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Grenzenlos Studieren : Die Universitäten oder Europa

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Teil des universitären Netzwerks: die Universität Straßburg Bild: Imago

Macron träumt von Europäischen Universitäten. Bereits 2015 haben sich fünf Hochschulen zusammengeschlossen und ermöglichen grenzüberschreitendes Studieren. Ein vielversprechendes Projekt?

          „Es ist unmöglich, dass weltliche Kräfte sich selbst ins Gleichgewicht setzen, ein drittes Element, das weltlich und überirdisch zugleich ist, kann allein diese Aufgabe lösen.“ Der Romantiker Friedrich von Hardenberg alias Novalis schrieb das 1799 in seinem Essay „Die Christenheit oder Europa. Ein Fragment“. Es handelt sich dabei um einen Aufruf, der aus einer krisenhaften Wahrnehmung Europas entstand. Novalis erinnert an die Notwendigkeit einer friedlichen europäischen Staatengemeinschaft. Und er zeigt, dass diese europäische Ordnung nicht spontan entsteht, sondern eines Fundaments bedarf, das Einigkeit stiftet. Novalis sieht es im Rückgriff auf das Mittelalter in der Religion. Heute ist ebenfalls von einer Krise Europas die Rede. Es wird beklagt, dass die Errungenschaft einer europäischen Friedensordnung für allzu selbstverständlich und ihre Notwendigkeit nicht mehr deutlich genug gesehen werde. Auch der Gedanke, dass Europa eines Fundaments bedarf, das Einigkeit stiftet, ist in diesen Tagen häufig zu hören, wobei nicht mehr die Religion, sondern immer häufiger Wissenschaft und Tradition der europäischen Universität eine zentrale Rolle spielen.

          Ende des 18. Jahrhunderts hatte Frankreich Europa in Bewegung versetzt, Novalis’ „Europa“-Essay ist nicht zuletzt als Reaktion auf diese Bewegung zu verstehen. Gut zweihundert Jahre später kommen wichtige europapolitische Anstöße wieder aus Frankreich. Im September des vergangenen Jahres hat der französische Staatspräsident Emmanuel Macron in einer viel beachteten Grundsatzrede zu Situation und Perspektiven Europas den Aufbau von zwanzig Europäischen Universitäten bis 2024 vorgeschlagen. Diesem Vorschlag liegt der Gedanke zugrunde, die universitäre Wissenschaft, anerkanntermaßen ein wichtiger Motor der europäischen Integration, in einer Situation gezielt zu stärken, in der das europäische Projekt in eine Krise geraten ist.

          Motoren der Wissensgesellschaft

          Tatsächlich haben die Universités Européennes das Potential, die Identifikation der Jungen mit dem europäischen Projekt zu stärken. Universitäten und das Akademische sind tief verwurzelt in der europäischen Kultur und wesentliche Errungenschaften Europas. Ihre Bedeutung für die Herausbildung einer europäischen Identität ist kaum zu überschätzen. Es ist kein Zufall, dass bereits in den Anfangsjahren der europäischen Integration die Einrichtung von europäischen Hochschulinstituten (Collège d’Europe, 1949; European University Institute, 1955) für den Aufbruch in ein Europa des Friedens und des Wohlstands stand. Europäische Universitäten erneuern den klassischen Bildungsbegriff europäischer Tradition. Sie übertragen ihn in das Wissenschaftssystem des 21. Jahrhunderts, indem sie den kritischen und offenen Dialog zwischen Europäern fördern und ihre Gemeinsamkeit Wirklichkeit werden lassen.

          In den letzten Wochen hat sich um die konkrete Ausgestaltung der Europäischen Universitäten eine rege Diskussion entwickelt. Den bisherigen Beiträgen zu dieser Diskussion ist gemeinsam, dass sie – erstens – einen deutlichen Schwerpunkt auf Studentenmobilität und die Vermittlung von Sprachkompetenzen legen. Für die thematische Ausrichtung der Europäischen Universitäten in Forschung und Lehre werden – zweitens – die großen gesellschaftlichen Fragen der europäischen Integration und der zwischenstaatlichen Zusammenarbeit vorgeschlagen. Gemeinsam ist den bisherigen Diskussionsbeiträgen – drittens – der Gedanke, dass es sich bei Europäischen Universitäten um europaweite Netzwerke handelt, wobei sowohl von sich vernetzenden Universitäten als auch von einem Netzwerk einzelner universitärer Institute oder „Europäischer Fakultäten“ die Rede ist.

