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Jüdische Schulen : Wachstum ohne Blüte

  • -Aktualisiert am

Bräuche und Riten vermitteln: Unterricht an jüdischer Schule in Frankfurt Bild: Jens Gyarmaty / VISUM

Die Zahl der jüdischen Schulen wächst. Ein gutes Zeichen, finden alle Beteiligten. Aber immer häufiger werden die jüdischen Einrichtungen zu Schutzräumen.

          Aktuell ist es bei Sigmount Königsberg ein bisschen ruhiger. Zumindest im Bereich Schule – einem seiner Aufgabenfelder. Der Antisemitismusbeauftragte der Jüdischen Gemeinde Berlin ist erleichtert darüber. Als das alte Schuljahr zu Ende ging, war die Lage eine andere. Wöchentlich bekam Königsberg Meldungen. Wöchentlich saßen jüdische Eltern bei ihm, deren Kinder an nichtjüdischen Schulen – vornehmlich an staatlichen, aber auch privaten – antisemitisch gemobbt wurden. Königsberg sucht dann mit den Schulen den Dialog. „Niemand will ja ein Kind aus seinem Alltag reißen. Das ist die Ultima Ratio“, sagt er. Manchmal gelingt es, das zu vermeiden. Aber bei weitem nicht immer. „Und wenn ein Kind die Schule verlassen muss, dann ist es eigentlich immer das jüdische.“ Er berichtet von Bagatellisierung durch Schulleitungen. Von den Versuchen, solche Situationen einfach auszusitzen. Bis hin zum Ignorieren – trotz eindeutiger Hinweise.

          Königsberg sitzt im Schulleiterbüro in der zweiten Etage des Jüdischen Gymnasiums Moses Mendelssohn, während er davon berichtet. Leicht zurückgesetzt steht das alte Schulgebäude an der Großen Hamburger Straße in Berlin-Mitte – umgeben von einem Metallzaun, bewacht von der Polizei sowie gemeindeeigenem Sicherheitsdienst. Über 400 Schüler werden hier unterrichtet. Ihr Schulleiter ist seit vier Jahren Aaron Eckstaedt. „Bei uns am Gymnasium lernen die Schülerinnen und Schüler, wie jüdische Identität in einer modernen Welt aussehen kann“, sagt er. Die Fächer Jüdische Religion und später Religionsphilosophie sowie Hebräisch sind über weite Teile der Schullaufbahn verpflichtend. Der Zulauf ist groß – von jüdischen, aber auch nichtjüdischen Schülern.

          Das Jüdische Gymnasium Moses Mendelssohn ist in dieser Hinsicht exemplarisch für das jüdische Bildungssystem, das in den Städten, in denen es große jüdische Gemeinden gibt, insgesamt stark wächst. Allein in den vergangenen drei Jahren wurden in München, Düsseldorf und Frankfurt die Strukturen für eine jüdische Schulbildung bis zum Abitur geschaffen. In der bayrischen und der nordrhein-westfälischen Landeshauptstadt durch die Neugründung von jüdischen Gymnasien, in Frankfurt durch die Erweiterung des bestehenden Systems. Doch es ist nicht nur dieser Ausbau im Bereich der weiterführenden Schulen, der das Wachstum zeigt. An der Düsseldorfer Yitzhak-Rabin-Grundschule war im Jahr ihres 25-jährigen Bestehens vor kurzem die Nachfrage erstmals größer als die Kapazität. 2019 soll daher nun mit drei statt bislang zwei Klassen gestartet werden.

          Schutzräume vor antisemitischen Angriffen

          Es gibt Stimmen, die glauben, dass sich diese Entwicklung fortsetzt. Michael Szentei-Heise ist eine von ihnen. Der Vierundsechzigjährige ist seit über drei Jahrzehnten Verwaltungsdirektor der jüdischen Gemeinde in Düsseldorf. Zum Schulstart vor einigen Wochen hat die „Jüdische Allgemeine“ ein Plädoyer von ihm veröffentlicht. Der Titel: „Wir brauchen jüdische Schulen“. Es baute auf zwei Argumente. Beide sind, so verschieden, ja gegensätzlich sie doch sind, auch Hinweise darauf, wieso die jüdischen Schulen heute einen derart großen Zulauf haben. Das eine lautet: Jüdische Bildungseinrichtungen sind notwendig, um jüdische Identität und Werte zu entwickeln und zu stärken. Es war schon das zentrale Anliegen Anfang der neunziger Jahre, als jüdische Schulen zum ersten Mal boomten. In Düsseldorf wurde etwa die Yitzhak-Rabin-Schule gegründet. In Berlin das Gymnasium Moses Mendelssohn, das damals noch schlicht JOS – Jüdische Oberschule – hieß. Möglich wurde die Entwicklung dadurch, dass nach dem Mauerfall binnen weniger Jahre Zehntausende jüdische Kontingentflüchtlinge aus der ehemaligen Sowjetunion kamen. Waren die Jahrgänge zuvor oft so schwach, dass die Einrichtung von Schulen undenkbar war, änderte sich das.

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