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Interview zur Rechtschreibung : Beim Gendern geht es auch um Selbstdarstellung

Bild: Wikipedia/Coyote III

Wie geht es mit dem Gender-Stern weiter – und was richtet das Schreiben nach Gehör an? Peter Gallman vom Rechtschreib-Rat sorgt im Interview für Klärung.

          Mehr als 20 Jahre nach der Rechtschreibreform – Sie waren einer der Reformer – wird plötzlich an vielen Stellen der Eindruck vermittelt, die Rechtschreibung lasse immer mehr nach. Ist das auch ihr Eindruck?

          Uwe Ebbinghaus

          Redakteur im Feuilleton.

          Peter Gallmann: Ich glaube, das Problem besteht darin, dass wir im Alltag heute mit immer mehr geschriebener Sprache konfrontiert werden, zugleich werden die Leute durch vielerlei Tätigkeiten immer mehr abgelenkt, sodass die Gefahr, einen Text nicht bis zum Ende optimieren zu können, groß ist. Was das mit der Rechtschreibreform zu tun hat, ist mir aber nicht ganz klar. Ich glaube, da besteht kein Zusammenhang.

          Sie haben an einem Gespräch zum Thema „Warum es nicht egal ist, wie wir schreiben“ teilgenommen, das gerade als Duden-Büchlein erschienen ist. Bei der Lektüre fällt auf, dass den Kindern für die nachlassende Rechtschreibsicherheit kaum eine Mitverantwortung gegeben wird, Fehler werden ausschließlich bei Eltern und Lehrern gesucht.

          Ja, zumal Kinder kein Interesse an einer Privatsprache haben, sie wollen eigentlich wie die Erwachsenen reden, lesen und schreiben. Also muss man ihnen genügend überzeugende Vorbilder geben, abstrakte, aber auch persönliche. Ich glaube, Kinder haben einen natürlichen Ehrgeiz, sich auch in sprachlichen Formalien zu entwickeln. Den muss man einfach nur fördern. Es ist uns Erwachsenen nicht egal, wie wir schreiben, aber es ist, zur Beruhigung, auch den Kindern nicht egal.

          Was bewirkt die zum Teil überbordende Nutzung digitaler Medien bei Kindern, in der sich wahrscheinlich auch ein bestimmtes Autonomiestreben zeigt?

          Peter Gallmann

          Das Problem besteht nicht darin, dass Kinder dadurch die Sprache verlernen würden. Die Probleme sind da eher andere. Man kann sogar sagen: Durch die Nutzung der digitalen Medien hat man noch nie so viel geschrieben wie heute. Heute schickt man sich auf Whatsapp und anderen Kanälen ständig schriftliche Meldungen zu. Früher hätten die Kinder nur mündlich kommuniziert. Es handelt sich bei den digitalen Medien um Texte, die sich nur an einen ganz kleinen Personenkreis wenden. Die Qualitätsfrage aber stellt sich vor allem bei Texten, die ein großes Publikum haben und in jeder Hinsicht überzeugend wirken sollen. Diese Unterschiede erkennen Kinder durchaus. Wenn man sie eine digitale oder papierene Schulzeitung schreiben lässt, bemühen sie sich um eine ganz andere Sprache als in den Kurzmitteilungen.

          Das sagen Sie auch in dem Duden-Gespräch: Kinder verfügen über verschiedene Register.

          Ja, die können das.

          Die Frage ist nur, ob sie sich in den Kurznachrichten nicht daran gewöhnen, die Standards zu senken.

          Ja, die Gefahr besteht immer, aber ich bin der Meinung, sie können damit umgehen.

          Sie sind nicht alarmiert wegen der intensiven Nutzung digitaler Medien?

          Nein, in dieser Hinsicht nicht.

          Online-Kommentar in einem sozialen Medium

          Haben die Lehrer die Lust an der Rechtschreibung verloren?

          Das kann sein, aber nicht vollständig, das glaube ich nicht. In den letzten zwanzig Jahren hat man der Schule ständig neue Aufgaben aufgebürdet. Lehrer sollen die halbe Erziehung nachholen, die im Elternhaus unterblieben ist. Dass dann für Rechtschreibung weniger Zeit zur Verfügung steht, ist gut möglich.

