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Gelehrtenmigration : Nachdenken über eine Freie Universität von Babel

  • -Aktualisiert am

Einst Schaltstelle der Gelehrtenmigration: Lesesaal der Library of Congress Bild: Picture-Alliance

Die Geschichte der Gelehrtenmigration zeigt: Es bedarf heute einer Infrastruktur für die Rettung der Wissenschaft. Was könnte Europa tun?

          Noch vor kaum zwei Jahrzehnten schien es undenkbar, mit Nobelpreisen ausgezeichnete deutsche Wissenschaftler dafür zu gewinnen, aus den Vereinigten Staaten nach Deutschland zurückzukehren. Die Arbeitsbedingungen in Amerika schienen konkurrenzlos. Das scheint sich gerade zu ändern. Das politische Klima, gekürzte Budgets, Verwerfungen im Bereich der Naturwissenschaften ebenso wie Anfeindungen geisteswissenschaftlicher Positionen erzeugen auch in der Ivy League Unbehagen. 82 Jahre nachdem der in Marburg lehrende Literaturwissenschaftler Erich Auerbach durch einen Ruf an die Universität Istanbul vor den Nationalsozialisten gerettet wurde, wird es erneut Zeit, darüber nachzudenken, wie bedrängten Wissenschaftlern wirksam geholfen werden kann. Am Centre Marc Bloch in Berlin befasste man sich jetzt mit Gefahren für die Freiheit der Wissenschaft und Strategien für ihre Rettung.

          Ludovic Tournès, der an der Universität Genf lehrt, hat mehrere Epochen der intellektuellen Migration untersucht. Heine in Paris, Marx in London, Lenin in Zürich, Bertha von Suttner in Tiflis. Eine neue Qualität gewann die Migrationsgeschichte nach 1917 und noch einmal nach 1933. Flucht und Rettung betrafen ganze Generationen. Die russische Diaspora in Berlin, Prag und Paris und die geflohenen Nazigegner in Amerika haben Kultur- und Wissenschaftsgeschichte geschrieben. Im Kalten Krieg flohen Hunderttausende aus China, Ungarn und der Tschechoslowakei.

          Die Lage ändert sich wieder. Polen und Ungarn verwandeln sich in autoritäre Staaten. Die Erdogan-Regierung hat Tausende von Wissenschaftlern entlassen und in die Flucht getrieben. Die Rechtswissenschaftlerin Zeynep Kivilcim, zurzeit am Wissenschaftskolleg in Berlin, verdeutlichte die Herausforderung: Sie war auf Lebenszeit auf den Lehrstuhl für Öffentliches Internationales Recht an die Universität Istanbul berufen und ist heute mit Haftbefehl als Terroristin gebrandmarkt.

          In welcher Sprache machen sich Emigranten hörbar?

          Marion Detjen vom Bard College erzählte von der Verlegerin Helen Wolff. Zusammen mit ihrem Mann Kurt Wolff gründete sie im New Yorker Exil den Pantheon-Verlag. Für dessen Finanzierung inszenierten die Eheleute in einer Wohnung von Freunden ein bürgerliches Ambiente einschließlich eines Pudels, den sie selbst nie hatten. War das Bild verwerfliche Fälschung oder ein legitimer Trick?

          Denis Eckert von Centre Marc Bloch kartographiert Fluchtwege. Es sind durchaus nicht immer die kürzesten, die ans Ziel führen. Der Weg zur Freiheit macht Umwege erforderlich. Es gibt eine materielle Infrastruktur der Flucht, die von Western Union bis zu Google Maps reicht. Tobias Boes von der Universität Notre Dame in Indiana sprach über Archibald MacLeish, der die Library of Congress als Schaltstelle der Gelehrtenmigration in eine „Festung der Freiheit“ verwandelte und Thomas Mann als Fellow für deutsche Literatur an Bord holte. Da Manns Stelle von einer privaten Mäzenin finanziert wurde, blieben Vorwürfe, er tue nichts für das Amt, folgenlos.

          Çagla Aykaç, zurzeit an der Universität Genf, verlor ihren Job als Wissenschaftlerin, weil sie eine Friedenspetition unterschrieben hatte. Wenn sie türkische Nachrichten sieht, fühlt sie sich an George Orwell erinnert. Das könnte ihr auch passieren, wenn sie den AKP-Abgeordneten Mustafa Yeneroglu in deutschen Talkshows sieht. Im türkischen Parlament Vorsitzender des Ausschusses für Menschenrechte, sieht Yeneroglu seine wichtigste Aufgabe darin, wissenschaftlich renommierte Regimekritiker im deutschen Fernsehen und im Radio als Terroristen zu brandmarken.

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