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Michael Borgolte zum 70. : Elefant im Gedächtnis

Michael Borgolte Bild: Thiel, Christian

Mit seinen Veranstaltungen und Büchern arbeitet er an der Überwindung der fixen Idee vom christlichen Mittelalter. Seine jüngste Mission ist eine diplomatische, die es in sich hat. Michael Borgolte zum Siebzigsten.

          Kann es sein, dass Harun al-Raschid aus einem unbekannten Grund wütend war auf Karl den Großen? Der Kalif schenkte dem Kaiser einen Elefanten. Angeblich das einzige Exemplar der Tierart, das im Reich von Bagdad aufgefunden werden konnte. In seiner Freiburger Dissertation über den Gesandtenaustausch zwischen Karolingern und Abbasiden vermerkte Michael Borgolte, dass in den Quellen nichts über die Motive des Schenkenden steht.

          Patrick Bahners

          Feuilletonkorrespondent in Köln und zuständig für „Geisteswissenschaften“.

          Damals bezweifelte Borgolte die Angabe des Biographen Einhard noch nicht, dass Karl sich den Elefanten gewünscht habe. Später hob er hervor, dass die Ankunft des Geschenks am Aachener Hof im Jahre 802 den Kaiser in gehörige Verlegenheit gestürzt haben muss. Man wusste dort nichts über artgerechte Haltung; welche Blamage wäre es gewesen, wenn das kostbare Tier in fränkischer Obhut eingegangen wäre! Noch größer scheint Borgolte das Problem, dass es für ein solches großkönigliches Geschenk keine adäquate Gegengabe geben konnte. Was Karl den muslimischen Gesandten auf den Heimweg mitgegeben haben soll, verrät erst eine viel spätere Quelle: friesische Tuche und einige Jagdhunde. Borgolte kam zu dem Schluss, dass die gleichfalls späte Nachricht von Karls Bitte eine rationalisierende Fiktion sei: „Erst mit dieser Sprachregelung wurde die Demütigung, die im unübertrefflichen Geschenk lag, erträglich.“

          Ein amerikanischer Rezensent der Doktorarbeit vermisste Gedanken über Harun al-Raschids mutmaßliche Sicht auf die heilsgeschichtspolitischen Prätentionen des Emporkömmlings im Westen. Solche Differenzen und Spiegelungen von Perspektiven im interkulturellen Austausch sind das große Forschungsfeld Borgoltes geworden, der seit 1991 an der Berliner Humboldt-Universität lehrt. Als Organisator interdisziplinärer Projekte und als Verfasser von Lehrbüchern und Darstellungen für das große Lesepublikum arbeitet er an der Erweiterung unseres Geschichtsbilds, der Überwindung der fixen Idee vom christlichen Mittelalter. Das Engagement hat ihm an seiner Universität das Amt des Gründungsbeauftragten für das Institut für Islamische Theologie eingetragen. Er ist jetzt selbst diplomatisch tätig – und machte ernüchternde Erfahrungen.

          Von den muslimischen Verbänden berichtet er: „Es gab keine regulären Delegierten, sondern es kamen immer wieder andere Vertreter zu den Verhandlungen.“ Nicht weniger mühselig ist die Auseinandersetzung mit den in Berlin tonangebenden Laizisten, die einerseits einen liberalen Islam für ein Fabelwesen halten und andererseits Gremienplätze für liberale Muslime verlangen. Borgolte verzagt nicht, weil er aus seinen Forschungen weiß, dass Empfindlichkeiten gerade in Momenten der Annäherung spürbar werden. Ein Institut für eine Theologie, die es in der islamischen Welt noch nicht gibt: Damit macht der deutsche Staat ein unübertreffliches Geschenk.

          Michael Borgolte rezensiert seit 1995 für die F.A.Z. Falls ihm jemand etwas schenken möchte: Heute ist sein siebzigster Geburtstag.

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