http://www.faz.net/-gqz-9daj6

Deutsch als Fremdsprache : Preiswerte Integrationsdienstleister

  • -Aktualisiert am

Sprachunterricht an der Universität Potsdam Bild: dpa

Die Absolventen von Deutsch als Fremdsprache sind als Integrationshelfer gefragt. Die Politik erwartet viel von ihnen – ohne Gegenleistung.

          Wie unterschiedlich die muslimische Massenmigration in Deutschland auch beurteilt wird, Einigkeit besteht in der Überzeugung, dass das Erlernen der deutschen Sprache für die Integration der Flüchtlinge mindestens so wichtig ist wie die Einbindung in den Arbeitsmarkt. Das Goethe-Institut, das sich wie zahlreiche andere Einrichtungen beim Bamf um Fördermittel im Volumen von einer Million Euro für „Modellprojekte zur Schulung ehrenamtlicher Sprachbegleiter“ bewarb, verlautbarte dazu pathetisch: „Die Sprache ist der Schlüssel zur gesellschaftlichen Teilhabe.“ Und Katrin Gildner, die als Lehrerin für Deutsch als Fremdsprache (DaF) mit ihrem Blog „Sprache ist Integration“ Ehrenamtliche ermuntern möchte, Flüchtlingen als Sprachlehrer zur Seite zu stehen, appelliert gar: „Lasst uns die Neuankömmlinge willkommen heißen, indem wir ihnen den Schlüssel reichen.“

          Zwar ist evident, dass Kenntnisse der Sprache des Ziellandes nicht nur unabdingbar im neuen Lebensalltag von Flüchtlingen sind, sondern auch Kontakte außerhalb der jeweiligen ethnischen Gruppe ermöglichen und den Abbau kultureller Vorurteile begünstigen. Der Idealismus, mit dem die Bedeutung der Sprache für die Flüchtlingsintegration von deutschen Bildungsinstituten und ihren Helfern hervorgekehrt wird, sagt jedoch weniger etwas über die Integrationsleistung von Sprache als über die ökonomische Desintegration der Sprachbegleiter aus. Als „Sprachbegleiter“ oder „Sprachhelfer“ bezeichnet Annegret Middeke, Geschäftsführerin des Fachverbandes Deutsch als Fremd- und Zweitsprache, Ehrenamtliche und Freiberufler, die Flüchtlingen Sprachunterricht geben, um sie von fachlich ausgebildeten Sprachlehrern zu unterscheiden. Indessen ist die Grenze zwischen beiden Gruppen, auf deren Differenz Middeke beharrt, seit 2015 vom Bamf durch Änderungen der Zulassungsordnung für Lehrkräfte in Integrationskursen gezielt verwischt worden, um schnell und unkompliziert zusätzliche Lehrkräfte anwerben zu können. Mittel hierzu waren vor allem die Ausweitung der Möglichkeiten von Zusatzqualifikationen sowie die Aufweichung des Unterschieds zwischen DaF und DaZ (Deutsch als Zweitsprache).

          Planlos rekrutiertes Lehrpersonal

          Im System der Sprachlehrerausbildung bezeichnet DaF solche Studiengänge, bei denen Schüler und Studenten in ihrem Herkunftsland eine Fremdsprache bei Lehrern aus dem jeweiligen Zielland lernen. Ein Beispiel sind französische Studenten, die in Frankreich bei einer deutschsprachigen Lehrerin Deutsch lernen, wobei unterrichtsbegleitende Aufenthalte in Deutschland üblich sind. DaZ-Studenten hingegen lernen ihre Fremdsprache im Zielland. Zu dieser Gruppe gehören beispielsweise Franzosen, die in Deutschland studieren oder eine Ausbildung machen und begleitend Sprachkenntnisse erwerben oder vertiefen wollen. DaF-Studiengänge sind institutionell und curricular meist enger ans akademische Studium gebunden, DaZ-Studiengänge stärker alltagsorientiert.

