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Forschungsgeschichte : Kalter Krieg der Vernunft

Ein Vorausdenker braucht Bauchgefühl: Herman Kahn, der Stratege des atomaren Erstschlags Bild: The LIFE Picture Collection/Gett

Von der Einheitswissenschaft träumte man im Westen und im Osten. Wie stark hat der Konflikt der Weltmächte die Forschung geprägt?

          Wissenschaft rechnet in anderen Zeiträumen als Politik. Dass sie in keiner Zeit so ausgebaut wurde wie im Kalten Krieg, kann also das Ergebnis ideologischer Berechnung oder auch nur eine zufällige Parallele sein. Seit der Jahrtausendwende ist in der Wissenschaftsgeschichte von Cold War Science und Cold War Rationality die Rede. Beides fußt auf der Annahme, dass es in den Jahren zwischen 1945 und 1989 eine prägende und gezielte Einflussnahme der beiden politischen Ideologien auf die Wissenschaft gab. Diese Hypothese ist nicht unumstritten. Zweifellos wurde wissenschaftliche Expertise von beiden Lagern genutzt, um Weltanschauungen abzusichern und politische Entscheidungen vorzubereiten. Ein strukturbildender Charakter ist damit aber noch nicht belegt.

          Thomas Thiel

          Redakteur im Feuilleton.

          Am ehesten lässt sich die Rede von der Cold War Science auf dem technischnaturwissenschaftlichen Feld bejahen, sprachlich verdichtet in der Rede vom militärisch-technisch-wissenschaftlichen Komplex. Schon während des Zweiten Weltkriegs hatte sich in den Vereinigten Staaten eine Achse zwischen den Universitäten und der staatlichen Kriegsforschung gebildet. Nach dem Krieg zog die amerikanische Regierung akademische Expertise in neuen Forschungsinstituten und Denkfabriken zusammen, nicht zum ersten Mal, wenn man beispielsweise an das Atombombenprojekt denkt, aber doch in neuer Qualität.

          Ein prominentes Beispiel ist der Thinktank, der sich um Oskar Morgenstern und John von Neumann an der durch die amerikanische Luftwaffe finanzierten Rand Corporation bildete. Prominent nicht nur wegen seiner berühmten Mitglieder, sondern auch, weil sich der technik- und naturwissenschaftliche Diskurs weit über die Fachgrenzen hinaus in Politik und Gesellschaft erstreckte und in konkrete politische Strategien mündete, wie Herman Kahns Überlegungen zum atomaren Erstschlag. Die Autoren des Buches „How reason almost lost its mind“ (2013) um den amerikanischen Wissenschaftshistoriker Paul Erickson erkannten hier die Geburt einer ganz eigenen sozial-technischen Rationalität, die sie als Cold War Rationality bezeichneten: formal, algorithmisch, optimierungsbesessen und in jeder Hinsicht expansiv. Behavioristische Verhaltenswissenschaft und Spieltheorie wurden auf militärische Strategien und politische Entscheidungen angewandt. Die Sozialwissenschaften gerieten unter den Einfluss einer technischen Vernunft.

          Einheit unter amerikanischer Flagge?

          Auch die Kybernetik, die sich zwischen 1946 und 1953 in den Macy-Konferenzen konstituierte, war sowohl ein technisches Expertenforum wie ein politisches Friedensprojekt, das nach der Erfahrung des Weltkriegs eine Abkühlung des gesellschaftspolitischen Temperaments durch eine technische Beschreibung der Gesellschaft in den Termini der Informationstheorie betrieb. Wollte man dort den mentalen Folgen der Weltmachtkonfrontation also eher gegensteuern? Es wird unübersichtlich, wenn man die Epochenbezeichnung Cold War Sciences auf die Sozialwissenschaften überträgt. War auch sie von der Ratio des Kalten Krieges geprägt? Zur Prüfung dieser Frage hat der Wissenschaftshistoriker Fabian Link jetzt im Internetjournal H-soz-Kult einen eindrucksvollen Überblick vorgelegt, der wegen des lückenhaften Forschungsstandes noch manche Fragen offenlassen muss.

          Auch die Sozialwissenschaften erfuhren nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs einen massiven Ausbau, in der Sowjetunion etwas später nach Stalins Tod 1953. Nach Link zeichnete sich dabei ein universeller Anspruch ab. Mathematisierung, Vereinheitlichung, Empirisierung und Dominanz von Methoden über Theorien lauteten die richtungsweisenden Begriffe. Politisch verschrieb man sich der Demokratisierung. Weite Begriffe, die im Ganzen nicht eingelöst wurden. Der Begriff Cold War Social Science zeigt daher eher Gewichtsverschiebungen als radikale Brüche an. Höchstens in den fünfziger Jahren bis Mitte der sechziger lässt sich Link zufolge auf bestimmten Gebieten von einer gewissen Einheit sprechen. Ihre Basis war der Aufschwung der empirischen Sozialforschung, die ihrerseits nicht neu war.

          War es eine Einheit unter amerikanischer Flagge? Eindeutig war die Vorherrschaft amerikanischer Methoden in den westlichen Sozialwissenschaften des frühen Kalten Kriegs. Weniger eindeutig fallen die Antworten auf die Frage aus, ob der institutionelle Aufstieg der Sozialwissenschaften von der amerikanischen Regierung planmäßig betrieben wurde. Einesteils spielte die empirische Sozialforschung bei der Demokratisierung und Reeducation der Bundesrepublik eine bedeutende Rolle. Talcott Parsons, der Begründer des Strukturfunktionalismus, war in der Kultur- und Wissenschaftspolitik der amerikanischen Militärbesatzung beschäftigt.

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