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Forschende Schüler : Von der Neugier beflügelt

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Schüler in freiem Vortrag am Rednerpult: Die „Expertentagung“ im Schloss in Münster Bild: Universität Münster/Rasmus Schübbel

Ausgangspunkt ist die Grundschule mit sogenanntem Drehtürmodell. Wie Schüler das forschende Lernen im Rahmen einer eigenen Förderinitiative in allen Schularten für sich entdecken.

          Der achtjährige Sebastian ist ganz aufgeregt, in wenigen Minuten wird er seinen Vortrag zum Thema „Erneuerbare Energien im Kontext des Klimawandels“ im großen Hörsaal des Münsteraner Schlosses präsentieren. Angespannt steht er vor seinem Versuchsaufbau. „Ich hoffe, dass gleich auch wirklich alles klappt. Bei der Generalprobe hat das Messgerät nicht funktioniert“, gibt er zu bedenken und führt zur Sicherheit gemeinsam mit seinem studentischen Mentor einen letzten Technikcheck durch – schließlich will er die Funktionsweise einer Solarzelle nicht nur theoretisch erläutern, sondern mittels eines physikalischen Versuchs veranschaulichen.

          Ähnlich nervös wie Sebastian sind heute weitere 120 Schüler im Alter von acht bis vierzehn Jahren, die ihre Forschungsergebnisse vor einem großen Publikum, bestehend aus Eltern, Großeltern, Lehrern, Mitschülern und Studenten sowie weiteren Interessierten, präsentieren werden. Neben Sebastians Familie ist auch der Bürgermeister seiner Gemeinde gekommen, die sich durch den Bau eines eigenen Bioenergieparks auf den Weg der nachhaltigen Energieerzeugung gemacht hat.

          Das FFP ist ein schulisches Angebot zur individuellen (Begabungs-)Förderung von Schülern aller Schulformen. Ins Leben gerufen wurde es im Jahr 2002 am Hochschulstandort Münster durch Christian Fischer, der dort auch das Internationale Centrum für Begabungsforschung (ICBF) leitet. Seit 16 Jahren wird das Projekt kontinuierlich weiterentwickelt und dabei wissenschaftlich begleitet. Ziel des Projektes ist es, Schüler in ihren individuellen Begabungen und Interessen herauszufordern, sie gleichzeitig aber auch in ihren spezifischen Lernkompetenzen auf der Grundlage einer pädagogischen Diagnostik zu fördern.

          Worüber wollte ich schon immer mehr erfahren?

          Das Projekt orientiert sich dabei am Zyklus Diagnose – Förderung – Evaluation. Ausgangspunkt des Projektes war die Grundschule mit einem sogenannten Drehtürmodell; die Weiterentwicklungen und die Übertragung auf höhere Jahrgangsstufen (5/6 und 7/8) sowie auf die Sekundarstufe II folgten. Im Rahmen des Drehtürmodells verlassen Schüler den regulären Unterricht für zwei Schulstunden in der Woche, um ein Schulhalbjahr am Projekt teilzunehmen. Den verpassten Unterrichtsstoff müssen die Schüler selbständig nachholen. Das nehmen sie in Kauf, um eigenständig an Themen /Fragestellungen zu arbeiten, die sie sich ausgesucht haben, für die sie sich begeistern und für die im Schulalltag meist kein Raum ist.

          Der Projektcharakter des FFP bietet den Schülern Möglichkeiten des offenen und eigenständigen Arbeitens auf der Grundlage einer festen Struktur, die durch verschiedene Phasen (1. Diagnostik – 2. Themenwahl – 3. Informationssuche – 4. Dokumentation – 5. Präsentation – 6. Evaluation) eine Zielrichtung vorgibt. Innerhalb der Kernphasen (2–5) findet eine Einführung von Strategien des forschenden Lernens statt, gerahmt werden diese durch die Förderdiagnostik zur Erhebung der Ausgangslagen und die Projektevaluation zur Sicherung der Qualität.

