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Schul-Debatte : Lob des quer einsteigenden Lehrers

Quereinsteiger bringen frischen Wind in die Klassen. Bild: dpa

An deutschen Schulen werden Tausende Quereinsteiger eingestellt – und alle beschweren sich. Auch die Politiker, die den Mangel selbst zu verantworten haben. Aber hat die Entwicklung nicht auch etwas Gutes?

          Franz Beckenbauer, Vitali Klitschko und Arnold Schwarzenegger sind Quereinsteiger. Obwohl Beckenbauer nie einen Trainerschein gemacht hat, verhalf er der Nationalmannschaft 1990 zum Weltmeistertitel. Klitschko, der fast jeden Gegner k.o. schlug, wurde als Politiker ein Hoffnungsträger der Ukraine. Und Arnold Schwarzenegger wurde Governator. Auch an deutschen Schulen gibt es jetzt Zehntausende Quereinsteiger, weil ausgebildete Lehrer fehlen. Und alle beschweren sich. Die Lehrer, die Wissenschaftler und die Politiker, die den Mangel selbst zu verantworten haben. Der Lehrerberuf werde entprofessionalisiert, heißt es. Ignoranten würden auf Kinder losgelassen. Da könne einem künftig ja auch der Tierarzt den Katheter legen.

          Livia Gerster

          Redakteurin in der Politik der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Weil Klassen überquellen und Unterricht ausfällt, melden sich Zehntausende, um auszuhelfen. Sie sind Sozialarbeiter, Architekten, Manager oder Wissenschaftler, sie sind dreißig, vierzig oder fünfzig Jahre alt. Sie entscheiden sich aus den verschiedensten Gründen dafür, wieder zur Schule zu gehen – aber sie tun es bewusst. Und nehmen dafür einiges an Ungemach in Kauf. In Windeseile müssen sie sich in Crashkursen draufschaffen, wofür andere ein ganzes Studium hatten. Zusätzlich zu Beruf und Familienleben belegen sie Seminare und holen das Referendariat nach.

          Natürlich bleibt da vieles auf der Strecke. Aber so wichtig die Didaktik sein mag: „Grau, teurer Freund, ist alle Theorie, doch grün des Lebens goldner Baum.“ Die Note im Staatsexamen entscheidet nicht darüber, ob man ein guter Lehrer wird. Das Wesentliche lernt man erst, wenn man vor dreißig Kindern steht, die rasen und toben oder einen mit großen Augen anschauen. Keiner bereitet einen darauf vor, was man macht, wenn ein Kind plötzlich anfängt zu weinen. Oder einfach sagt: „Nö, da mach ich nicht mit.“ Oder wie man reagiert, wenn eine Klasse keine Notiz von einem nimmt und eine Schülerin dann so gnädig ist, dem Lehrer die Sache zu erläutern: „Sie sind einer, und wir sind dreißig, da können Sie nix machen.“ In solchen Momenten entscheidet sich, ob einer Lehrer will und kann.

          Auch und gerade an Brennpunktschulen. Quereinsteiger haben Lebenserfahrung. Die bereitet sie in mancher Hinsicht besser als ein noch so gründliches Studium auf die Wirklichkeit an solchen Schulen vor. Wo Eltern Analphabeten sind. Oder ihre Kinder schlagen. Der Vater der Lehrerin nicht die Hand geben will. Wo Kinder in der Frühstückspause rufen: „Ihh, wenn du dieses Schinkenbrot isst, stirbst du.“ Oder eine Dreizehnjährige erzählt, dass sie im Schwimmbad wohnt. Ein Lehrer, der seine Schüler liebt und in die Schranken weist, kann Wunder vollbringen.

          Natürlich brauchen Quereinsteiger Rat von erfahrenen Kollegen: Wie viel Striche kratze ich an die Tafel, bevor es einen Eintrag im Klassenbuch gibt? Wieso zappelt Lena in der zweiten Reihe so, und warum kann Amir immer noch nicht schreiben? Dass man nicht nur auf das Gekrakel schaut, sondern auch auf die Haltung des Stiftes, muss einem erst mal jemand sagen.

          Wenn mehr als ein Drittel der Lehrer quer einsteigen, wie an manchen Schulen in Berlin, ist das für die alten Hasen schwer zu händeln. Wenn die Neuen dann auch noch in Stein gemeißelte Rituale in den Notenkonferenzen in Frage stellen, wird es für ein Kollegium sogar richtig unbequem. Doch statt die Novizen nur als Zumutung zu sehen, sollte man sie als Chance begreifen: Quereinsteiger haben einen ganz anderen Blick als Lehrer, die nie woanders waren. Sie bringen frischen Wind. Einen guten Lehrer vergisst man nie. Weil er einen fürs Leben prägt. Nicht wegen seiner ausgefeilten Methoden, coolen Gruppenarbeiten oder multimediokren Präsentationen. Sondern weil er in jungen Menschen etwas sehen kann, wovon die selbst vielleicht noch gar nicht so viel ahnen. Und weil er es gut meint.

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