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Sozialer Zusammenhalt : Schattenseiten der Zivilgesellschaft

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Immer öfter gibt es Proteste und Demonstrationen zu kontroversen Themen. Viele fürchten deswegen um den Zusammenhalt in der Gesellschaft. Bild: dpa

Die Erforschung des sozialen Zusammenhalts ist zum wissenschaftlichen Großprojekt geworden. Sind die Ängste vor dem Zerfall der Gesellschaft berechtigt?

          Ob sich die Zivilgesellschaft im Niedergang oder Aufschwung befindet, ist eine offene Frage. Unstrittig ist aber, dass sie ihre Unschuld verloren hat. Lange galt ziviles Engagement ebenso wie seine sozialwissenschaftliche Erforschung per definitionem als gemeinwohlorientiert, emanzipativ und demokratiefördernd. Diese Verklärung gehört seit dem Erstarken populistischer Bewegungen der Vergangenheit an. „Auch Pegida ist Teil der Zivilgesellschaft“, sagt der Politikwissenschaftler Edgar Grande. Seit wieder rechtsgerichtete soziale Bewegungen in Deutschland marschierten, also nicht nur die links-grünen Ostermarschierer, Umweltschützer und AKW-Gegner, habe sich der ambivalente Charakter der Zivilgesellschaft offenbart. Darum sei es heute eine empirische Frage, welche Folgen bürgerschaftliches Engagement für den sozialen Zusammenhalt und die Zukunft der Demokratie tatsächlich habe. Man müsse wohl in Kauf nehmen, dass es beidem auch schaden könnte.

          Grande ist Gründungsdirektor des am Berliner Wissenschaftszentrum für Sozialforschung (WZB) neu eingerichteten Zentrums für Zivilgesellschaftsforschung, das von der Mercator-Stiftung, der VW-Stiftung und der Freien Universität Berlin unterstützt wird. Dort gibt man sich zum Auftakt erstaunlich ahnungslos. Aufschwung oder Niedergang der Zivilgesellschaft? Unklar. Veränderung? Gewiss, aber weshalb, wie und wohin? „Auch darüber weiß man zu wenig“, sagt Grande. Man wolle am WZB daher mehr empirische Offenheit wagen – und betrete „vermintes Gelände“.

          Das Problem großer Teile der bisherigen Zivilgesellschaftsforschung besteht nach Grandes Auffassung darin, dass sie Teile ihres Gegenstandsbereichs durch normative Vorannahmen ausgeblendet hat. Dass die zivilgesellschaftliche Anerkennung von Phänomenen wie Pegida Provokationspotential hat, sei ihm durchaus bewusst, sagt Grande. Man betrete damit beim WZB zwar kein Neuland, und Pegida solle in den geplanten Projekten des Zentrums auch keine zentrale Rolle einnehmen. Doch dem Dresdner Politikwissenschaftler Werner Patzelt ist bekanntlich vorgeworfen worden, in seinen Pegida-Forschungen die Grenze vom Analysieren zum Sympathisieren überschritten zu haben.

          Neuer Forschungsverbund in Planung

          Dass die Gründung eines vom Bund finanzierten „Instituts für gesellschaftlichen Zusammenhalt“ an der TU Dresden offensichtlich vom Tisch ist, soll auch damit zusammenhängen, dass Patzelt mit dem geplanten Institut in Verbindung gebracht worden war. Der Bund jedenfalls will die bereits bewilligten 37 Millionen Euro jetzt für einen neuen Forschungsverbund von bis zu zehn Institutionen ausgeben, um „gemeinsam die Forschung zum gesellschaftlichen Zusammenhalt auf eine neue Grundlage zu stellen“, wie es in der im November veröffentlichten Ausschreibung des Bildungsministeriums heißt. Nach wie vor hält der Bund darin allerdings an der Idee eines „Instituts für gesellschaftlichen Zusammenhalt“ fest, nur soll es jetzt räumlich dezentral aufgebaut werden, womit man den „regionalen Spezifika“ der „Desintegrationsprozesse“ in der deutschen Gesellschaft gerecht werden wolle. Der Ausschreibung lässt sich auch entnehmen, dass gesellschaftlicher Zusammenhalt „gemeinhin als Wert an sich gesehen“ wird. Es wird erwartet, dass die Bewerber diesen „normativen Grundgehalt“ von Zusammenhalt „wissenschaftlich reflektieren“.

          Weshalb die triviale Mahnung zur Reflexion der Grundbegriffe der eigenen Forschung? Gleich zwei Absichten des Ministeriums lassen sich dahinter erkennen: Zum einen soll der Eindruck vermieden werden, als wisse man auf staatlicher Seite sowieso schon, was die Gesellschaft zusammenhalte – also etwa eine deutsche Leitkultur oder die ethnische und religiöse Homogenität der Bevölkerung. Andererseits muss mit dem Bemühen um die Erforschung des gesellschaftlichen Zusammenhangs von Seiten des Bundes natürlich auch bewiesen werden, dass man der breit geäußerten Sorge über den Zerfall und die Spaltung der Gesellschaft nicht gleichgültig gegenübersteht. Man kümmert sich um die Sorge, sorgt sich aber selbst vor dem Vorwurf der staatlichen Parteilichkeit.

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