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Athematisches Lesen : Lassen wir die Sache

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Hölderlin-Manuskript mit Annotation Mörikes aus dem Freien Deutschen Hochstift. Bild: Jakob von Siebenthal

In der Literaturtheorie zeichnet sich eine Renaissance der Philologie ab. Ausdrücklich gelehrt wird neuerdings die Kunst, vom Gegenstand eines Textes abzusehen, um die sprachliche Form zu erfassen.

          Ist es sinnlos, sich über die Sinnhaftigkeit des Sinns zu streiten? Blickt man auf die aktuellen literaturwissenschaftlichen Debatten, so könnte man diesen Eindruck durchaus gewinnen. Die Texte, so hört man immer wieder, unterbreiteten Sinnangebote, erklärten dieses und jenes und lüden sogar zu Problemlösungen ein. Das könne man schon bei flüchtiger Lektüre erkennen, zum Beispiel via „distant reading“. Auch Literatur habe schließlich ihren gesellschaftlichen Beitrag zu leisten. Offenbar werden Texte dann in erster Linie über ihre Inhalte definiert und ungeachtet ihrer sprachlich-ästhetischen Komplexität auf ihren Informationscharakter reduziert – ganz so, als wäre die Theoriebildung des zwanzigsten Jahrhunderts spurlos an den Fachdebatten vorübergegangen.

          Nicht alle wollen sich damit zufriedengeben. Vor allem die Philologie will nicht hinnehmen, dass ihr Kerngeschäft, die Arbeit am Text, zu einem Randphänomen verkommt. Sie, diese grundlegende, zuletzt jedoch etwas verblasste Wissenschaft, könnte dafür sorgen, dass die Texte wieder zu ihrem Recht kommen, während die Literaturwissenschaft prekäre Verhältnisse mit Kultur- und Geschichtswissenschaft, Soziologie oder Philosophie eingeht.

          Es gibt in der zeitgenössischen philologischen Landschaft einige Beispiele, die diese Hoffnung nähren. Neben einzelne Vorläufer – den jüngst verstorbenen Gerhard Neumann mit seiner Fähigkeit, bis an die Grenzen des Sprachlichen in den Texten vorzudringen, Heinz Schlaffer mit seinem Blick für die poetischen Fundamente der philologischen Wissenschaft, Hans Ulrich Gumbrecht mit seinem Gespür für die Sinnlichkeit der Texte – treten verschiedene Initiativen, die auf eine Rephilologisierung der Literaturwissenschaften hinarbeiten – mit dem ganz praktischen Ziel der Vermittlung eines anderen, fokussierten Leseverhaltens: Solche Lektüre richtet ihren Blick auf die Erkenntnisverfahren, die ein Text selbst vor unsere Augen stellt (oder im Gegenteil vor uns zu verbergen sucht). Eine Kunst des Lesens, die beobachtet, beschreibt und strukturiert, versteht sich weder als interessengeleitet, noch verfolgt sie einen extern definierten Sinn, zumal sich dieser oft als bloße Bestätigung fragwürdiger Vorannahmen entpuppt. Initiativen dieser Art sind etwa in Budapest und Heidelberg, in Osnabrück und Wuppertal entstanden.

          Eine genuin philologische Erkenntnis

          In Osnabrück sind die von Christoph König forcierten Thesen über die philologische Arbeit als Begegnung mit der Reflexivität des Textes längst zu einem Manifest geronnen („Osnabrücker Erklärung zum Potential Europäischer Philologien“). Eines der größten Projekte hat seinen Sitz in Heidelberg: Die dort 2016 am Seminar für Klassische Philologie eingerichtete „Internationale Koordinationsstelle Theorie der Philologie“, eine Kooperation mit der gleichzeitig begründeten brasilianischen Schwesterinstitution, dem „Centro de Teoria da Filologia“ (Campinas), verhandelt philologische Grundfragen aus historischer und systematischer Perspektive. An den Texten soll die szientifische Verfassung der Philologie selbst erschlossen werden, ein Anliegen, das die von Peter Szondi an die Philologie gestellte Aufgabe, mit ihrem Gegenstand immer auch sich selbst zu befragen, konsequent weiterführt.

          Die weitgehende Abstraktion von unreflektierten Vorannahmen und eine möglichst enge Orientierung am Text sollen die Aufmerksamkeit für – nicht selten entscheidende – sprachliche Details, für Hinweise auf die eigene Gemachtheit, überhaupt für die subtilen Modi der Selbstkommentierung des Textes schärfen, welche in einer inhaltlich oder auch methodisch überfrachteten Lektüre allzu schnell übersehen werden. Der Blick geht auf die kategorialen oder epistemischen Voraussetzungen, welche die Rede vom „Thematischen“ überhaupt erst möglich machen. Der Heidelberger Philologe Jürgen Paul Schwindt hat für dieses Lektüreverfahren die Bezeichnung „athematisch“ geprägt: Es setzt auf Analyse und Anatomie statt Therapie und Synthese und verwahrt sich gegen die Ausbildung stereotyper Lesarten. Am Sperrigen, Komplizierten und sinnlos Scheinenden kann es festhalten, ohne es in „thematische Bahnen“ zwingen zu müssen.