          An einigen Hochschulen wird schon gezielt Rechtschreibnachhilfe für Lehramtskandidaten angeboten, weil viele Probleme haben.

          Das kann ich mir gut vorstellen, bei mir in Jena haben auch einige Probleme.

          Sie sehen die Angelegenheit aber rein pragmatisch: Es ist für den Rechtschreibunterricht zu wenig Zeit da.

          Ja, es gibt zu viele Anforderungen. Es ist nicht so, dass die Lehrer auf der faulen Haut liegen, sie haben ganz neue Aufgaben erhalten. Dort liegt tatsächlich ein Problem.

          Warum ist die Rechtschreibung für viele ein so emotional besetztes Thema?

          Es hängt vielleicht damit zusammen, dass bestimmte Einzelheiten den Kindern zu früh abverlangt werden – in einer Phase, in der sie diese mental noch nicht richtig verarbeiten können. Sie werden dann im Grunde nur gedrillt. Die entsprechenden Lerngegenstände hinterlassen bei den Betroffenen das Gefühl: „Es ist unheimlich wichtig, aber eigentlich begreife ich es nicht.“

          Sie nennen im Duden-Interview die Zeichensetzung als Beispiel.

          Genau. Bedenken Sie: Es gibt nur drei Grundregeln der Zeichensetzung, vielleicht noch ein paar Sonderfälle, die man verstanden haben muss bei Infinitivgruppen. Wenn man diese Regeln transparent macht, und das kann man in den Klassenstufen 7, 8 oder 9, dann begreifen die Jugendlichen sofort. Wenn man die Regeln schon in der Klassenstufe 4 einführt, überfordert man sie total. Die Schulbücher haben immer den Fehler gemacht, dass sie den Stoff zerstückelt haben in vermeintlich kindgerechte Portionen. Der Effekt war, dass die Kinder völlig den Überblick verloren haben und durch zu viele Einzelheiten, Faust- und Halbregeln vom Eigentlichen abgelenkt worden sind.

          Es gibt in der öffentlichen Debatte auch eine große Emotionalität, wenn es um das Pochen auf die Einhaltung von Rechtschreibregeln geht – sicher auch von vielen, die früher selbst Schwierigkeiten hatten.

          Das ist ja in gewisser Weise auch richtig so. Aber das ist kein Spezifikum des deutschen Sprachraums. Schauen Sie mal in den angelsächsischen Sprachraum, wie sich dort über Rechtschreibfragen – wie its vs. it’s, to vs. too – ereifert wird, und dort hat sich die Rechtschreibung seit hundert Jahren nicht verändert. Dasselbe in Frankreich, wo man außer an einigen völlig tertiären Accents ebenfalls an der Rechtschreibung nichts geändert hat. Wie man sich dort echauffieren kann! Diese Fragen kommen also auf, unabhängig davon, ob man an der Rechtschreibung herumschraubt oder nicht.

          Was steckt dahinter?

          Das ist eine psycholinguistische Frage, da kann ich nur Vermutungen anstellen. Der Zusammenhang von „Zu früh vermittelt, mental nicht richtig verarbeitet, nur eingedrillt“ erinnert mich manchmal an gewisse Varianten des Religionsunterrichts, in dem ewige Wahrheiten eingehämmert, aber nicht mental verarbeitet werden. Manche Menschen lösen sich auch als Erwachsene nicht davon. Sie haben immer noch das Gefühl, dass jemand von oben böse zuguckt, wenn man an einem Freitag Fleisch isst.

          Bei der Diskussion um die Rechtschreibreform ging es viel auch um die Ablehnung einer befürchteten traditionsvergessenen Bevormundung. Thron ohne „H“ etwa wäre für viele ein Graus.

          Ja, dieses Phänomen kannten wir aber vorher. Uns war klar, dass in Deutschland „Kaiser“, „Thron“ oder auch „Hoheit“, das auch keiner logischen Schreibung entspricht, nicht reformiert werden dürfen. Es gibt Hochwertwörter in unseren Sprachen, etwa im Bildungswortschatz wie „Philosophie“. Es gibt Tabubereiche.