          Die bisherigen Überlegungen zur Ausgestaltung der Europäischen Universität laufen damit allerdings Gefahr, Universitäten nicht in ausreichendem Maße als Motoren der Wissensgesellschaft in den Blick zu nehmen. Gerade die Forschungsstärke der europäischen Universitäten ist ein Garant für die Zukunft des europäischen Wohlstands und der europäischen Demokratien. Europäische Universitäten müssten dann Universitätsverbünde sein, für deren Mitgliedsuniversitäten sich aus der europäischen Perspektive eine deutliche Stärkung hervorragender Forschung und Lehre ergibt. Von solchen Universitätsverbünden gehen wirkungsvolle Impulse für die europäische Integration aus, weil die grenzüberschreitende Mobilität sowohl von Studenten als auch von Wissenschaftlern nicht nur einzelne, als Leuchttürme geförderte Studiengänge oder Forschungsvorhaben auszeichnet, sondern sich zum Bestandteil der universitären Kultur entwickelt. Europäische Universitäten sind Universitäten, die bis in ihre Substanz und in allen ihren Leistungsdimensionen von der europäischen Perspektive durchdrungen sind, also keine Universitäten, welche die europäische Perspektive an ein einzelnes Institut oder eine „Europäische Fakultät“ delegieren.

          Ein Epizentrum europäischen Denkens

          Es wäre ein Fehler, Forschung und Lehre an einer Europäischen Universität von vornherein thematisch festzulegen, etwa auf die großen gesellschaftlichen Herausforderungen oder auf Fragen der europäischen Integration und der zwischenstaatlichen Zusammenarbeit. Europäische Universitäten nutzen vielmehr das Potential, das grenzüberschreitende Verflechtung und Mobilität für Forschung und Lehre bietet, und realisieren gerade dadurch herausragende Forschung und Lehre, und zwar unabhängig von der konkreten Fragestellung oder dem jeweiligen Fach: Vielfalt und Perspektivenreichtum führen zu neuen Fragen, zu einer Schärfung von Begriffen, zu einer Erweiterung des argumentativen Horizonts, zu neuen Möglichkeiten, Diversität zu erfassen und europäische Identität zu schaffen.

          Der Status einer Europäischen Universität darf also nicht an ein bestimmtes Profil in Forschung und Lehre gebunden sein, allerdings ergibt sich aus der grenzüberschreitenden Zusammenarbeit als Bestandteil der institutionellen Kultur einer Europäischen Universität natürlicherweise das Interesse an einer koordinierten Profilentwicklung und einer gemeinsamen Strukturplanung mit den Partneruniversitäten. Perspektivisch wird eine Europäische Universität mit ihren Partneruniversitäten nicht nur gemeinsame Studiengänge entwickeln, gemeinsame Abschlüsse anbieten und gemeinsame Forschungsprojekte auflegen, sondern sie wird mit ihren Partnern gemeinsame Professuren schaffen, gemeinsames Verwaltungspersonal beschäftigen, gemeinsame Servicestellen für Studenten und Wissenschaftler aufbauen und gemeinsame Forschungsinfrastrukturen betreiben.

