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Vertreibungen von 1948 : Rückkehr bei Lebensgefahr

  • -Aktualisiert am

Szene der Nakba, 1948 Bild: Picture-Alliance

Ein palästinensischer Historiker aus Israel erforscht die Geschichte seines Geburtsorts. Adel Mannas Studie wirft neues Licht auf die Nakba, die Vertreibungen von 1948, und deren Folgen.

          Die Frage, weshalb in Galiläa trotz flächendeckender Vertreibungsaktionen im israelisch-arabischen Krieg von 1948 rund ein Drittel der mehr als 200 arabischen Dörfer bestehen blieb, ist bis heute nicht eindeutig geklärt. Der in Israel lebende palästinensische Historiker Adel Manna ist ihr unlängst in einem Buch nachgegangen, dessen Titel ins Deutsche übersetzt lautet: „Nakba und Überdauern. Die Geschichte der Palästinenser, die in Haifa und Galiläa verblieben sind, 1948 bis 1956“. Es erschien zunächst in Jordanien auf Arabisch und wurde 2017, vom Autor ins Hebräische übertragen, in Israel veröffentlicht – ein in mehrerlei Hinsicht ungewöhnliches Werk.

          Denn die Ereignisse der Nakba sind im Falle der im Land verbliebenen Palästinenser bislang nur getrennt von deren Schicksal in den unmittelbar darauffolgenden Jahren untersucht worden. Wie sehr beide Phasen, Nakba und das Leben unter der Militärbesatzung, die noch bis ins Jahr 1966 andauerte, von den Palästinensern als Kontinuum erlebt wurden, wurde kaum zum Thema gemacht. Adel Manna, geboren 1947, hat durch Interviews und das Studium der einheimischen arabischsprachigen Presse sowie von Akten des Militärs und des Obersten Gerichts Israels diese Lücke zu schließen versucht. Seine Untersuchung besitzt auch deshalb Seltenheitswert, weil sich bislang kaum ein israelisch-arabischer Historiker dieses äußerst komplexen und auch politisch geladenen Geschichtskapitels angenommen hat. Eine Beschäftigung damit von dieser Seite war dem akademischen Establishment im Land freilich alles andere als willkommen.

          Adel Manna ging es bei seiner Untersuchung auch um die Aufarbeitung der Geschichte seines etwa zwanzig Kilometer östlich der Küstenstadt Akko liegenden Geburtsorts Madschd al Kurum. Die Vorgänge in dem Dorf, das neben anderen in der Umgebung den Krieg überdauert hat, spiegeln die gängigen Muster des damaligen Umgangs der Israelis mit der palästinensischen Bevölkerung. Dieser war nicht frei von Widersprüchen, die auch die Haltung des Jischuw, der jüdischen Bevölkerung Palästinas, in der Palästinenser-Frage prägten.

          Die „Hiram-Operation“

          David Ben Gurion, dem Anführer des Jischuw, der nach der Staatsgründung im Mai 1948 erster israelischer Ministerpräsident und Verteidigungsminister wurde, schwebte eine möglichst umfassende Räumung des Landes von seinen palästinensischen Bewohnern vor. Seine maximalistischen Forderungen trafen jedoch gelegentlich auf den Widerstand seiner Kabinettsmitglieder. Ben Gurion setzte sich immer wieder durch, auch in Sachen Galiläa. So wurden die arabischen Bewohner des nord- und südöstlichen Galiläa schon vor und unmittelbar nach der Staatsgründung in die Flucht getrieben – diese Gebiete sollten laut dem UN-Teilungsplan von 1947 dem jüdischen Staat zufallen. In der „Hiram-Operation“ Ende Oktober 1948 wurde dann innerhalb von nur zwei Tagen das übrige Galiläa von der israelischen Armee erobert, ein Gebiet, das ursprünglich für einen arabisch-palästinensischen Staat vorgesehen war.

          Schon vor der „Hiram-Operation“ hatte sich gezeigt, dass die Israelis die Dörfer der mit ihnen kooperierenden Drusen verschonten. Ähnlich, allerdings nicht konsequent, ging man mit den arabisch-christlichen Ortschaften um – Nazareth wurde, wie auch die meisten der umliegenden Orte, verschont. Gegen muslimische Dörfer hingegen ging Israel in der Regel massiv vor. So war auch Adel Mannas Heimatdorf ins Visier geraten, zumal in dessen Nähe Kämpfer der Freiwilligen-Miliz „Rettungsarmee“ stationiert waren, die im Namen der Arabischen Liga operierte und im Krieg Teile von Galiläa kontrollierte. Jedoch zogen sich diese Kämpfer schon zu Beginn der israelischen Offensive rasch zurück. Sie empfahlen den Dorfbewohnern, nicht zu fliehen, sondern mit den Israelis eine Kapitulation auszuhandeln, was dann durch die Vermittlung befreundeter Drusen aus einem Nachbardorf, die den Kontakt zu einem Aufklärungsoffizier herstellten, auch geschah. Den bald in Madschd al Kurum eintreffenden israelischen Soldaten wurden sämtliche im Besitz der Dorfbewohner befindlichen Waffen ausgehändigt. So schien ihnen das Schicksal erspart zu bleiben, das Muslime in anderen galiläischen Dörfern erlitten hatten.

