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Computer und Literatur : Lob der digitalen Philologie

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Wahrnehmung läuft durch Raster: Sigmar Polkes „Jenseits des Regenbogens“ (2007) Bild: Sigmar Polke, VG Bild-Kunst, Bonn 2018

Computer können Texte nicht deuten, so viel steht fest. Aber es gibt durchaus literarische Phänomene, die man errechnen kann. Eine Entgegnung auf Magnus Klaue.

          Die Pointe ist, ach, so schön: Die digitale Literaturwissenschaft sei aus dem Geist der Weimarer Klassik geboren. Goethe an der Wiege der digitalen Geisteswissenschaften ist eine These, die es schafft, dem immergrünen Thema der Germanistik-Kritik neue Aufmerksamkeit zu sichern. Herausgefunden hat es der Berliner Germanist Magnus Klaue. Es stimmt, dass einige digitale Literaturwissenschaftler Goethe-Philologen sind. Aber noch mehr sind es nicht, sondern Mediävisten oder Kafka-Leser, Joyce-Experten oder Liebhaber des âge classique. Es stimmt, dass unsere Lehrer wie Karl Eibl Goethe-Editoren und digitale Editoren in einer Person waren, und das schon zu einer Zeit, als noch nicht jeder wusste, wozu man einen Computer gebrauchen könnte. Aber andere waren zum Beispiel Theologen wie der Jesuitenpater Roberto Busa, der schon 1949 begonnen hat, mit Hilfe eines Computers eine Konkordanz der mehr als elf Millionen Wörter im Werk des hl. Thomas zu erstellen.

          Inzwischen sind Editionen so selbstverständlich auch digitale Editionen, dass computergestützte Editionen keine Debatten wie noch vor wenigen Jahren auslösen. Die neueren Entwicklungen gehen denn auch einen Schritt weiter. Sie führen die auf verschiedene Bibliotheken in Paris, St. Petersburg und Genf verteilten Manuskriptblätter wieder zu dem Werk zusammen, das es einmal war. Auf Plattformen wie e-codices kann man dann den „Codex Florus dispersus“ betrachten, eine virtuell wieder zusammengeführte Sammlung von Briefen und Predigten des Augustinus, die im neunten Jahrhundert wohl in Lyon einen Kodex gebildet haben. In der Zusammenführung von Daten zu Werken und Korpora, nicht in der bloßen Steigerung der Datenmenge liegt die Entwicklung, die ohne die Digitalisierung des kulturellen Erbes kaum vorstellbar ist. Big Data meint eben nicht Stoffhuberei, wie Klaue annimmt, sondern sorgfältige Philologie der Manuskripte bis in die Details der Metadaten hinein.

          Natürlich ist das nicht Hermeneutik, wenn man darunter zuallererst die Interpretation der großen Werke versteht. Denn dazu braucht man in der Tat keine Computer, einfach deshalb, weil Computer nicht lesen können. Computer erkennen Muster und können von Menschen durch Machine-Learning-Verfahren so trainiert werden, dass sie auch Muster in sehr seltsam angeordneten Worten automatisiert, also ohne explizite Programmierung, erkennen können. Aber das bleibt im Rahmen der vom Menschen vorgegebenen Lernumgebung. Für die Interpretation von einzelnen Gedichten, zur Analyse der „Maria Stuart“ oder zur Interpretation der „Verwandlung“ wären Computer sehr umständliche Werkzeuge von bescheidenem Nutzen. So weit hat Klaue recht.

          Wortgebrauch und Epoche

          Aber Literaturwissenschaft ist mehr als die Interpretation der großen Werke. Sie stellt grundsätzlichere Fragen, etwa nach der Funktion von Autorschaft, nach literaturhistorischen Zusammenhängen oder den Eigenschaften fiktionaler Texte. Für solche Fragen sind Computer von Nutzen. Schon vor mehr als einem Vierteljahrhundert hat der australische Anglist John Burrows gezeigt, wie gut die Ermittlung von Worthäufigkeiten geeignet ist, Autoren zu unterscheiden und Gattungen bestimmen zu können. Statt sich auf die bedeutungstragenden Worte zu konzentrieren, hat Burrows die kleinen Worte, die Funktionsworte wie Artikel, Konjunktionen oder Pronomina in den Mittelpunkt seiner Untersuchungen zu englischen Langgedichten des siebzehnten Jahrhunderts gerückt.

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