          Welche Tabubereiche gibt es noch im Deutschen?

          Italienische Fremdwörter mit anlautendem „Gh“ sind interessant, wie „Ghetto“ oder „Ghirlande“, die im Deutschen heute nur mit einfachem „G“ geschrieben werden. Es gibt aber auch Wörter, bei denen diese Vereinfachung nicht klappen will. Diese Wörter gehören bestimmten Nischen an, unter anderem dem Bereich der Lebensmittel. Spaghetti nur mit „g“ hat zum Beispiel keine Chance. Dazu gibt es eine interessante Korpusuntersuchung, die ein kurioses Phänomen zeigt. Denn es gibt nicht nur Spaghetti zum Essen, sondern auch die „Spaghetti-Träger“. Jetzt raten Sie mal: Wie ist die Rechtschreibung hier?

          Ohne „H“?

          Ja genau, und zwar gar nicht so selten. Plötzlich geht die Schreibung in Ordnung, offenbar, weil man diese Spaghetti nicht isst. Aus irgendeinem Grund will jeder beweisen, dass er sich mit fremden Lebensmitteln auskennt, und wenn er sich auskennt, weiß er selbstverständlich auch, wie man sie schreibt. Das kann man den Leuten nicht nehmen, eine Änderung hätte keine Chance.

          Was heißt „keine Chance“? Wie kommt man zu dieser Einschätzung?

          Zuerst muss man entsprechende Korpora, Textsammlungen, untersuchen, ob man in ihnen schon spontane Andersschreibungen findet. Dann muss man auch ein bisschen rumfragen. Die Rechtschreibkommission arbeitet eng mit dem Institut für Deutsche Sprache in Mannheim zusammen, das über eine der größten Sammlungen von Textkorpora weltweit verfügt. Da kann man in strittigen grammatischen, orthographischen, syntaktischen Fragen umfangreiche Korpusuntersuchungen anstellen. So findet man heraus, was gerade der Fall ist. Man darf aber nicht nur auf zum Beispiel Pressetexte schauen, denn hinter denen stehen berufene Redakteure und ein Korrektorat, die Texte so optimieren, wie sie schon immer waren. Man muss also auch Texte untersuchen, bei denen die Leute etwas mehr als üblich frisch von der Leber weg geschrieben haben. Das heißt aber noch lange nicht, dass man deren Schreibung gleich übernimmt. Man weiß erst einmal nur, was der Fall ist.

          Wie geht es mit dem Gender-Stern weiter, über dessen Verwendung der Rat für Rechtschreibung kürzlich zum ersten Mal gesprochen hat?

          Zunächst ist zu klären, wofür der Rat überhaupt zuständig ist: nur für die Rechtschreibung. Ob überhaupt „gegendert“ werden soll und gegebenenfalls nach welchen Kriterien, ist eine grammatische und zugleich eine gesellschaftspolitische Frage, aber noch keine der Rechtschreibung. Entsprechend sollte sich der Rat bei diesen grundsätzlichen Fragen auch nicht einmischen. Wenn hingegen eine Entscheidung zugunsten einer bestimmten Formulierungsweise gefallen ist, dann kann der Rat bei der orthographischen Umsetzung mithelfen. Zu solchen Entscheidungen ist es aber bisher noch nicht gekommen.

          Welche Kriterien werden hier angelegt? So ist es ja ein großer Unterschied, ob man auf einen Gender-Stern in einem behördlichen Schreiben oder in einem Zeitungsartikel stößt, für den der Lesefluss von besonderer Bedeutung ist.

          Ich vermute, dass sich strikte Versionen des „Genderns“ nur in ganz bestimmten Bereichen verbreiten werden. Dazu können in der Tat Behörden gehören, da deren Texte – insbesondere juristische Texte – besonderen Ansprüchen genügen müssen, etwa hinsichtlich der Eindeutigkeit. Außerdem kann striktes Gendern in bestimmten gesellschaftspolitischen Zusammenhängen zum Quasistandard werden, etwa im Bildungswesen. Weniger strikte Versionen sind schon heute relativ weit verbreitet und finden auch in den Medien ihren Niederschlag. Gefragt ist hier ein kreativer Umgang: An welchen Stellen eines Textes ist der explizite Einbezug beider beziehungsweise aller Geschlechter wichtig, und wo sorgt der Kontext für Klarheit? Dabei geht es nicht nur um sachliche Eindeutigkeit, sondern auch um die Selbstdarstellung der Schreibenden und ihren Bezug zu den Lesenden.