          Eine Woche später aber tauchten im Dorf wieder Soldaten auf, und alle Männer mussten sich auf dem Dorfplatz versammeln. Wie der Historiker Manna einer Akte der Militäraufklärung entnahm, hatten die Israelis vermutet, dass etliche der im Dorf befindlichen jungen Männer – darunter auch Flüchtlinge aus schon geräumten Ortschaften der Region – in den Reihen der „Rettungsarmee“ gekämpft hätten. Nach Ansicht Mannas, der sich auf seine Gespräche mit Zeitzeugen beruft, war der Verdacht unbegründet. Die auf dem Dorfplatz versammelten Männer wurden aufgefordert, die „restlichen Waffen“ auszuhändigen – im Ort aber waren, wie die Ortsvorsteher betonten, keine mehr vorhanden. Die Soldaten bekräftigten dennoch ihren Befehl und begannen nicht nur Häuser zu durchsuchen, sondern exekutierten nacheinander fünf Männer, darunter auch Adel Mannas Großvater. Das Töten – bei den Hausdurchsuchungen wurden noch weitere zwei Männer, eine Frau und ein Mädchen erschossen – nahm nur deshalb ein Ende, weil der bei den Kapitulationsverhandlungen vermittelnde Aufklärungsoffizier, der sich gerade im Dorf aufhielt, in das Geschehen eingriff.

          Der Blick der Besetzten

          Allerdings wurde dadurch nicht verhindert, dass zumindest neun junge Männer in den Libanon deportiert, zahlreiche Häuser im Dorf geplündert und große Teile des Viehbestands von der Armee beschlagnahmt wurden. Erschießungen, Plünderungen und Raub waren damals keineswegs die Ausnahme, sie fanden aber eher bei gezielten größeren Vertreibungsaktionen statt. Dennoch flohen nach den Erschießungen viele der jungen Männer aus Angst in den Libanon, darunter auch Mannas Vater. Als im November 1948 die erste israelische Volkszählung stattfand, auf deren Grundlage später Personalausweise ausgestellt wurden, erfasste man die Geflüchteten nicht. Sie galten bei ihren Rückkehrversuchen als feindliche „Infiltranten“, auf die auch geschossen werden durfte. Mehrere tausend Palästinenser fanden so oder durch Minen den Tod. Wen beim Rückkehrversuch nach Galiläa das Militär aufgriff, der wurde bald wieder in eines der arabisch kontrollierten Gebiete deportiert.

          Bei der Suche nach „Infiltranten“ führten die israelischen Sicherheitskräfte auch in Madschd al Kurum, hier im Januar 1949, Razzien durch. Die erste, bei der Militärakten zufolge 355 „Infiltranten“ in ein südlich von Haifa gelegenes Gebiet, das damals unter der Kontrolle der irakischen Armee stand, deportiert wurden, traf auch Adel Mannas Vater, der mittlerweile in das Dorf zurückgekehrt war. Wie andere wurde der Familienvater zusammen mit seiner Frau und seinem einjährigen Sohn Adel auf Lastwagen abtransportiert. Es wurden also nicht nur männliche „Infiltranten“, sondern ganze Familien vertrieben. So verhielt es sich auch bei der zweiten Razzia im Dorf, bei der weitere 180 Palästinenser deportiert wurden, sowie bei einer dritten Aktion im November 1949, die rund 250 Menschen betraf. Ein Großteil der Deportierten landete nach einer langen Odyssee in einem palästinensischen Flüchtlingslager im Südlibanon.

          Die relativ durchlässige Grenze zu Israel machte es möglich, dass viele von ihnen ihre Heimatdörfer aufsuchten, um ältere und wirtschaftlich geschwächte Verwandte zu unterstützen, oder dort sogar dauerhaft blieben – ein in der Forschung bislang kaum behandeltes Geschichtskapitel, dessen Komplexität der Autor an einer Reihe von Beispielen veranschaulicht. Sein Vater entschloss sich 1951, trotz aller Risiken mit der Familie zurückzukehren, was über den Seeweg gelang. Die Familie durfte schließlich bleiben, weil mehr als fünfzig der exilierten Dorfbewohner bei Israels Oberstem Gericht den Bürgerstatus einklagen konnten. Allerdings hatten diejenigen Männer, die unmittelbar nach den Erschießungen in Madschd al Kurum im November 1948 von der Armee vertrieben worden waren, mit ihren Klagen keinen Erfolg. Für die Oberrichter war übrigens die von Exekutionen begleitete Razzia eine „übliche militärische Vergeltungsaktion“.

          Obgleich die Vorgehensweise der Israelis in Galiläa inkonsequent wirkt, ist sie für Manna Ergebnis einer gezielten „Vertreibungspolitik“, die stellenweise nur deshalb nicht zu Ende geführt worden sei, weil ihr die Palästinenser im Rahmen ihrer Möglichkeiten Widerstand geleistet hätten. Dieser These Mannas hat der israelische Historiker Benny Morris, ein angesehener Fachmann für die Gründungsgeschichte Israels, vehement widersprochen. Der israelische Umgang mit den Palästinensern sei sehr widersprüchlich und immer wieder auch willkürlich gewesen, weshalb sich eine klare „Vertreibungspolitik“ nicht erkennen lasse. Der von Manna hervorgehobene „Widerstand“ der Palästinenser, so Morris, habe kaum etwas bewirkt oder bewirken können, weil sie damals der israelischen Willkür hilflos ausgeliefert gewesen seien.

          Mannas Studie wird in Israel allerdings auch gelobt, weil sie neues Licht auf die vieldiskutierte Nakba wirft. Denn erst die Einbeziehung palästinensischer Zeitzeugnisse veranschaulicht, dass das bislang freigegebene israelische Archivmaterial, auf das sich Morris bei seinen Forschungen gestützt hat, ein einseitiges Bild von den Ereignissen vermittelt. Für deren Verständnis ist der Blick der Besetzten, der bislang weitgehend gefehlt hat, nicht minder wichtig.

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