          Sprachbegleitung für Migranten gehört dieser Arbeitsteilung gemäß in den Aufgabenbereich von DaZ-Lehrern. Doch selbst diese sind für den Sprachunterricht für Flüchtlinge aus Syrien, Afghanistan oder Irak tatsächlich nur dann qualifiziert, wenn sie durch Spezialisierung oder praktische, etwa sozialarbeiterische oder therapeutische, Zusatzausbildungen im Umgang mit Gruppen geschult sind, die von der Fachterminologie euphemistisch „lernungewohnte Lernende“ genannt werden. Zahlreiche Berichte über mangelhaft kontrollierte Präsenz, schlechte Unterrichtsstandards und hohe Abbruchquoten in den obligatorischen Sprachkursen für Flüchtlinge haben in den vergangenen Jahren deutlich gemacht, wie schlecht das oft planlos rekrutierte Lehrpersonal auf die neue Lage nach der Grenzöffnung 2015 vorbereitet war.

          Entwertung eines Berufsfeldes

          Statt die Heterogenität der DaF- und DaZ-Lehrer, zu denen hochqualifizierte Dozenten ebenso wie Ehrenamtliche und Teilzeitkräfte zählen, zum Ausgangspunkt systematischer Professionalisierung zu machen, hat das Bamf ab Sommer 2015 die Entwicklung eines chaotischen Nebeneinanders von Integrationskursen befördert, die den Staat zwar weniger kosten, aber weder den Lehrern noch den Kursteilnehmern Vorteile bringen. Der seit 2005 für Leiter von Integrationskursen ohne DaF- oder DaZ-Studium verbindliche Nachweis von Zusatzqualifikationen oder langjähriger Berufserfahrung kann seit 2015 dank der Änderung der Bamf-Richtlinien wesentlich leichter erbracht werden als zuvor. Seither können gering qualifizierte Personen ohne Hochschulabschluss, Bewerber, die ihre Zusatzqualifikation berufsbegleitend erworben haben, fachfremde Akademiker, aber auch Mitarbeiter kirchlicher Einrichtungen, pensionierte Lehrer oder Kriminalbeamte sich mit Erfolgsaussichten als Sprachbegleiter bewerben. Die Konkurrenz unter den Kursanbietern in freier Trägerschaft führt in Verbindung mit dem ehrenamtlichen Engagement zu einer Entwertung des gesamten Berufsfeldes.

          Festangestellt sind nur wenige DaF- und noch weniger DaZ-Lehrer. Laut Susan Kaufmann, die für die Fachstelle Berufsbezogenes Deutsch über Kompetenzen und Fortbildungsbedarfe der Sprachlehrer geforscht hat, erhalten Leiter von DaZ-Kursen durchschnittlich ein Honorar von 16 bis 23 Euro je Unterrichtsstunde, die Lage der DaF-Lehrer ist nur geringfügig besser. Da die Konkurrenz auch durch Lehrkräfte, die selbst in DaZ-Kursen gesessen haben, größer wird, nimmt der Druck zu, jedes sich bietende Lehrangebot unabhängig von den kommunikativen, psychologischen und pädagogischen Anforderungen, die es impliziert, anzunehmen.

          Hohe Anforderungen, schlechte Bezahlung

          Da als Honorarkräfte arbeitende DaF- und DaZ-Lehrer nur für abgehaltene Unterrichtsstunden bezahlt werden und stabile Teilnehmerzahlen ihre Chance auf Weiterbeschäftigung erhöhen, ist es unter den gegebenen Arbeitsbedingungen nicht im Interesse der Lehrkräfte, hohe Fehlquoten und Abwesenheiten zu melden. Christoph Schroeder, der den Arbeitsbereich DaF an der Universität Potsdam leitet, vermutet, dass die Hälfte der angemeldeten Teilnehmer zum Sprachtest gar nicht erst erscheint. Da das Bamf das Unterrichtsverhalten und die Abbruchquoten in den Sprachkursen bislang nicht systematisch erfasst, bleibt hier Raum für Spekulation.

