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Geschichte im Unterricht : Was bleibt von der Zeit?

Bietet der Geschichtsunterricht Schülern noch genügend Möglichkeiten, sich in Raum und Zeit zu verorten? Bild: Patrick Junker

An einigen Schulen in NRW gibt es Geschichte nicht mehr als eigenständiges Fach. Und die Universitäten klagen über Studenten mit Wissenslücken. In Düsseldorf wurde jetzt über Zukunftschancen diskutiert.

          Vor der Aula des Goethe-Gymnasiums in Düsseldorf, einem gediegenen Gründerzeitbau aus niederrheinischem Klinker, begrüßen zwei Stellwände die Besucher. An der einen wird das „Geschichtsbuch Schule“ vorgestellt, eine kompakte Broschüre, in der Schüler zwanzig Kapitel deutscher Geschichte im Spiegel der Schulgeschichte erzählen; an der anderen hängen zwei Listen zum Geschichtsunterricht, die „Das ist schon gut“ und „Das sollte man ändern“ überschrieben sind. Positiv werden fünfzehn Punkte angeführt, von „Interessante Themen“ und „Macht Spaß“ bis zu „Man kann seine eigene Meinung bilden“. Negativ sind es zwölf: von „Geschichte sollte durchgehend unterrichtet werden“ bis zu „Mehr Geschichte aus der Region, der Stadt“.

          Andreas Rossmann

          Redakteur im Feuilleton.

          Die kritische Bilanz schafft das Entree zu einer Podiumsdiskussion, zu der der Verband der Historiker und Historikerinnen Deutschlands (VHD) und der Verband der Geschichtslehrer (VGD) eingeladen und sowohl Yvonne Gebauer, Ministerin für Schule und Bildung des Landes Nordrhein-Westfalen, als auch Klaus Kaiser, der als Bildungspolitiker Parlamentarischer Staatssekretär im Ministerium für Kultur und Wissenschaft ist, gewonnen haben, um über die „Zukunft des Schulfaches Geschichte“ zu streiten. Dicht am Stoff und an naheliegenden Beispielen wird hier versucht, der „schleichenden Entwertung und Deprofessionalisierung des Unterrichts“, wie Martin Schulze Wessel in der F.A.Z. beschrieb, entgegenzuwirken, und dafür zu sorgen, dass Geschichtsunterricht weiter die Chance bietet, sich in Raum und Zeit zu verorten.

          Auf Informationsüberfluss reagieren

          „Der Geschichtsunterricht auch an den Gymnasien ist in den vergangenen Jahren vor allem durch eine Kompetenzorientierung von vielen Inhalten ,befreit‘ worden. Unsere Geschichte als konkret nachvollziehbarer historischer Prozess wird kaum noch vermittelt“, brachte Eva Schlotheuber, Mediävistin an der Heine-Universität und seit 2016 Vorsitzende des VHD, in ihrer Einführung die Situation auf den Punkt, um sich sogleich an die Gäste aus der Politik zu wenden: „In Bezug auf die Pflichtstunden an Gymnasien ist NRW auch ein Schlusslicht. An den Gesamtschulen und Gemeinschaftsschulen gibt es oft gar keinen eigenständigen Geschichtsunterricht mehr, sondern nur noch ein gesellschaftswissenschaftliches Verbundfach. Das hat dann zur Folge, dass wir Geschichtsstudenten haben, die Geschichte als eigenes Fach gar nicht kennen.“ Die Kluft zwischen der international hochangesehenen deutschen Spitzenforschung und dem Kenntnisstand der Studenten werde daher immer größer. An den Universitäten, so Schlotheuber, sei deutlich zu spüren, dass ein Wissen über elementare historische Zusammenhänge in keiner Weise vorausgesetzt werden kann. Schlimmer noch: Die kritische Urteilskraft werde nicht mehr ausreichend gefördert.

          Dass sich Schule, Ministerium und Wissenschaft in dieser Form zusammensetzen, nannte Schlotheuber ein Novum. Ein Jahr nach dem Regierungswechsel in Nordrhein-Westfalen und ein Jahr vor der Rückkehr zu „G9“ scheint der richtige Moment dafür. Die Lehrpläne würden novelliert, und dafür müsse der unterbrochene Konnex von Geschichtsstudium und Lehrerausbildung wiederhergestellt werden, so Schlotheuber. Während sich die Ministerin auf Verfahrensfragen und Absichtserklärungen beschränkte, gingen die Vorstellungen der anderen Podiumsteilnehmer, unterschiedlich akzentuiert, in die gleiche Richtung, wenn auch nicht alle so weit wie jene von Nikolaj Grünwald von der Landesschülervertretung Nordrhein-Westfalen, der sich für eine Abschaffung der Noten aussprach: Das Fach müsse von den engen Vorgaben befreit und ihm Freiräume für Austausch und Ausgestaltung geöffnet werden.

          Das Gebot, Ausbildung und Unterricht zu verbessern und der aktuellen Zeit anzupassen, das Peter Johannes Droste, Vorsitzender des VGD, mit Fragen zur Sach- und Methodenkompetenz, Text- und Quellenkritik konkretisierte, trat am Ende hinter das emphatische Bekenntnis zum Fach und seinen Inhalten zurück. „Gute Lehrer sind die, die Kompetenz mitbringen, damit anstecken und für das Fach begeistern“, sagte Droste weiter, und Kaiser berichtete von „hochspannenden Geschichten“, die junge Leute ansprechen.

          Statt Häppchen-Wissen aufzunehmen und weiterzugeben, gelte es, betonte Schlotheuber, Neugier zu wecken und eine forschende Haltung zu entwickeln: „Geschichte wird zum Schlagwort eingedampft“, wo es doch darum gehen sollte, historische Prozesse zu verstehen. „Es muss“, so ihr Schlusswort, „ein Geschichtsunterricht sein, der auf die neuen Herausforderungen reagiert, wie zum Beispiel auch darauf, dass es einen Informationsüberfluss gibt, mit dem wir umgehen müssen.“ Im Goethe-Gymnasium ist er bereits angekommen.

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