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Ein anderes 1968 : Der unrote Großvater erzählt

  • -Aktualisiert am

Bremen, Januar 1968: Bürgermeisterin Annemarie Mevissen und Schülersprecher Hermann Rademann inmitten von 1500 Demonstranten. Bild: Jochen Mönch, Landesinstitut für Schule, Zentrum für Medien

Nicht jeder Angehörige des Geburtsjahrgangs 1948 gehört deshalb schon zu den Achtundsechzigern. Ein Bremer Student der Geschichte berichtet über ein Experiment der Oral History.

          Pünktlich zum fünfzigsten Jahrestag von 1968 kehren die Geschehnisse dieser Zeit in unser Bewusstsein zurück – ob wir wollen oder nicht. Die Titelseiten der Zeitungen und Zeitschriften nehmen das Thema gerne auf, Alt-Hippies bekommen ihre Sendezeit im Fernsehen, und Rudi Dutschkes Gesicht grüßt mich auf dem Weg zur Uni von Litfaßsäulen (nicht zum Spaß – er wirbt für eine einschlägige Ausstellung im Bremer Focke-Museum). Auch vor dem Curriculum meines Studiengangs macht die Revolution nicht halt: Mein erstes Seminar im Sommersemester hat das Thema „1968 als Jahr transnationaler Proteste“.

          Als pflichtbewusster Geschichtsstudent begebe ich mich auf die Suche nach Zeitzeugen, und lange muss ich nicht warten. Am 1. Mai, dem Tag der Arbeit (wie passend!), feiert der Großvater meiner Freundin Geburtstag: „Schwieger-Opa“ Günter ist Jahrgang 1948 und damit eigentlich wie gemalt für meine Recherche. Beim gemütlichen Familiengrillen starte ich bei erster Gelegenheit mein historisches Verhör. „Na Günter, wogegen hast du 1968 protestiert?“ Ich freue mich schon auf Berichte aus der vordersten Front der Straßenschlachten oder wenigstens der Hippie-Festivals. Die kalte Dusche folgt auf dem Fuß.

          Ja, die Proteste in der Bremer Innenstadt habe er wohl gesehen. Ja, es habe sich schon einiges geändert in dieser Zeit. Ja, es seien viele junge Leute auf der Straße gewesen. Aber er nicht. „Das waren doch alles Krawallmacher damals, für mich war das kein Protest.“ Ich falle ein wenig vom Glauben ab. Günter, 1968 im besten Revolutionsalter, mit zwanzig Jahren schon ein Konservativer?

          Wie man für Aufmerksamkeit sorgt

          Die Erklärung auf meine Überraschung folgt in der folgenden Seminarstunde, als wir uns mit dem neuesten Buch der Londoner Historikerin Christina von Hodenberg auseinandersetzen. Denn die historische Forschung tut mittlerweile mehr, als nur bekannte Erinnerungen aufzufrischen. Für sie ist das Jubiläumsjahr Anlass, „1968“ (mehr den Zeitraum als das bloße Jahr) aus neuen Blickwinkeln zu betrachten, die in der populären Wahrnehmung eher keine Rolle spielen.

          Frau von Hodenberg hatte ein ähnliches Erlebnis wie ich. Beim Durchhören alter Tonbänder, des Rohmaterials einer psychologischen Untersuchung aus den sechziger Jahren, stieß sie vermehrt auf Interview-Aussagen, die so gar nicht zum gängigen Bild des Revolutionsjahrs passen wollten: Da ist die Hausdame, die sich über das politische Engagement der jungen Leute freut. Oder der schüchterne Student, der sich nur für seine Karriere interessiert und mit den Uni-Protesten wenig anfangen kann. Und der Mittzwanziger, der in den revoltierenden Altersgenossen nur gewalttätige Provokateure sieht. Günter würde nahtlos in die Reihe passen.

          Auf 250 Seiten lässt Christina von Hodenberg diejenigen zu Wort kommen, die bisher nur auf versteckten Tonbändern zu hören waren: Rentner, Arbeiter, Frauen und Kleinbürger. Und sie will zeigen, dass die protestierenden Studenten vor allem eins waren: eine kleine Minderheit. Der Universitätsbesuch war noch die Ausnahme statt der Regel, und eine Immatrikulation bedeutete nicht zwanghaft eine Teilnahme an der nächsten Straßenschlacht. Von den Meinungen der vielen Unbeteiligten, die nicht zur Uni gingen, nicht im Parlament saßen, nicht für eine Zeitung schrieben und keine Kommune bewohnten, ist wenig bei uns angekommen. Stattdessen grüßen uns die schlagkräftigen Bilder von Rudi Dutschke im Wasserwerferstrahl und den unbekleideten Kommunarden. Diesen schillernden Bildern setzt Frau von Hodenberg ihr Buch entgegen, das kaum sprechender benannt sein könnte: „Das andere Achtundsechzig“.

          Gewappnet mit diesen Erkenntnissen, bin ich im zweiten Zeitzeugen-Interview mit Günter deutlich erfolgreicher. Als wir uns das nächste Mal treffen, ist es wieder ein Datum mit Symbolkraft: Der 2. Juni 2018 ist der einundfünfzigste Todestag von Benno Ohnesorg. Auch das hat Günter damals natürlich wahrgenommen, „Fernsehen hatten wir ja alle.“ Aber dieses Mal erfahre ich auch, warum er kein Revoluzzer gewesen ist, und es könnte genauso bei Christina von Hodenberg stehen: Günter hatte 1968 mit seinen zwanzig Jahren gerade ausgelernt, war frisch verheiratet und musste mit einem Gesellengehalt schon eine dreiköpfige Familie durchbringen – im Deutschland der sechziger Jahre keine Seltenheit. Für die Weltrevolution blieb da wenig Zeit. „Wir hatten ganz andere Sorgen“, erinnert sich Günter: Als 1968 in Bremen Schüler und Studenten die Straßenbahnen blockierten, um gegen eine Erhöhung der Fahrpreise zu protestieren, ärgerte sich Günter wie viele andere, dass seine Kollegen deswegen nicht pünktlich zur Schicht kamen.

          Die Protestler wussten, wie man für Aufmerksamkeit sorgt. Ihre Bilder scheinen uns bis heute als prägend für diese Zeit. Die vielen anderen, die (mitunter kopfschüttelnd?) am Straßenrand standen und weiter ihrer Arbeit nachgingen, haben es wie Günter in keine Talkshow geschafft. Die Geschichtswissenschaft lehrt, dass sich ein zweiter, genauerer Blick durchaus lohnen kann. Sei es nur, um beim nächsten Familiengrillen nicht wieder ins Fettnäpfchen zu treten. Und als Angehöriger der sogenannten „Generation Y“ bin ich gespannt, mit welchen Vorurteilen meine Enkel mich in fünfzig Jahren konfrontieren.

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