          Als sicher kann jedoch gelten, dass DaF- und DaZ-Lehrer ebenso wie „Sprachbegleiter“ nicht nur durch die planlose Rekrutierungspolitik des Bamf überfordert, sondern aufgrund der schlechten Bezahlung und der prekären Anstellungsverhältnisse kaum willens sind, Struktur und Qualität des Unterrichts aus eigenem Antrieb zu verbessern. Umgekehrt dürften die Kurteilnehmer, die als „lernungewohnte Lernende“ oft wenig motiviert sind, sich an den Unterrichtsalltag zu gewöhnen, durch die Kursbedingungen kaum in ihrer Eigenverantwortlichkeit gestärkt werden.

          Dass die Lehrmaterialien zur Sprachbegleitung von Flüchtlingen, die mittlerweile von fast allen Schulverlagen angeboten werden, dabei ebenso wenig helfen, zeigt ein Blick in den „Refugee Guide“, den der Klett-Verlag in Zusammenarbeit mit dem Bündnis Aktion Deutschland Hilft e.V. kostenlos herausgebracht hat. Diese „Erste-Hilfe-Materialien zum sofortigen Einsatz“ reproduzieren durch den in ihnen vermittelten Grundwortschatz ausschließlich die Welt der Flüchtlingsverwaltung, indem die vermittelten Worte und Redewendungen in Kapitel wie „In der Erstaufnahme“, „Termine und Absprachen“, „Von Behörde zu Behörde“ oder „In der Unterkunft“ gegliedert sind.

          Sprache und Integration

          Wird durch diese Beschränkung jeder Impuls, Menschen außerhalb des aufgezwungenen Umfelds und jenseits der eigenen Kultur kennenzulernen, systematisch beschnitten, werden andererseits tatsächliche Konfliktzonen kultursensibel umschifft, indem Rechtsgrundsätze wie „Männer und Frauen genießen in Deutschland die gleichen Rechte“ im gleichen Atemzug mit Maximen wie „Deutsche trennen ihren Müll“ gleichsam als Konformitätsparolen präsentiert werden, deren Verinnerlichung an sich bereits ein guter Weg zur Integration sei.

          Die Mischung aus hektischem Pragmatismus und idealistischer Weltfremdheit, die aus solchen Beispielen spricht, legt nahe, das Verhältnis von Sprache und Integration grundlegend zu überdenken. Während etwa die Einwanderer, die im Zuge der ersten türkischen Migration seit den sechziger Jahren in die Bundesrepublik kamen, nicht selten aufgrund ihrer Sympathien für den Westen dem Säkularismus und Liberalismus auch dann aufgeschlossen waren, wenn sie kaum über Kenntnisse des Deutschen verfügten, demonstrieren die konservativen Ideologen, die heute die Humboldt-Universität bei der Etablierung eines Instituts für Islamische Theologie beraten, dass Mehrsprachigkeit sich durchaus mit reaktionärer Weltanschauung verträgt. Zweifellos sind Sprachkenntnisse fundamental, um sich in einer Gesellschaft zurechtzufinden. Über die Qualität der damit erreichten Integration sagen sie nur wenig aus.

          Weitere Themen

          Proteste gegen Migranten in Mexiko Video-Seite öffnen

          Tumulte in Tijuana : Proteste gegen Migranten in Mexiko

          Immer mehr Migranten strömen durch Mittelamerika Richtung Vereinigter Staaten. Doch auch in Mexiko sind viele der Flüchtlinge nicht willkommen. In der Grenzstadt Tiujana könnten die Proteste bald eskalieren.

          Topmeldungen

          Nach den Kongresswahlen : Die Politik der lahmen Enten

          „Lame Duck Session“ heißt es in Amerika, wenn eine Partei vor Beginn der neuen Legislaturperiode noch schnell versucht, ihre politischen Projekte zu retten. Die Republikaner versuchen das nun in mehreren Staaten.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.