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Zum Tod von Stefan Weinfurter : Von bindender Wirkung

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Stefan Weinfurter, 1945 bis 2018 Bild: Tim Wegner/laif

Seine Kirchengeschichtsforschung ermöglichte ihm ein besonderes Verständnis von kaiserlicher Autorität im Mittelalter, das er in einer Vielzahl von Medien vermittelte. Zum Tod des Historikers Stefan Weinfurter.

          Wirkverbund: Wer zwei Bücher über heilige Kaiser geschrieben hat, weiß um die Einbettung von Helden in den Verband ihrer vielen Getreuen und Helfer. Autorität beruht nicht pausenlos auf aufschäumendem Charisma, sondern braucht beständige Akzeptanz. Stefan Weinfurter forschte über mittelalterliche Wirkverbünde, in denen Größe und Gemeinschaft zusammenspielten. Ob Karl der Große, der „heilige Barbar“, oder Heinrich II., der Herrscher am Ende der Zeiten – ihre Erfolge fußten auf erfolgreicher Konsensherstellung bei Zeitgenossen wie Nachgeborenen.

          Sein erstes Thema fand Weinfurter in den Regularkanonikern. Diese hochmittelalterlichen Klerikergemeinschaften gestalteten ihr Leben zu Gott in radikaler Weise durch klare Regeln. Später sprach Weinfurter oft von den Konjunkturen seiner Kirchengeschichtsforschung. Die Dissertation zum geistlichen Neubeginn in Salzburg erschien 1975 jenen als unmodern, die auf Sozial- und Strukturgeschichte setzten. Nur wenige ahnten damals die neue Wucht des Religiösen, die in den letzten Jahren unsere Welt erfasste. Weinfurter griff das Thema immer wieder auf, in einem Projekt zur innovativen Kraft von Klöstern oder in seinem vieldiskutierten Buch über Canossa und die Entzauberung der Welt. Das Auseinandertreten des Politischen und des Religiösen prägte die Geschichte des lateinischen Europa seit dem elften Jahrhundert und bescherte der westlichen Welt ihre Sprachlosigkeit mit jenen Gesellschaften, deren sakrale Fundierung lange nur als rückständig galt.

          Als Professor lehrte Stefan Weinfurter an den Universitäten Eichstätt, Mainz, München und Heidelberg. Gern übernahm er Aufgaben als Wissenschaftsorganisator, im Vorstand des Deutschen Historikerverbands ebenso wie als Vorsitzender des Konstanzer Arbeitskreises für mittelalterliche Geschichte.

          Einen ungewöhnlichen Wirkverbund schuf sich Stefan Weinfurter in der Gestaltung großer Ausstellungen und in Fernseh- und Rundfunksendungen zur mittelalterlichen Geschichte. Hier übersetzte er mitreißend und immer verständlich Forschung für zahllose historisch interessierte Menschen. Die Deutschen, die Salier, die Ottonen, die Staufer, die Wittelsbacher, zuletzt die Päpste – sie alle erhielten im Erzählen des Historikers ein einprägsames Gesicht. Bis in die letzten Stunden seines Lebens arbeitete er an einem neuen Ausstellungsprojekt, das die Kaiser des Mittelalters mit den Säulen ihrer Macht zusammenbinden soll. Am Montag ist Stefan Weinfurter im Alter von 73 Jahren nun plötzlich und unerwartet verstorben. Ein besonders sympathischer Wirkverbund zwischen Wissenschaft und Gesellschaft geht damit zu Ende.

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