          Welche Voraussetzungen müssen aus Ihrer Sicht erfüllt sein für einen erfolgreichen Rechtschreibunterricht?

          Wichtig ist, dass nicht nur auf die Ergebnisse geachtet wird, sondern dass Rechtschreibung auch inhaltlich durchdrungen wird. Kinder sollen nicht nur wissen, wie man etwas schreibt , sondern auch, warum man etwas so und nicht anders schreibt. Freilich ist nicht alles erklärbar. Wenn die Kinder fragen, warum man „Vieh“ mit einem „V“ schreibt, kann niemand eine Antwort darauf geben, das hat sich einfach historisch zufälligerweise so entwickelt.

          Automatisierung ist wohl unerlässlich im Rechtschreibunterricht?

          Das Durchdringen muss vorangehen, die Automatisierung folgen.

          Das Automatisieren wird aber gerade in der Mittel- und Oberstufe vernachlässigt.

          In Lehrplänen werden Sie finden, dass der Grammatik- und Orthographieunterricht angeblich in der Klassenstufe 7 abgeschlossen ist. Selbstverständlich legen die Lehrer auch in den folgenden Klassenstufen Wert darauf, dass Aufsätze und andere Texte orthographisch korrekt sein müssen, aber man spricht nicht mehr groß darüber, man bereitet nicht nach. Man wirft nicht nochmal einen systematischen Blick auf irgendeines der Problemfelder. Die Routine ist da, aber es fehlt die Durchdringung. Dort liegt der Fehler.

          Korrekturvorschlag des Rates für deutsche Rechtschreibung für den Begriff „Bankrott gehen“

          Ein weiteres Reizthema im Zusammenhang mit der Orthographie ist das „Lesen durch Schreiben“, auch „Schreiben nach Gehör“ genannt. Viele machen diese Methode für Rechtschreibprobleme bei Kindern verantwortlich. In dem Duden-Interview sagen Sie überraschenderweise, dass es nicht zu der Methode gehöre, auf die Korrektur von Schülertexten zu verzichten.

          Außer in einem frühen Stadium. Die Kinder sollen ja am Anfang erst einmal verstehen, wie eine Alphabetschrift überhaupt funktioniert. Ich sage es mal so: Wenn man diese Methode zum Einstieg verwendet, macht man das genau Richtige. Wenn man fünf Jahre lang mit dieser Methode arbeitet, macht man etwas falsch, das war von dem Erfinder Jürgen Reichen auch nie so gemeint. Und seien wir mal ehrlich: Gute Lehrer haben schon immer eine Methodenvielfalt angewandt. Man beginnt mit dem „Schreiben nach Gehör“ und lässt dann andere Methoden einfließen. Man kann zum Beispiel den Begriff der Silbe einführen und erste Unregelmäßigkeiten in der Sprache vorstellen, die man nicht hören, sondern nur auswendig lernen kann. Die Kinder sind auch bereit dazu. Kein schlauer Lehrer hat bei seinen Schülern sieben Jahre lang die Schreiben-nach-Gehör-Methode angewandt, und es gibt auch kein Korrekturverbot. Da steht teilweise ein übertriebenes Feindbild im Raum. Es gibt aber sicher hier und da auch ein bestimmtes schulisches Brauchtum, das mit dem Originalansatz nicht mehr viel zu tun hat.

          Spontanschreibung beim Asphaltspiel

          Peter Gallmann

          war Mitglied der inzwischen aufgelösten Zwischenstaatlichen Kommission für deutsche Rechtschreibung. Heute ist er für die Schweiz Mitglied im Nachfolgegremium Rat für deutsche Rechtschreibung . Er war zuletzt Inhaber des Lehrstuhls für Deutsche Sprache der Gegenwart (Grammatik) an der Friedrich-Schiller-Universität Jena, seit einigen Monaten ist er dort Seniorprofessor.

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