http://www.faz.net/-gqz-99o9x

Brexit-Tagung : Ich bin kein Engländer, aber Brite

Der Französischunterricht, den Premierminister Edward Heath auf dieser Karikatur von Barry Fantoni mit dem Beitritt zur Europäischen Gemeinschaft verknüpft, hatte Wirkung: 1975 stimmten 67 Prozent der Briten mit „Oui“. Bild: Reuters

Der parlamentarische Begriff von Staatsbürgerschaft, demonstriert an der eigenen Person: Die aus Bayern gebürtige Labour-Politikerin Gisela Stuart erklärt beim Besuch in der alten Heimat den Brexit.

          Was erklärt den Beschluss des britischen Volkes, die Mitgliedschaft des Vereinigten Königreichs in der Europäischen Union aufzukündigen? Dieser Frage widmete sich in München eine Tagung, die das Institut für Zeitgeschichte (IfZ) mit dem Deutschen Historischen Institut (DHI) London ausrichtete. Als öffentliches Rahmenprogramm fand eine Podiumsdiskussion in der Bayerischen Akademie der Wissenschaften statt. Die beiden Briten auf dem Podium fanden für ihre Antwort Gründe genug in zwei Reden der deutschen Bundeskanzlerin.

          Patrick Bahners

          Feuilletonkorrespondent in Köln und zuständig für „Geisteswissenschaften“.

          Sir Paul Lever, britischer Botschafter in Deutschland von 1997 bis 2003, verwies auf die Rede, die Angela Merkel am 7. November 2012 vor dem Europäischen Parlament hielt, gemäß den Worten der Rednerin „inmitten der schwersten Krise Europas seit Verabschiedung der Römischen Verträge“. Frau Merkels Vision für den Weg aus der Krise verstand Sir Paul als Anknüpfung an den Plan des früheren Kommissionspräsidenten Jacques Delors, die Union in einen parlamentarisch verfassten Bundesstaat umzuwandeln. Mitglied eines von solchen Zielvorgaben definierten Bundes habe Großbritannien nie werden wollen. Nicht Großbritannien habe sich verändert seit dem Beitritt 1973, der 1975 in einem ersten Referendum bekräftigt wurde, sondern die heute als Union firmierende Gemeinschaft.

          Der Schlüssel zum Referendum

          Gisela Stuart, die aus Niederbayern gebürtige Labour-Politikerin, die von 1997 bis 2017 den Wahlkreis Birmingham Edgbaston im Unterhaus vertrat, war anwesend, als Angela Merkel am 27. Februar 2014 in der Royal Gallery des Oberhauses vor beiden Kammern des Parlaments von Westminster sprach. Für Gisela Stuart, die 1974, zwischen Beitritt und erstem Referendum, als Neunzehnjährige zum Studium nach Manchester ging, ist die Gestalt der deutschen Kanzlerin im Palast von Westminster ein ironisches Sinnbild deutsch-britischer Missverständnisse über den Brexit. Über dem Kopf der Rednerin hing das Porträt von König Georg I., dem deutschen Fürsten, der 1714 kraft eines Parlamentsgesetzes auf den britischen Thron gelangte. Und dieser Georg I., in Personalunion Kurfürst von Hannover, habe „schon eine supranationale Identität geschaffen“, durch Zusammenführung nicht etwa von Engländern und Hannoveranern, sondern von Engländern und Schotten, durch bewaffnete Verteidigung der 1707 kodifizierten Anglo-Schottischen Union der Kronen und der Parlamente. In Gisela Stuarts Augen gehen Deutsche also in die Irre, die den Engländern wegen des Brexit-Votums einen Rückfall in den Nationalismus vorwerfen. Ihre früheren Landsleute, so ihr Vorwurf, schließen von sich auf andere: Die supranationale Identität der Briten markiere den Unterschied zu Deutschland. „Für das Inselland war Identität noch nie ein Problem.“

          Gisela Stuart im House of Commons

          Der feudale Prunk der Königsgalerie im Parlamentspalast illustriert in dieser Teilnehmerperspektive dem Augenschein zum Trotz ein fortschrittliches Konzept von Staatsbildung, mit dem Großbritannien den meisten EU-Mitgliedstaaten voraus ist, einen politischen Begriff kollektiver Loyalität, der ethnische Zugehörigkeiten hinter die gemeinschaftliche, gesetzlich fixierte Entscheidung zurückstellt. Gisela Stuart, die Eingebürgerte, glaubt dieses Konzept zu verkörpern. „Ich bin kein Engländer, aber ich bin Brite.“ (Sie gebrauchte das generische Maskulinum. Auch das war womöglich eine Pointe im Sinne des integrierenden Antinaturalismus des Politischen.) Irritiert verwahrte sie sich gegen eine Bemerkung eines deutschen Podiumsteilnehmers, die sie als die Unterstellung verstand, sie werde ja wohl die doppelte Staatsbürgerschaft besitzen. Das war vielleicht ein Missverständnis, zu erklären daraus, dass der Begriff der Nationalität im Deutschen wie im Englischen Staatsangehörigkeit und Volkszugehörigkeit bezeichnet. Ganz ohne ethnische Marker kommt auch der britische Begriff des Staatsbürgers (oder Untertans?) nicht aus; das Wort „Brite“ selbst verweist auf ein Urvolk aus der alteuropäischen Welt dynastischer Abstammungslegenden.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Mangelberufe : Stellen: viele, Bewerber: null

          Stolze 61 Tätigkeiten umfasst die Mangelberufe-Liste der Arbeitsagentur. Warum bloß sind sie so unbeliebt? Eine Spurensuche anhand dreier Beispiele.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.