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Interview mit Martin Stratmann : „Ich denke, dass wir eine saubere Verantwortungsstruktur haben“

Martin Stratmann von der Max-Planck-Gesellschaft im Interview. Bild: Imago

Guinevere Kauffmann vom Max-Planck-Institut für Astrophysik wird beschuldigt, Mitarbeiter gemobbt zu haben. Hat die Max-Planck-Gesellschaft angemessen auf die Vorwürfe reagiert? Ein Gespräch über die Konsequenzen.

          Herr Stratmann, wie bewerten Sie die Vorwürfe gegenüber Guinevere Kauffmann?

          Thomas Thiel

          Redakteur im Feuilleton.

          Martin Stratmann: Lassen Sie mich zunächst sagen, dass ich in den vier Jahren meiner Amtszeit größten Wert auf die Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses gelegt habe. Wir haben in diesem Punkt viel unternommen, beispielsweise eine Reform des Vergütungssystems und die Verabschiedung neuer Leitlinien. Mit dem PhDnet haben wir eine sehr professionelle Doktorandenvertretung. Was die Vorwürfe in den Mails von vor 2016 betrifft: Diese Mails finde ich unakzeptabel. Als ich über den Fachbeirat davon erfuhr, hat es sehr ernsthafte Gespräche mit ernsthaften Folgen für Frau Kauffmann gegeben.

          Waren die Konsequenzen nicht zu lax? Hat man Kauffmanns Verhalten nicht weitgehend sanktionslos hingenommen?

          Nein. Guinevere Kauffmann hat heute eine wesentlich kleinere Gruppe als damals. Der Fall hatte also auch personelle Konsequenzen. Man darf auch das Coaching nicht unterschätzen. Und man darf nicht vergessen: Der Reputationsschaden für Guinevere Kauffmann ist immens. Das war keine laxe Maßnahme.

          Die Mängel des Beschwerdesystems sind der Max-Planck-Gesellschaft spätestens seit 2016 bekannt. Warum hat man die Beschwerdestruktur nicht damals schon geändert? Reagiert man nur auf Druck von außen?

          Wir haben durch die Garchinger Vorkommnisse gesehen, dass unsere Beschwerdestruktur nicht optimal ist. Das muss ich konzedieren, und deswegen werden wir sie verbessern. Das heißt aber nicht, dass wir bisher kein differenziertes Meldesystem hätten. Im Gegenteil. Das zentrale Element ist der Fachbeirat, ohne den wir auf die Vorgänge ja gar nicht aufmerksam geworden wären. In jeder Fachbeiratssitzung findet eine separate Anhörung der Mitarbeiter statt, auch der Doktoranden und Postdoktoranden. Daneben gibt es den Betriebsrat, die Gleichstellungsbeauftragten etc. Wir müssen aber anerkennen, dass diese Struktur vielen Doktoranden, die bei uns ja besonders häufig aus dem Ausland kommen, nicht klar genug ist. Wir müssen die Funktion des Betriebsrats also erst einmal verständlich machen. Zweitens gibt es Angst vor negativen Konsequenzen, wenn man sich an das interne Beschwerdesystem wendet. Ich halte diese Angst zwar für unbegründet, aber wir müssen akzeptieren, dass es sie gibt. Daher haben wir jetzt ein externes Meldesystem über eine Kanzlei eingerichtet. Darüber hinaus planen wir seit zwei Jahren ein allgemeines Whistleblower-System, das wir aber noch mit dem Gesamtbetriebsrat verhandeln.

          PhDnet gibt an, auch aus anderen Instituten Beschwerden über autoritäres Verhalten bekommen zu haben. Wussten Sie davon?

          Ja, ich spreche mit dem PhDnet regelmäßig. Lassen Sie mich aber noch einen Satz zu der neuen Umfrage des Garchinger Instituts sagen: 84 Prozent sind mit der Betreuung dort zufrieden. Vier Personen sind damit unzufrieden. Acht sind mit dem sozialen Umfeld unzufrieden. Drei haben Mobbing-Vorwürfe erhoben, und zwei haben angegeben, sexuell belästigt worden zu sein. Ich möchte das nicht kleinreden. Wir nehmen jeden einzelnen Fall ernst. Aber es gibt offensichtlich auch eine große Zahl sehr zufriedener Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter.

          PhDnet weist auf das strukturelle Problem hinter den Garchinger Vorkommnissen hin, die große Abhängigkeit der Doktoranden und Postdoktoranden. Haben die Direktoren bei Max Planck zu viel Macht?

          Nein. Die große Abhängigkeit der Nachwuchswissenschaftler ist kein spezifisches Problem der MPG, sondern ein generelles der Wissenschaftswelt. Ich denke, wir haben mit der kollektiven Leitung der Institute durch die Direktoren ein gutes Leitungssystem. Das hat in diesem Fall auch funktioniert. Das Garchinger Institut hat ja selbst die Umfrage zu Mobbing und Machtmissbrauch initiiert. Es hat das Verfahren dann bewusst von den Mitarbeitern selbst durchführen lassen, um sich nicht dem Vorwurf der Einflussnahme auszusetzen.

          PhDnet fordert strukturelle Konsequenzen, um die Position der Doktoranden zu stärken: die Erhöhung des Minimallohns und die Trennung von professioneller und geschäftsführender Betreuung, in Richtung eines Departmentsystems, in dem die wissenschaftlichen Mitarbeiter nicht von den Direktoren abhängig sind. Wie stehen Sie dazu?

          Wir haben bereits ein Vergütungssystem, das Doktoranden in besonderer Weise schützt: den Fördervertrag. Der Fördervertrag sieht von vornherein vor, dass sich die Doktoranden auf ihre Doktorarbeit konzentrieren können. Wir haben in den vergangenen vier Jahren viele Regeln zum Schutz der Doktoranden geschaffen. Was strukturelle Konsequenzen angeht: Ich denke, dass wir eine saubere Struktur haben. Mir sind klare Verantwortungsstrukturen wichtig. Und die haben wir mit der kollektiven Verantwortung des Instituts. Wir bekommen durch die Fachbeiräte einen guten Eindruck davon, was in den Instituten läuft. Und wir tolerieren keine Missstände.

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