          Es liegt auf der Hand, dass es sich bei der so verstandenen Europäischen Universität um eine Vision handelt, deren Verwirklichung viel Mut und einen langen Atem erfordert. Die Risiken und Anstrengungen lohnen sich allerdings angesichts der im Erfolgsfall erwartbaren Impulse sowohl für das europäische Wissenschaftssystem, das in einem Konkurrenzverhältnis mit Wissenschaftssystemen insbesondere in Nordamerika und Ostasien steht, als auch für die europäische Integration. Ein vielversprechender Ansatz wird derzeit in der trinationalen Oberrheinregion erarbeitet, wo sich die Universitäten in Basel, Freiburg, Mulhouse und Strasbourg sowie das Karlsruher Institut für Technologie unter dem Titel „Eucor – The European Campus“ auf den Weg zu einer Europäischen Universität gemacht haben. Im Jahr 2015 haben sie für ihre Zusammenarbeit, die sich seit 1989 stetig intensiviert hat, eine eigene Rechtspersönlichkeit geschaffen: einen Europäischen Verbund für territoriale Zusammenarbeit (EVTZ) namens Eucor – The European Campus, den ersten EVTZ zwischen Hochschuleinrichtungen auf europäischer Ebene. Unter dem Dach des EVTZ werden derzeit eine grenzüberschreitende Governance-Struktur und Strategieentwicklung aufgebaut und Konzepte für die weitere Zusammenarbeit in Forschung und Lehre, für gemeinsame Professuren und für gemeinsam betriebene Großforschungsinfrastruktur entwickelt. Sowohl die Erfolge beim Aufbau des European Campus als auch das große Interesse, das ihm international aus Wissenschaft und Politik entgegengebracht wird, zeigen, dass am Oberrhein ein tragfähiges Modell für die Europäische Universität entsteht. Und es gibt keinen Raum, dessen wissenschaftliche Stärke sich in gleicher Weise mit der wechselhaften Geschichte Europas im Guten und im Bösen verbindet: Hier treffen die „Kontinentalplatten“ der europäischen Geschichte aufeinander. Hier hat Europa mit Straßburg ein Epizentrum europäischen Denkens.

          Auch für die Impulse, die man sich von den Europäischen Universitäten für die europäische Integration jenseits des Wissenschaftssystems verspricht, lassen sich am Oberrhein schon heute zukunftsweisende Anzeichen beobachten. Die Zusammenarbeit der fünf Universitäten entfaltet eine Sogwirkung auf die grenzüberschreitende Zusammenarbeit auch in anderen Sektoren und Bereichen des öffentlichen Lebens. Eines von vielen Beispielen: Aus der intensiven Zusammenarbeit der oberrheinischen Universitäten ergibt sich der Bedarf eines grenzüberschreitenden Semestertickets für die Studierenden und einer grenzüberschreitenden Koordination des öffentlichen Personennahverkehrs. Gemeinsame Studiengänge und Lehrveranstaltungen, gemeinsame Forschungsprojekte, aber auch gemeinsam betriebene Infrastruktur werden sich schließlich nur dann erfolgreich realisieren lassen, wenn die einzelnen Standorte des European Campus untereinander gut zu erreichen sind. Und davon werden mittelfristig nicht nur die Studenten und Wissenschaftler des European Campus profitieren, sondern sie wird dafür sorgen, dass die trinationale Oberrheinregion jenseits des Wissenschaftssystems zu einem kleinen Europa zusammenwächst.

          Versteht man unter Europäischen Universitäten also Universitäten, die bis in ihre Substanz und in allen ihren Leistungsdimensionen von der europäischen Perspektive durchdrungen sind, dann sind ambitionierte Universitätsverbünde in Grenzregionen ein überzeugendes Modell. Die Grenzregionen erweisen sich damit als Impulsgeber des europäischen Wissenschaftssystems und als Keimzellen einer neuen Dynamik des europäischen Projekts. Denn die Grenzregionen ermöglichen es auf kleinem Raum, europäische Interkulturalität und Vielfalt produktiv werden zu lassen und auf diese Weise Potentiale für Forschung und Lehre zu entfalten. Ihre Sogwirkung auf andere Sektoren und Bereiche der Gesellschaft steht außer Frage. Wissenschaft als das Fundament, dessen Europa bedarf, stiftet demnach nicht – wie es sich Novalis in seinem „Europa“-Essay von der Religion versprochen hat – eine homogene, sich aus Gefolgschaft ergebende Einigkeit der Gläubigen, sondern eine vielstimmige Einigkeit, in der es Vielfalt, Unterschiede und Spannungen gibt, die aber für die europäische Idee fruchtbar gemacht werden.

          Der Autor ist Rektor der Albert-Ludwigs-Universität in Freiburg.

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