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Lautdenkmal der Mundarten : Er konnte alles außer Hochdeutsch

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Geschenk für Hitler: der Plattenschrank mit den reichsdeutschen Mundarten Bild: Ullstein

Das „Lautdenkmal der Mundarten“ versammelte alle Dialekte zur Zeit der NS-Diktatur und sollte ein Geschenk für Hitler sein. Dem hat es angeblich nicht so recht gefallen.

          Am 30. Juni 1937 empfing Adolf Hitler in der Reichskanzlei ein verspätetes Geburtstagsgeschenk. Abgesandte des Reichsbundes der Deutschen Beamten präsentierten ihm das „Lautdenkmal der reichsdeutschen Mundarten“ – eine Sammlung von 300 Schellackplatten mit Aufnahmen von Dialektsprechern aus allen Gebieten des Reiches. Verstaut waren die Tonträger in einem fünf Zentner schweren, aufwendig gearbeiteten Holzschrank mit eingebautem Abspielgerät. Die aufgeklappten Flügeltüren des mannshohen Schreins zeigten eine als Einlegearbeit gefertigte Landkarte mit den Aufnahmeorten. Auf Initiative des Reichsbeamtenführers Hermann Neef hatte ein Team aus Dialektologen und Tontechnikern in einem Aufnahmewagen der Telefunken über mehrere Monate hinweg Dörfer und Kleinstädte zwischen der Nordsee und den Alpen angesteuert, um dort ausgewählte Bauern, Handwerker und Arbeiter ins Mikrofon sprechen zu lassen.

          Die Themen der dreieinhalbminütigen Aufnahmen reichten vom Brauchtum über den Arbeitsalltag bis zu den „Errungenschaften“ des NS-Regimes. Im Jahr darauf wurden noch neunzig weitere Dialektaufzeichnungen in Österreich und im Sudetenland angefertigt. Der Schrank existiert offensichtlich nicht mehr, aber mehrere Sätze der Plattenserie sind erhalten, außerdem gibt es einen Tonbandumschnitt aus den sechziger Jahren. Die akustische Qualität der Aufnahmen – angefertigt nach dem damals neuesten Stand der Technik – ist hoch und macht das Lautdenkmal zu einem sprachhistorisch einmaligen Dokument. Mit wenigen Ausnahmen aus den späten zwanziger Jahren gibt es sonst keine dialektalen Klangzeugnisse aus dieser Zeit, weder in Umfang noch in Güte. Ein Teil der aufgezeichneten Dialekte – zum Beispiel aus dem Sudetenland, aus Schlesien oder Ostpreußen – existiert heute gar nicht mehr oder nur noch in Resten.

          Historische Quelle ersten Ranges

          Die Platten dokumentieren eine interessante Schwellenzeit: Hörfunk und Tonfilm entwickelten sich in den dreißiger Jahren zu Massenmedien, und das standardisierte Hochdeutsch, das sie nun bis in den letzten Winkel verbreiteten, begann die Mundarten zu überformen. Aber auch ideologiegeschichtlich ist das Lautdenkmal eine Quelle ersten Ranges, an der sich die Instrumentalisierung der Dialekte und ihrer Sprecher für Zwecke völkischer Propaganda untersuchen lässt. Trotzdem haben in den vergangenen Jahrzehnten nur sehr wenige Wissenschaftler das Material für Forschungen genutzt. Eine systematische Erfassung fehlt. Vorarbeiten hat der Sprachwissenschaftler Christoph Purschke von der Universität Luxemburg in den vergangenen Jahren bereits geleistet (www.lautdenkmal.de). Jetzt ist er dabei, Kollegen für das Gemeinschaftsprojekt einer digitalisierten und kommentierten Edition des Lautdenkmals zu gewinnen. Das stößt auf Schwierigkeiten, weil etliche Unterlagen vernichtet wurden – teilweise durch Kriegseinwirkungen, teilweise wohl auch, weil Beteiligte nach Kriegsende belastendes Material loswerden wollten.

          Allerdings gibt es immer wieder überraschende Entdeckungen. Erst kürzlich wurde im Marburger Forschungszentrum Deutscher Sprachatlas ein Konvolut von etwa hundert Fotos gefunden, die das Aufnahmeteam in Aktion zeigen. Aus den erhaltenen Korrespondenzen und Aufzeichnungen geht hervor, dass sich der Beamtenbund bei der Vorbereitung und der Auswahl der Sprecher seine Kontakte zu Bürgermeistern, Lehrern, Verwaltungsmitarbeitern und örtlichen Parteifunktionären zunutze machte, Informanten als Sprecher empfahl. Bei der Auswahl der Ortschaften ging es vor allem darum, die Vielfalt der Mundarten abzubilden, aber auch politische Kriterien spielten eine Rolle. So fuhr der Telefunken-Wagen nach Braunau am Inn oder in den schleswig-holsteinischen Adolf-Hitler-Koog, der für die Blut-und-Boden-Propaganda eine wichtige Rolle spielte.

          Zwar behaupteten die Initiatoren des Lautdenkmals, ihre Gewährsleute redeten frei von der Leber weg, aber die Höreindrücke sprechen dagegen. Oft gehen spontan wirkende Gesprächsanfänge in Passagen über, deren Sprachduktus und Inhalt eine dahinterstehende Regie verraten. So, wenn ein Plattdeutscher plötzlich von der Verteidigung der „Dithmarscher Fräiheit“ gegen „de Systemregierung“ redet, zwei fränkische Flößer anfangen, über die „aufn deutschn Stroum“ fahrende Volksgemeinschaft zu philosophieren und sich hoffnungslos in der offenbar vorgegebenen Metaphorik verhaspeln oder ein Sprecher seinen Dialogpartner auffordert, doch mal nach draußen zu blicken, wo „diä Hakenkreuzfohna“ wehen.

          Kein Freund der Dialekte

          Die fremd wirkenden Einsprengsel von Parteijargon in den Aufnahmen wurden zu Beweisen für die Lebendigkeit der Mundarten erklärt. Die gleichgeschaltete Presse feierte das Lautdenkmal ausgiebig und berichtete von einem hocherfreuten „Führer“. Abseits der offiziellen Verlautbarungen wurde allerdings kolportiert, dass sich Hitler hinter den Kulissen abfällig über den Plattenschrank geäußert habe. Belege dafür gibt es nicht, doch dass ihm das Geschenk wirklich gefiel, ist trotzdem zweifelhaft.

          Hitler war kein Freund der Dialekte, denn sie waren für ihn antiquierte Hindernisse auf dem Weg zu einem effizienten, international herrschaftstauglichen Einheitsdeutsch, ähnlich wie die Fraktur- und die deutsche Kurrentschrift, die er abschaffte. Und für den völkischen Wert war in seinem Weltbild ohnehin nicht die Sprache entscheidend, sondern die „Rasse“.

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