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Identität und Rolle : Wie Trump sich in Umlauf brachte

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Kreisende Selbstbilder entziehen der Verantwortung: Donald Trump im Rahmen seiner Reality-Show „The Apprentice“ Bild: Picture-Alliance

Für Kenner der Politik ist die Karriere des Präsidenten ein Rätsel. Eine Lösung verheißt der Literaturwissenschaftler Stephen Greenblatt mit seiner Lehre der Zirkulation von Selbstbildern.

          Was erklärt den Erfolg von Donald Trump? Die mutmaßlich zuständigen Fachleute, von den politischen Journalisten bis zu den „presidential historians“ (in der amerikanischen Geschichtswissenschaft eine eigene Subdisziplin), wirken ratlos. Eine Enthüllungsreportage wie Michael Wolffs Buch „Fire and Fury“ führt die Absurditäten der Präsidentschaft drastisch vor Augen – und verstärkt dadurch die Erklärungsbedürftigkeit des Phänomens. Eine Entzauberung der Person Donald Trump kann offenbar nicht mit den herkömmlichen Methoden der Beschreibung des politischen Betriebs durch Insider gelingen. Im Gegenteil tragen die mimetischen Zugriffe viel eher zu einer Verharmlosung bei, indem sie auf Verlacheffekte setzen.

          Dass man Trump mit dem Besteck der Philologien zu Leibe rücken kann, hat Gyburg Uhlmann in der F.A.Z. in ihrer Analyse von Trumps Rhetorik gezeigt. Sie diagnostiziert eine Rückwendung zur sophistischen Rhetorik, die sich der inhaltlich fundierten Debatte und damit auch der politischen Verantwortung entzieht. Aus kulturwissenschaftlicher Sicht ist an Uhlmanns Analyse die Frage anzuschließen, welche Diskursveränderungen es ermöglicht haben, dass diese fehlende Angreifbarkeit der Person Trumps akzeptiert wird. Anregungen liefern die Theorien von Stephen Greenblatt, einem der Begründer des New Historicism, der wesentlich zur Etablierung kulturwissenschaftlicher Arbeitsweisen in der Literaturwissenschaft beigetragen hat.

          Der Renaissancemensch als Vorbild

          Kunst und Gesellschaft werden vom New Historicism nicht mehr als separate Bereiche gedacht, sondern als Vielfalt verknüpfter Diskurse, deren Inhalte sich in ständiger Zirkulation befinden. In dem 1987 veröffentlichten Aufsatz „Towards a Poetics of Culture“ wendet sich Greenblatt gegen den Marxisten Fredric Jameson und dessen Überlegungen zur Entfremdung des Individuums aufgrund der Trennung von privater und öffentlicher Sphäre im Kapitalismus, lehnt aber im Gegenzug auch Jean-François Lyotards These ab, dass der Kapitalismus das Individuum zerstöre und die Sphären von Kunst und Politik vollständig ineinander auflöse. Greenblatt postuliert ein Schwanken zwischen der Abgrenzung von Diskursen und der gleichzeitigen Verwischung dieser Grenzen, er nennt dies das „Oszillieren zwischen Totalisierung und Differenz“. Für Greenblatt bezieht der Kapitalismus genau aus diesem Hin und Her seine Kraft und erzeugt so seine eigene Ästhetik.

          Zum Beleg zieht Greenblatt ein 1987 gerade erschienenes Buch des Politikwissenschaftlers Michael Rogin heran: „Ronald Reagan, The Movie And Other Episodes in Political Demonology“. Rogin zeigt, wie in Reagans Reden die Grenzen zwischen Politik und Hollywood aufgelöst wurden. Er war der erste amerikanische Präsident mit einer nennenswerten vorherigen Karriere in den Unterhaltungsmedien. Rogin schreibt über Reagans Persönlichkeit, diese sei durch seine Filmrollen so stark geprägt, dass er auch die Präsidentschaft nicht verkörpere, sondern nur eine Rolle spiele: „not an actual political leader but the image of one“. Greenblatt interessiert sich nicht nur für Rogins Beispiele für Reagans Nutzung von Filmzitaten in der politischen Rhetorik, sondern besonders für die Verteidigung des Präsidenten durch einen Redenschreiber des Weißen Hauses, der auf Rogins Untersuchungen reagierte. Dieser Ghostwriter betonte zwar seinerseits die Vermischung von Filmrollen und realem Leben als Kennzeichen der Zeit, grenzte aber im selben Atemzug Ästhetik und Politik wieder ganz klar gegeneinander ab – für Greenblatt ein Musterbeispiel für das gleichzeitige Unterscheiden und Vermengen der Diskurse.

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