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Forschung im lokalen Verbund : Gothas ist der Orient

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Zentral zwischen Schloss und Rathaus gelegen: das ehemalige Landschaftshaus, in dem seit kurzem das Forschungszentrum residiert Bild: Stefan Laube

In der thüringischen Residenzstadt pflegte man schon in der Fürstenzeit gelehrte Verbindungen in den Nahen Osten. Jetzt führt man vor, wie man Forscher von ganz weit her in die deutsche Provinz lockt.

          Nach den Ausschreitungen in Chemnitz und Köthen sind Vorurteile gegenüber ostdeutschen Städten weiter gewachsen. Über das, was funktioniert, wird kaum berichtet. „Gotha ist bunt“ – unter diesem Motto haben sich in der thüringischen Stadt engagierte Menschen zusammengeschlossen, um Flüchtlingen aus dem Nahen und Mittleren Osten in ihrer neuen Heimat rasch in die Spur zu helfen. Wandelt man zwischen Gothas herausgeputzten Fassaden und verfallenen Villen, stößt man nicht selten auf charmante Kontaktzonen. So befindet sich neben „Onkel’s Bierstübchen“ ein Laden, über dem in arabischer Schrift zu lesen ist: „Lebensmittel, Obst und frisches Fleisch“. Eine aufgeschlossene Haltung dem Orient gegenüber hat in Gotha Tradition. In der Forschungsbibliothek auf Schloss Friedenstein liegt die drittgrößte deutsche orientalische Handschriftensammlung.

          Besonders verdient um diese Sammlung machte sich Ulrich Jasper Seetzen, der im Nahen Osten Naturalia, Artefakte und Handschriften – darunter viele zur Naturkunde und Alchemie – erwarb und nach Gotha in die herzogliche Residenz expedierte. Nach 1810 verliert sich seine Spur im Jemen, ohne dass bis heute bekannt ist, was ihm zugestoßen ist.

          Nach dem Zweiten Weltkrieg versank die Sammlung in einen Dornröschenschlaf. Erst in jüngerer Zeit weckt sie wieder verstärktes Interesse. Aus Anlass der Tagung „Alchemy in the Islamicate World“ wurde im Schausaal der Bibliothek eine Auswahl von Codices präsentiert. Die Liste gängiger alchemischer Termini, die aus dem Arabischen entlehnt wurden, reicht von Alembik über Alkohol und Elixier bis zur Alchemie selbst. Das „Al“ in „Alchemie“ bezeichnet den bestimmten Artikel. Dennoch ist der Zusammenhang zwischen Islam und Alchemie noch nie Gegenstand einer Tagung gewesen. Nun gelang es der Arabistin Regula Forster (Zürich/Berlin), in Gotha eine illustre Runde zu versammeln.

          Sightseeing, Erschließung und Forschung in engster Nachbarschaft

          Matteo Martelli (Bologna) stellte zwei Wörterbücher aus Syrien vor und vermittelte einen Eindruck vom komplexen Vokabular in der Alchemie, wenn Decknamen aus den ältesten überlieferten Rezepturen zur Alchemie, verfasst auf Griechisch, ins Arabische übersetzt wurden. Die Konfusion, die mehrere Übersetzungsschichten auslösten, ist permanent virulent. Dabei fällt aber auf, dass selbst weit auseinandergehende Termini Übereinstimmung spiegeln können. Es ist Forschungskonsens, dass sich ohne muslimische Kulturkontakte im lateinischen Mittelalter keine Wissenspraxis der Alchemie im Westen hätte etablieren können. Eigentlich müsste jeder Wissenshistoriker des Mittelalters über arabische Sprachkenntnisse verfügen. Lawrence Principe (Johns Hopkins University), der Doyen der Alchemiegeschichtsschreibung, wies darauf hin, dass der Wissenschaftsdiskurs auf deutlich mehr edierte und übersetzte arabische Texte zur Alchemie angewiesen ist. Als Herausgeber (mit Jennifer Rampling) einer entsprechenden Reihe sei ihm jedes Manuskript hochwillkommen.

          Bierstube und arabischer Lebensmittelmarkt in Gotha vereint Bilderstrecke

          Gotha ist ein Paradebeispiel für die Erschließung von Potentialen der Provinz. Martin Mulsow, Direktor des Forschungszentrums in Gotha, berichtet, dass keiner seiner überseeischen Kollegen etwas mit dem Ort anzufangen wusste, als er 2008 aus Amerika nach Gotha berufen wurde. Dies dürfte sich inzwischen geändert haben, so eindrucksvoll ist die internationale Quote der hier Forschenden und Tagenden. Aus Anlass des Umzugs des Forschungszentrums in ein neues Gebäude, das frisch sanierte ehemalige Landschaftshaus am Fuße des Schlossbergs, hielt Anthony Grafton den Festvortrag.

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