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Raubverlage : Gefahren aus dem Darknet der Forschung

Quantität statt Qualität: die wissenschaftliche Publizistik leidet an den Folgen ihrer Expansion Bild: dpa

Die Raubverlage bringen die Wissenschaft nicht in Einsturzgefahr. Aber wenn sich im Internet Wahrheit und Lüge vermischen, muss sie reagieren.

          Fünftausend deutsche Wissenschaftler will das Netzwerk Recherche von WDR, NDR und „Süddeutscher Zeitung“ identifiziert haben, die wissentlich oder unwissentlich in Raubverlagen publizierten – gegen Gebühr und an der wissenschaftlichen Qualitätskontrolle vorbei. Unter ihnen Forscher von renommierten Institutionen wie Helmholtz oder Max Planck. Fünftausend: Ist das viel oder wenig bei Hunderttausenden von Publikationen pro Jahr?

          Thomas Thiel

          Redakteur im Feuilleton.

          Die Zahl der Verdachtsfälle ist in jedem Fall tiefer anzusetzen, denn nicht jeder Beitrag eines Wissenschaftlers in einem Raubjournal verdient die Bezeichnung Scheinwissenschaft. Daneben gab es offenbar eine Reihe von Fehlzuweisungen. Der Helmholtz-Gemeinschaft wurde nach eigenen Angaben ein Wissenschaftler allein aufgrund der Tatsache zugeordnet, dass er in einer Helmholtzstraße wohnt. Nach selbständigen Untersuchungen stuften Helmholtz und die Fraunhofer-Gesellschaft die Zahl der ihnen zugeschriebenen Verdachtsfälle deutlich zurück. Fraunhofer weist darauf hin, dass von den zwölf ihr zugewiesenen Verdachtsfällen neun gegen die Zustimmung der Autoren veröffentlicht wurden. Die Max-Planck-Gesellschaft gibt an, dass drei inkriminierte Aufsätze ihrer Forscher zuerst in seriösen Verlagen publiziert wurden, die aber später von Raubverlagen aufgekauft wurden.

          Bei den vier großen Forschungsgesellschaften tragen die Verdachtsfälle nach eigenen Angaben zwischen 0,05 und 0,01 Prozent zum Publikationsaufkommen bei. An den Universitäten liegt der Prozentsatz nach Einschätzung des Kölner Science Media Center im Promillebereich. Von einer Überflutung der Wissenschaft mit Scheinwahrheiten kann also keine Rede sein. Die Forschungsgesellschaften bewerten das Phänomen als Randerscheinung und geben Entwarnung: keine Einsturzgefahr für die Wissenschaft.

          Krise des Publikationssystems

          Die fünftausend Verdachtsfälle sind auch vor dem Hintergrund zu bewerten, dass die traditionelle Qualitätssicherung alles andere als reibungslos funktioniert. Selbst bei angesehenen Journalen kommt es immer wieder zum Rückzug von Publikationen, haben sich Herausgeber- und Zitierkartelle entwickelt, in die man sich teilweise sogar einkaufen kann. Und die Tabak- und Saatgutindustrie wird es wissen: Auch vermeintlich seriöse Forschung wird zuweilen eingekauft. Die Replikationskrise der Wissenschaft hat deutlich gemacht, wie viel unseriöse Forschung, deren Resultate sich nicht wiederholen lassen, diesseits der Schattenverlage gedeiht. Wenn vom irrsinnigen Publikationsdruck die Rede ist, der Wissenschaftler zu Verzweiflungstaten treibe, dann richtet sich dieser nicht weniger auf die prestigereichen Journale. Es kann passieren, dass ein Nobelpreisträger bei einem Raubverlag publiziert, doch niemand bekommt den Nobelpreis, der seine Studien regelmäßig dort plaziert.

          Die Wissenschaft, heißt es, hat genügend Filter, um dubiose Quellen herauszufiltern. Ganz einfach ist das aber nicht. Die Förderung des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF) ist beispielsweise an die Regeln guter wissenschaftlicher Praxis und die Publikation in seriösen Fachzeitschriften geknüpft. Wahrheit und Lüge sind in dem sprunghaft wachsenden Schattenreich der Raubverlage aber nicht leicht zu unterscheiden. Manche Raub-Journale waren einmal angesehene Periodika und gaben später den Qualitätsanspruch auf. Seriöse Fachzeitschriften werden durch Raubverlage aufgekauft, die sich dadurch einen seriösen Anstrich geben. Die Warnungen von Ombudsmännern und Publikationsberatern vor zweifelhaften Quellen mögen da helfen, sind aber kein wasserdichter Schutz gegen vorsätzliche Täuschung.