          Nach einer pädagogischen Diagnostik in Phase eins, in der es darum geht, den individuellen Förder- und Forderbedarf der Schüler festzustellen, gilt es in Phase zwei, ein Thema nach persönlichen Interessen und besonderen Leidenschaften zu wählen. Justus geht in die 3. Klasse und wusste sofort, womit er sich im FFP beschäftigen möchte. In den Weihnachtsferien hat er sich beim Eislaufen den Arm gebrochen und musste im Krankenhaus geröntgt werden. Beeindruckt und fasziniert davon, seine gebrochenen Knochen auf Bildern zu sehen, hat er sich gefragt: „Wer hat das Röntgengerät erfunden, und wie funktioniert dieses?“ Dieser Frage will er im FFP auf den Grund gehen. Andere Schüler können sich oft nur schwer entscheiden, an welchem Thema sie ein Schulhalbjahr arbeiten wollen, „da ist doch so vieles spannend“. Bereits zu Beginn des Projektes werden die Schüler herausgefordert, eigenständige Entscheidungen zu treffen. Jeder muss für sich eine Antwort auf die Frage finden: „Welches Thema interessiert und fasziniert mich so sehr, dass ich mich hiermit ein halbes Jahr lang beschäftigen möchte? Worüber wollte ich schon immer mehr erfahren?“

          Systematischer Einsatz von Lesestrategien

          Die Phase der Themenfindung ist besonders bedeutsam, denn nur wer für ein Thema leidenschaftlich brennt, ist bereit, sich über einen längeren Zeitraum damit auseinanderzusetzen. Die Schüler der Kooperationsschulen werden in allen Phasen von studentischen Mentoren unterstützt, die im Kontext ihres Lehramtsstudiums in Seminaren Fischers und seines Teams auf ihre praktische Tätigkeit im FFP vorbereitet werden. Dort werden Fragen geklärt: „Wie kann ich einen Schüler in seiner Themenfindung unterstützen, ohne ihn zu sehr zu beeinflussen; wie kann ich ihn bei seinem Lernprozess begleiten, ohne ihn zu stark zu lenken.“ Denn schon Bertolt Brecht gab zu bedenken: „Der Lehrer muss lernen? mit dem Lehren aufzuhören, wenn es Zeit ist. Das ist eine schwere Kunst.“

          Wenn das Thema gefunden ist, gilt es in Phase drei, Informationen zu recherchieren. Erste Anlaufstelle sind für die Schüler natürlich das Internet und die Bibliothek vor Ort. Dass reine Literaturrecherchen manchmal nicht ausreichen, zeigt Miriams Geschichte. Miriam ist dreizehn Jahre alt, hat zwei Geschwister und fragte sich schon immer, warum es trotz der starken familiären Bindung immer wieder zu Konflikten mit ihren Geschwistern kommt. Um ihre Frage beantworten zu können, hat sie eine ausführliche Literaturrecherche durchgeführt und sich wichtige Grundlagen durch den systematischen Einsatz von Lesestrategien angeeignet. Doch dies beantwortet ihre Frage noch nicht hinreichend. Sie wollte wissen, geht es ihren Mitschülern genauso – wie lösen dieseKonflikte mit ihren Geschwistern? Hierzu hat Miriam ihre Mitschüler mit Hilfe eines selbst entwickelten Fragebogens befragt und diesen anschließend statistisch ausgewertet. Hierbei orientierte sie sich am in der Wissenschaft üblichen forschungslogischen Prozess.

          Je älter die Schüler im Projekt s ind, desto stärker wird es ein Projekt des forschenden Lernens. Während in den jüngeren Jahrgangsstufen die Schüler zu einem Thema arbeiten, das sie besonders fasziniert, steht in den älteren Jahrgangsstufen die Entwicklung und Beantwortung einer Forschungsfrage im Fokus, so auch bei Janina aus der 9. Klasse: „Wie verhalten sich weibliche Meerschweinchen im Zoo?“ Ursprünglich wollte die Dreizehnjährige das Verhalten ihrer eigenen Meerschweinchen erforschen.

          Mit einem Korken im Mund

          Doch auch Rückschläge und der Umgang damit gehören zum Projekt: In den Osterferien sind Janinas Meerschweinchen gestorben. Mit Unterstützung ihrer Mentoren und Mitschüler fasste sie den Entschluss, an ihrer Frage festzuhalten und videografierte die Meerschweinchen im Münsteraner Zoo. Doch wie macht man das eigentlich? Janina besorgte sich Fachliteratur aus der Bibliothek, recherchierte online passende Studien und ging in die Sprechstunde eines Verhaltensbiologen an der Universität, um mit ihm über ihr Forschungsdesign zu diskutieren. In Absprache mit den Tierpflegern des Münsteraner Zoos fertigte die Schülerin Beobachtungsprotokolle an und filmte die Meerschweinchen. Über 12 Stunden Videomaterial kamen zusammen, das die Schülerin nach einem eigenen Kategoriensystem systematisch auswertete. Unterstützung holte sie sich von einer Doktorandin des Verhaltensbiologen; diese gab Janina Hinweise zur Auswertung.

