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Digital Humanities (3/6) : Im Zoo des Sozialen

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Jedem seine eigene Welt: Mark Zuckerberg (Bildmitte, unten) zu Besuch beim Axel-Springer-Konzern in Berlin Bild: dpa

Die Sozialwissenschaften stehen nicht nur vor der Frage, wie das Internet die Gesellschaft ändert. Die Digitalisierung ändert auch ihren eigenen Blick auf die Wirklichkeit.

          In einem trivialen Sinne haben die Sozialwissenschaften ihren „digital turn“ schon lange hinter sich. Die Überzeugung, dass sich die gesellschaftliche Wirklichkeit quantifizieren lasse, ist deutlich älter als die Soziologie – in Preußen etwa wurde eine amtliche Statistik schon seit 1805 erhoben, und bereits um 1890 wurde bei einer Volkszählung in den Vereinigten Staaten die Lochkartentechnik von Herman Hollerith eingesetzt. Auch wenn sich bis heute die Vertreter hermeneutischer Methoden in der qualitativen Sozialforschung dem Druck des quantitativen Paradigmas nicht beugen wollen – was wir über das „metrische Wir“ (Steffen Mau) wissen, das wissen wir im Wesentlichen von Computerprogrammen, die vorher mit standardisierten Befragungsergebnissen gefüttert wurden. Längst ist die Gesellschaft durchdrungen von digitalen Repräsentationen ihrer selbst. Mau geht sogar so weit, diesem Wissen fast ein Alleinstellungsmerkmal zu verleihen: Was nicht digitalisierbar ist, existiere eigentlich gar nicht mehr. Jedenfalls stehe es um die Chancen seiner gesellschaftlichen Wahrnehmung und Anerkennung äußerst schlecht.

          Aber galt das in den quantitativ dominierten Sozialwissenschaften nicht schon immer? Gewiss, doch inzwischen geht es hier nicht mehr nur um Datenerhebung durch Befragung, sondern um das direkte Beobachten von Verhalten. Es ist jetzt beispielsweise in der Wahlforschung nicht mehr nötig, Wähler nach ihren Präferenzen für bestimmte Politiker zu interviewen. Heute lassen Parteien das digitale Handeln von Wählern durch Forschungsinstitute wie etwa Gesis gezielt beobachten. Aktivitäten wie Verlinken, Liken, Tweeten, Re-Tweeten oder Teilen sind reale Handlungen im Netz. Insofern ist die anfängliche Metapher von den Handlungsräumen des Internets Wirklichkeit geworden: Man begibt sich „in“ das Netz und hinterlässt dort Spuren in Form individueller Bewegungs- und Handlungsprofile. In den Sozialwissenschaften schlägt sich das immense Wachstum dieser Daten in ganz neuen Subdisziplinen wie „Digital Anthropology“, „Computational Social Sciences“ oder „Digital Sociology“ nieder. Sie sind Reaktionen auf die beschriebene Materialisierung des Digitalen: Was zunächst die Semiotik interessiert – die Übersetzung des Realen in Codes, Piktogramme und Emoticons – wurde von der Soziologie unter den Fragestellungen der Kommunikationsforschung aufgegriffen: Was ist im Unterschied zur nichtdigitalen charakteristisch für die computervermittelte Kommunikation? Ist sie unpersönlicher, emotionsloser, direkter? Enthemmt sie? Verschärft sie gesellschaftliche Ungleichheiten, etwa die zwischen Jung und Alt? Zerstört die Digitalisierung das Private? Oder stärkt sie wiederum umgekehrt den öffentlichen Raum?

          Ontischer Turn des Digitalen

          Nun hat sich dieser öffentliche Raum inzwischen dramatisch verändert: Das Digitale hat das Körperlose seiner Anfänge verloren, es hat sich ontologisiert. Die anfängliche Skepsis der Kommunikationsforschung, ob man „mit“ Computern überhaupt kommunizieren könne, hat sich inzwischen auch deshalb erledigt. Dieser „ontische turn“ des Digitalen, der im Begriff des Internets der Dinge zum Ausdruck kommt, führt ironischerweise zurück zur Grundsatzfrage der Soziologie, ob die Gesellschaft aus Handeln oder eben Kommunikation besteht.

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