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ECPR-Tagung in Hamburg : Das Ende der Geduld

Was in Vorlesungen oft zu beobachten ist, liegt auch Konferenzteilnehmern nicht fern: Das Smartphone ist so viel reizvoller als die Mühsal der Wissenschaft. Bild: dpa

Eine Konferenz der Superlative präsentiert das Jahrestreffen des European Consortium for Political Research in Hamburg. Dabei mangelt es Veranstaltern und Teilnehmern vor allem an Konzentration.

          „Wer einen Text verstehen will“, schrieb Hans-Georg Gadamer, „ist bereit, sich etwas von ihm sagen zu lassen.“ Verständnis in diesem tieferen Sinne bedeutet, den Texten zuzuhören, einzudringen in die Tiefe der Wissenschaft, der Theorie, der Erzählung. Eine solche Hermeneutik beziffert nicht – sie zählt nicht die Zeit, die zum Verstehen gebraucht wird, nicht die Menge der zu verstehenden Texte und Sachverhalte und nicht die quantitative Leistung desjenigen, der verstehen will. Wie weit entfernt die zeitgemäße Wissenschaft von dieser Einsicht ist, demonstrierte äußerst ernüchternd die Konferenz des European Consortium for Political Research (ECPR), die in diesem Jahr in Hamburg stattfand.

          Hannah Bethke

          Feuilletonkorrespondentin in Berlin.

          Als „Europas größte politikwissenschaftliche Konferenz“ ausgerufen, verkündet die viertägige Tagung in ihrem 212 Seiten dicken Programm stolz die Superlative des Wissenschaftswachstums: 78 Sektionen, 520 Panels, mehr als 2300 angenommene von 4000 eingereichten Papers. Für die Struktur der Veranstaltung bedeutet das: Die kleinen Panels laufen parallel, kein Vortrag dauert länger als zehn Minuten, selbst die Roundtables, die den Charakter von Podiumsdiskussionen haben sollen, verwirken durch die stichwortgerechten „Statements“ jede Möglichkeit, in die Tiefe zu gehen. Das Selbstverständnis des Fachs erhält hier eindeutige Kontur: Es will quantitativ orientierte Sozial-, nicht ideengeschichtlich fundierte Geisteswissenschaft sein.

          Geredet wird über alles und nichts. Ein Panel widmet sich der digitalen Demokratietheorie und versucht, ohne dabei wesentlich Neues zu sagen, in Gleichungen auszudrücken, wie sich Partizipation durch die sozialen Medien verändert. Ein anderes Panel streift den Begriff der Solidarität in der Europäischen Union, muss aber dort, wo es analytisch hätte interessant werden können (zum Beispiel in der Frage, inwieweit das Bekenntnis zur Solidarität nur instrumentell ist, um unsolidarische Maßnahmen durchzusetzen), aufgrund der knapp bemessenen Zeit abbrechen. Die Roundtables sind besser besucht, dienen aber eher einer unterhaltsamen Plauderei, etwa über die eigenen Lehrerfahrungen an der Universität oder die Frage, wie sich politische Kommunikation in Zeiten der „Post-truth Era“ ändert. Analytisch ergiebig ist darunter kaum etwas. Selbst kleine Perlen wie die anrührenden Ausführungen des 1947 geborenen finnischen Politikwissenschaftlers Kari Palonen über die Rezeption deutscher Politologen in Bundestagsdebatten seit 1949 gehen im Gewusel der managementorientierten Wissenschaft unter.

          Das Fehlen von Leidenschaft, Mut und Kreativität

          Wie geklont wirken die Vortragsminiaturen, die fast alle demselben Schema folgen – artig, karrierestrategisch angeleitet, ohne eigene Impulse, oberflächlich, langweilig. Passgenau sind diese visualisierten „Kurz-Inputs“ freilich für die konzentrationsgestörten Zuhörer, unter denen es kaum jemandem gelingt, länger als fünf Minuten nicht auf sein Smartphone zu starren. Kopfzerbrechen ist in diesem Format nicht nötig und auch gar nicht möglich. Damit aber beraubt sich die Wissenschaft ihres eigenen Sinns. Um Suche nach Erkenntnis geht es hier nicht, nicht um Leidenschaft für eine Idee, nicht um Mut und Kreativität. Es ist eine kalte Wissenschaft ohne Herz – und manchmal auch ohne Verstand.

          Eine rühmliche Ausnahme ist die „Plenary Lecture“ von Rainer Forst, Professor für Politische Theorie und Philosophie in Frankfurt. In „Zeiten der normativen Krise“ stellt Forst im einzig langen Vortrag der Konferenz die alte Frage neu, wie die Politikwissenschaft die Kluft zwischen ihrem normativen und ihrem empirischen Selbstverständnis überwinden kann. Die politische Realität beschreibt er als eine Realität von Rechtfertigungen, als normative Autoritäten mit dem Recht auf Rechtfertigung bestimmt er die Akteure, die in der Gesellschaft agieren. Dass Forst die Synthese zwischen der empirischen und normativen Perspektive auf uns selbst als rechtfertigende Individuen in der Kritischen Theorie sucht, ist aufgrund der explizit emanzipatorischen Ausrichtung dieser Theorietradition mindestens diskussionswürdig; denn es ist zweifelhaft, dass eine so ausgerichtete Theorie die von ihm geforderte Selbstreflexivität umsetzen kann. Trotzdem besticht Forst mit seiner Idee, weil er in die Offensive geht in einer normativ prekären Zeit und in einem Fach, das sich duckt, anstatt mit wachen Analysen anzuecken. Widerspruch zu den großartig entwickelten Thesen von Forst, eine Gegenrede auf Augenhöhe, eine Wissenschaft, die überboten werden will, all das wünschte man sich auf der Konferenz. Vergeblich.

          So abschreckend die Zerfaserung des Tagungsplans war, so sehr sie Anlass geben müsste für Kritik und Selbstreflexivität mit Blick auf die eigenen Usancen – die Hamburger Massenabfertigung liegt im Trend und verstärkt ihn. Die Deutsche Vereinigung für Politische Wissenschaft tut es dem ECPR gleich und hat für ihren Kongress im Herbst ihre bisherige Tagungsstruktur abgeschafft und durch eine ähnliche Panelstruktur ersetzt. Der einzige lange Vortrag ist ausgerechnet Bundespräsident Steinmeier vorbehalten.

          In diesen neuen Formen der Wissensproduktion zeigt sich nicht nur das Ende der kognitiven Geduld. Es deutet sich das Ende der Wissenschaft an, die ihren Zweck in sich selbst trägt, in ihren Tiefen verstanden werden muss und genaues Zuhören erfordert.

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