Höhepunkt der reinen Sprachlichkeit“ und zur „Monomodalität“ geführt, den dadurch entstehenden Popanz gegen das von ihm als neu bezeichnete Bild der Sprache zu stellen.

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