          In Phase vier geht es darum, die Ergebnisse zu dokumentieren, denn schließlich soll jeder Schüler am Ende des Projektes eine schriftliche Arbeit in seinen Händen halten können. Aber bis dahin ist es noch ein langer Weg: Zunächst muss eine Gliederung erstellt werden, und dann gilt es, zu den jeweiligen Kapiteln die Texte zu verfassen. Auch Fragen rund um Zitationsregeln, Plagiate und die Einbindung von Abbildungen müssen berücksichtigt werden. Schreibstrategien bieten hier eine gute Hilfestellung. Ist die „Expertenarbeit“ fertiggestellt und hält jeder Schüler seine eigenen Forschungsergebnisse in den Händen, ist der Stolz groß – auch bei Justus. Denn seine Expertenarbeit über Wilhelm Conrad Röntgen wurde sogar im Deutschen Röntgenmuseum in Remscheid ausgestellt.

          In der fünften Phase werden die Arbeiten der Schüler gewürdigt: Es geht darum, die Ergebnisse dem Publikum vorzustellen. Sebastian hat eine Idee: Er führt einfach einen Versuch vor, um die Funktionsweise einer Solarzelle verdeutlichen zu können. In der Vorbereitung unterstützen die studentischen Mentoren die Schüler dabei, eine Powerpoint-Präsentation sowie Karteikarten zu erstellen und den Vortrag zu üben. Mit einem Korken im Mund hatte Sebastian vorher noch nie gesprochen, aber so konnte er schwierige Wörter wie „photovoltaische Zelle“ oder „polykristalline Silicium-Solarzelle“ nun klar und laut artikulieren.

          Während für die Schüler die Erstellung der Expertenarbeit und die Vorstellung des Expertenvortrages das Ziel markieren, steht für die beteiligten Pädagogen die Vermittlung von Strategien selbstregulierten Lernens im Vordergrund. Dadurch, dass sie an die persönlichen Interessengebiete gekoppelt sind, erwerben Schüler diese Strategien mit Leichtigkeit und quasi nebenbei, wie der zwölfjährige Sven sagte: „Dieses Projekt war reichlich gerissen angelegt, es hat einen gezwungen, sich mit seinen Interessen zu beschäftigen, und darüber hinaus auch noch beigebracht, sich besser zu organisieren und die Zeit besser einzuteilen.“ Die Strategien selbstregulierten Lernens, zu denen auch das Führen eines Lerntagebuchs gehört, ermöglichen es jedem Schüler, sich in seinem individuellen Leistungsspektrum zu bewegen und in diesem herausgefordert und gefördert zu werden.

          Lernen mit Musik

          Mittlerweile wird das FFP allein in Nordrhein-Westfalen an über 150 Schulen angeboten, die nicht nur das Drehtürmodell umsetzen, sondern das FFP auch im Regelunterricht als Projekt der individuellen Förderung für ganze Klassen etabliert haben. Unterstützt werden die beteiligten Lehrkräfte dabei durch Fortbildungsangebote des Landeskompetenzzentrums für Individuelle Förderung (lif).

          Seit zwei Jahren wird das Projekt auch in der Sekundarstufe II angekommen. Während die jüngeren Schüler ihre Themen und Fragen frei wählen können, bewegen sich die Oberstufenschüler im Themenfeld „Lernen“ und untersuchen die Wirksamkeit von Lernstrategien oder überlegen, wie sie ihre gewonnenen Erkenntnisse auch für ihre Mitschüler oder die Schule nutzbar machen können: Marie geht in die 11. Klasse einer gebundenen Ganztagsschule. „Bei uns gibt es schon seit Jahren den Streit, ob die Schüler in den Lernzeiten Musik hören dürfen. Die Lehrer sind immer der Meinung gewesen, dass Musik sich negativ auf die Konzentrationsfähigkeit auswirkt. Daher habe ich dieses zum Thema meiner Arbeit im FFP-Plus gemacht und ein entsprechendes Experiment durchgeführt.“ Maries Untersuchung hat in der Schule den Anstoß gegeben, über das Thema abermals zu diskutieren. Nach den Sommerferien soll über den Vorschlag, während der Lernzeiten auch Musik hören zu dürfen, abgestimmt werden, wobei Maries Befunde mit einbezogen werden.

          Das Projekt wurde seit seinem Anfang 2002 an die Bedarfe der Schullandschaft angepasst sowie unter wissenschaftlicher Begleitung fortlaufend evaluiert und adaptiert. Mittlerweile wird das FFP sogar in Förderschulen erfolgreich eingesetzt, wobei eine Schülergruppe einmal äußerte: „Lernen tun wir vor allem im Forder-Förder-Projekt.“

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