          Eine Philologie, die zu beschreiben versuchte, was und vor allem wie ein Text erkennt, wäre, Gadamer zum Trotz, gleichsam das Gegenteil einer philosophischen Hermeneutik. Zu lange schon hat die Philologie im Schatten der Philosophie geturnt – sogar August Boeckhs philologietheoretische Losung der „Erkenntnis des Erkannten“ verrät die dezidiert philosophische Perspektive. Langweilig wird es den Philologen also nicht: So wie sich ein Text stets im Modus des „als-ob“ präsentiert, so befindet sich, mit Isabella Tardin Cardoso (Campinas) und Michel Chaouli (Bloomington), auch der Philologe in einem Verhältnis der Simulation zu seinem Gegenstand. Unter diesen Bedingungen gestaltet sich die Textlektüre immer wieder neu und präsentiert gerade nicht die stets absehbar ähnlichen oder gleichen Ergebnisse.

          In diese Richtung zielen auch neuere Veröffentlichungen zum Thema. Glänzende Kenntnis der aktuellen Debatten verrät der von Luisa Banki und Michael Scheffel edierte Band „Lektüren. Positionen zeitgenössischer Philologie“ (Schriftenreihe Literaturwissenschaft, Bd. 94, Wissenschaftlicher Verlag Trier 2017). Der Band ist in drei Rubriken der Lektüre untergliedert: Methodologien, Epistemologien und Praxis. Leitend ist die Frage nach der Möglichkeit einer eigenen, genuin philologischen Erkenntnis, eines Wissens mithin, das nicht oder doch nicht primär im Dienste anderer Disziplinen steht. Das „Kerngeschäft“ der Philologie bleibt die Lektüre selbst und damit die „konkrete Auseinandersetzung mit Texten im Moment und im Medium der Lektüre“; hier knüpfen die Herausgeber vor allem an Szondi und Werner Hamacher an.

          Hamacher hat auf die „Verlegenheit“ der Philologie in Bezug auf ihr eigenes Tun im Unterschied zu verwandten Verfahren der Literaturwissenschaft, besonders der Hermeneutik, aufmerksam gemacht. Für die Lektüre erweist sich eine „Doppelheit“ als kennzeichnend: auf der einen Seite ihre Materialität, wie sie etwa bei der Editionswissenschaft im Mittelpunkt steht, auf der anderen die „Sinnkonstitution durch Lektüre“; beide zusammen ergeben jedoch kein Ganzes, sondern verweisen auf ein Drittes: die Philologie. Wie aber kann man lesen, ohne die historischen und aktuellen Theorieangebote auszublenden? Und sollte man das überhaupt? Die Beiträger geben unterschiedliche, aber komplementäre Antworten.

          Etwas Anarchisches

          Im Methodenteil werden problematische Attribute in den Blick genommen, bei Marcel Lepper etwa „schwierige“ Texte. Die „Schwierigkeit“ beschreibt allerdings gar keine Eigenschaft von Texten, sondern dokumentiert sich im philologischen Zugriff auf diese. „Schwierig“ oder nicht: Immer bleibt beim Lesen „etwas übrig“ – dies zu erfassen ist Aufgabe der Philologie. In den „Epistemologien der Lektüre“ werden die vielfältigen Relationen der Philologie abgesichert: Sie bewegt sich souverän im Spannungsfeld von Rhetorik und Hermeneutik und erschließt ihre Erkenntnismöglichkeiten über eine „Komparatistik philologischer Formen“ (Christoph König). Ihr Wissen bezieht sie nicht zuletzt auch aus der Fixierung von Unzulänglichkeiten der Lektüre.

          Als „Praxis der Lektüre“ macht Franziska Humphreys in ihrem Beitrag zu Freuds Traumdeutung drei Verfahren aus, die sie auf das Verhältnis von Lektüreerfahrung und deren Theoretisierbarkeit befragt: Deuten, Erraten und Übersetzen. Und doch bleibt etwas – hier als „anarchisch“ Bezeichnetes, das sich jedweder begrifflichen Erfassung verweigert. Nach den Konsequenzen, welche die Digitalisierung der Textwelten für die Technik des philologischen Lesens bereithält, fragen Marcus Willand und Denis Thouard. Auch Jenny Willner kommt in ihrer Studie zu Victor Klemperers „Notizbuch eines Philologen“ auf das fragile Verhältnis von Literatur und Wissenschaft zu sprechen: Sie formuliert die „Einsicht in die Unmöglichkeit einer philologischen Metasprache“.

          Darüber kann man freilich streiten. Vielleicht gibt es sie ja doch? Und wenn nicht – ist sie entscheidend für den epistemischen Status der Philologie? Ist dieser Status selbst überhaupt von Bedeutung? Hierauf finden sich in verschiedenen philologischen Kulturen divergierende Antworten. Wenn Wissenschaft bedeutet, Texte ernsthaft zu lesen und zu beschreiben, dann ist Philologie eine, vielleicht die wichtigste Wissenschaft. Sie kann unsere Gewissheiten aufs heftigste erschüttern – welch verführerische Aussicht!

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