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Fragmente Edmund Husserls : Das Zugereichte

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Edmund Husserl, Aufnahme von 1930 Bild: Picture-Alliance

Die hier erstmals veröffentlichten sechs kurzen Texte stammen aus den Archiven des letzten Assistenten Edmund Husserls. Georges-Arthur Goldschmidt hat diese Fragmente aus den Schubladen der Phänomenologie entdeckt und eingerichtet.

          Die hier erstmals publizierten Fragmente stammen aus den Archiven Ludwig Landgrebes, er war der letzte Assistent Edmund Husserls, des Gründers der Phänomenologie. Diese sechs kurzen Texte aus den Jahren 1955 bis 1960 wurden Landgrebe vielleicht von Eugen Fink überreicht, auch er einer der letzten Assistenten Husserls. Es kann sich um abgetippte Teile aus vielleicht nicht gehaltenen Vorlesungen oder Unterlagen zu Arbeiten Heideggers handeln, jedenfalls wurden sie nicht mit Landgrebes Schreibmaschine abgeschrieben. Es könnte von Interesse sein, die Herkunft dieser Fragmente zu ergründen; sie wurden von Georges-Arthur Goldschmidt übersetzt als Begleitmaterialien der Vorlesungen über Heidegger und die deutsche Sprache, die er von 2004 bis 2007 in Paris am Collège international de philosophie hielt, sind in deren Druckfassung („Heidegger et la langue allemande“. CNRS Éditions, Paris 2016) aber nicht erhalten.

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          Ob das Ausstehende uns zusteht, ist im Abstand des Anstehenden als das noch Vor-stehende zu verstehen; es gilt zu ermitteln, ob der Ausstand als ein Zustand der Zuständigkeit am noch nicht ausgestandenen Ausstehen des Seins ausgemacht werden kann oder ob die Befugnis dazu der Vorständigkeit, als das noch Ausstehende vorgegeben oder sogar zugegeben werden kann. Es gilt in der Abständigkeit des Zustehens des Ausstands zu fragen, ob jene Befugnis nicht der Unzulänglichkeit anheim als unbeheimt zu geben ist. Denn jenes Ausstehende ist ja nichts und besteht erst als der Ausstand an Seinkönnen.

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          Das Gestell wird zugestellt, als Zubehör des Herstellens wird es aus Vorigem herausgestellt und dazu erst einmal aus der Liege gestellt, zu der es doch hergestellt wurde, um dann verstellt umgestellt zu werden, als das was zur Stelle, als Fund vorgefunden werden kann, insofern es als vorgefundener Fund in seiner bewerkstelligenden Unbedachtheit im Bedenkenlosen des Hervorbringens, in die berechnende Tätigkeit der Technik hineingestellt wird.

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          Das Zugereichte reicht aus seinem Reichen nicht heraus und bleibt zugewinkt, es bleibt angereicht und scheint dabei nicht auszureichen; entweicht dabei auch dem Fassen des Fassenden, der steht und nicht versteht, wieso das eben Gereichte in seiner Reichung, als Reichen zugewiesen, jedoch der Reichweite entweichend, entreicht wird. Jedes Reichen obgleich eher doch ausreichend ist dem Reichen des Seyns als Erreichen entwichen. Das Seyn erweist sich als zugereicht, wird aber nicht erreicht, sondern bleibt immer zugewiesen als angereicht und daher Seyn.

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          Enthalten wird es Keinem, noch vorgehalten kann ihm das Nichterlangen werden, denn wie soll erhalten werden was im Zureichen dem Erreichen entweicht, das das Enthaltene vorreicht, aber das Enthaltene enthält? Ein Inhalt ist jenes Enthaltene nicht, welches doch als solches erst im vorgehaltenem Enthalten zugereicht wird.

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          Die Aussage durch welche die Sage das Nochzusagende als das Nochausstehende des Seyns vermag, ent-sagt dem Sofort-gesagten des Sagens und bleibt noch auszusagen, als das was dem Noch-ausstehenden zusteht. Es gibt keine Vorhersage, die als Voraussage auch schon Vorsage der Sage des Seyns, als das Ungesagte des Unbesagten als das Zugesagte des Zusagens zustünde. Als Ansage erst, insofern sie vom Seyn Kunde tut, ist die Aussage Zusage zum Sagen des Seienden als es vom Seyn zeugt.

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          Zugewandt ist das Seyn dem Seienden, dessen Wenden, oft der Verborgenheit vermeintlich entwendet, wendet es sich doch immer dem Seienden zu, unverborgen im unbemerkten Verbergen, so dass das Seiende als Seyn ausgegeben werden kann, nicht vergeben jedoch vergebens, als Vorwand aufgestellt – unerhörte – zugereichte Gabe dessen Geben vergeben aber ungegeben als solche nicht zugegebene Vorgabe ungegeben bleibt. Das Zureichen bleibt vielleicht vorgereicht und wird nicht ergriffen.

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