          Denn ob die Qualitätssicherung in den zahllosen Wettbewerben der Projektforschung greift, ist eine andere Frage. Tatsache ist, dass man sich die Lektüre der Publikationen in manchem Berufungsverfahren spart. Angesichts der Masse der Wettbewerbe und der Überlastung der Gutachter vertraut man auf äußere Kriterien wie die Zahl der eingeworbenen Drittmittel und die Länge der Publikationsliste. Die vielen ungelesenen Aufsätze werden trotzdem zitiert und tragen zur Verzerrung des Wettbewerbs bei. Betrügerische Forschung spekuliert ja gerade darauf, dass ein Beitrag gelistet, aber nicht gelesen wird.

          Krise von Open Access

          Als Symptom für die Auswüchse eines Publikationssystems, das Qualität durch fragwürdige Metriken aushöhlt und mit Steuermitteln einen absurden Ausstoß ungelesenen Papiers produziert, sind die Raubverlage ernst zu nehmen. Das Gegengift ist bekannt – Qualität statt Quantität, weniger Evaluationen, Begrenzung der Publikationslisten, Verlangsamung des Wettbewerbs. Es zeigt aber bisher wenig Wirkung, weil die Mechanismen tief verankert sind. Die Deutsche Forschungsgemeinschaft beispielsweise reduzierte 2010 die Zahl der relevanten Publikationen in Wettbewerben auf fünf, und erhöhte sie 2014 wieder auf zehn. Solange man wissenschaftliche Reputation an äußeren Kriterien wie dem Impact-Factor misst, werden Politiker und Universitäten weiter ehrfurchtsvoll auf jedes verzerrte Ranking starren. Die Wissenschaftsorganisationen und die Hochschulen sollten das Symptom der Schattenverlage nutzen und auf Begrenzung drängen. Das BMBF ist aufgerufen, die kurzfristige Projektforschung, die ihr Einfluss auf die Bundesländer gibt, zurückzufahren und stattdessen dauerhaft in die Hochschulen zu investieren.

          Eine andere Frage ist, wie sich die Wissenschaft gegen die Raubverlage immunisieren kann. Schwarze Listen sind schon angesichts des sprunghaften Wachstums des Marktes und der vielen Grauzonen schwer zu verwirklichen und würden den Staat zur Zielscheibe von Zensurvorwürfen machen. Eine Alternative ist die Kennzeichnung vertrauenswürdiger Publikationen durch ein Gütesiegel. Dieses müsste jedoch, wie der Präsident der Hochschulrektorenkonferenz, Horst Hippler, anmerkt, mit der laufenden Veränderung der Publikationslandschaft Schritt halten. Gewiss keine einfache Aufgabe. Trotzdem muss die Wissenschaft aktiv werden, wenn sie verhindern will, dass die Raubverlage ihre Legitimationskrise verstärken.

          Entgegen vielen Beteuerungen sind die Raubverlage eine direkte Folge von Open Access, das mit dem guten Zweck angetreten war, die Macht der Großverlage zu brechen. Es rächt sich, dass verlegerische Qualität und Sorgfalt über Jahre hinweg kleingeredet wurden. Und ist die Autorengebühr die bessere Alternative zum traditionellen Lizenzmodell, das dem Geschäftsmodell der Raubverlage keine Nische bot? Den Open Access-Publikationsfonds bleibt die Möglichkeit, bei der Vergabe der Autorengebühr stärker auf Qualität zu achten. Das verhindert nicht, dass Autoren an der Wissenschaft vorbei auf eigene Kosten zweifelhafte Publikationen auf den Markt spülen, wo sie, wie das Recherchenetzwerk zeigte, für Werbung und politische Propaganda verwendet werden. Dass Wissenschaft im Internet jedem frei zugänglich sein soll, hat offensichtlich nicht zwingend einen demokratisierenden Effekt. Wenn sich dort für den Laien ununterscheidbar Sinn und Unsinn tummeln, vermehrt es eher den Faktenzweifel.

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