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Bildung und Statistik : Die Mär von der sozialen Ungerechtigkeit

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Die magischen hundert: Haushalte mit mehr als hundert Büchern gelten in allen Leistungsvergleichen als bildungsaffin. Bild: plainpicture/André Schuster

Wer zu Hause mit Büchern aufgewachsen ist, hat es leichter im Bildungssystem. Das ist nicht nur in Deutschland so, auch wenn die OECD das überhaupt nicht wahrhaben will.

          Wie ungerecht geht es im deutschen Bildungswesen eigentlich zu? Wenn man Verlautbarungen der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) aus den letzten 15 Jahren Revue passieren lässt, scheint die Antwort klar zu sein. In kaum einem anderen Land der Welt hängt der Schulerfolg so sehr von der sozialen Herkunft ab wie in Deutschland. So jedenfalls haben es OECD-Repräsentanten wie Andreas Schleicher unermüdlich verkündet.

          Anfang dieses Jahres nun erschien eine Studie der OECD, die Deutschland überraschend Fortschritte bescheinigte, und zwar bei der Resilienz. Mit diesem aus der Psychologie übernommenen Begriff bezeichnen die Autoren die „Fähigkeit von Schülerinnen und Schülern, trotz sozialer Nachteile in allen Pisa-Testfeldern mindestens die Kompetenzstufe drei (von sechs) zu erreichen und damit die Voraussetzung für eine aktive gesellschaftliche Teilhabe und lebenslanges Lernen zu erwerben“. Konnte 2006 nur jeder vierte sozial benachteiligte deutsche Schüler solche Kompetenzen vorweisen, so war es 2015 schon jeder dritte. Nach diesem Rekordzuwachs liegt Deutschland jetzt über dem Durchschnitt der OECD-Länder. Man könnte also denken, nun habe die Bildungsgerechtigkeit gesiegt.

          Doch bevor Feierstimmung aufkommen kann, bekräftigt die OECD in der gemeinsam mit der Vodafone-Stiftung erstellten deutschen Ausgabe der Studie, in Deutschland sei trotz aller Fortschritte „der statistische Zusammenhang zwischen Leistung und sozialer Herkunft noch immer sehr ausgeprägt“. Das war gar kein Ergebnis dieser Studie, die auf einer Sonderauswertung der Pisa-Daten von 2015 beruht. Wie der daran beteiligte Pressesprecher der OECD in Deutschland erklärte, wurde die Aussage eingefügt, um „auf die Situation zur Chancengleichheit insgesamt hinzuweisen“. Diese Vorlage nahm dann ein Teil der Presse dankbar auf und verarbeitete sie weiter. Im Internetportal „Spiegel online“ lautete der erste Satz des einschlägigen Artikels: „Noch immer entscheidet vor allem die soziale Herkunft darüber, wie gut Kinder in der Schule klarkommen.“ Und die in Düsseldorf erscheinende „Rheinische Post“ titelte zwar: „Benachteiligte Schüler holen auf“, setzte aber gleich hinzu: „Bei der Chancengleichheit liegt Deutschland dennoch hinten.“

          Tendenziöse Darstellung statistischer Befunde

          Auf welch dünnem Eis diese Aussagen stehen, war den Autoren der genannten Artikel wohl kaum bewusst, denn die neue Studie bietet keine Belege für die von der OECD verbreiteten Deutung. Wer ihre statistischen Grundlagen nachprüfen will, muss sich schon die Mühe machen, die Publikation der Pisa-Studie 2015 heranzuziehen. Dort findet man in einem „Überblick über die Bildungsgerechtigkeit“ als Indikatoren neben der schon genannten Resilienz den „Prozentsatz der durch den sozioökonomischen Status der Schüler erklärten Leistungsvarianz“. Der sozioökonomische Status wird mittels des Pisa-Index des wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Status (ESCS) geschätzt, der aus mehreren Variablen des familiären Hintergrunds der Schüler abgeleitet wird, dem Bildungsniveau und dem Beruf der Eltern, der Ausstattung des Elternhauses als Hilfsindikator für den materiellen Wohlstand sowie der Zahl der Bücher und anderer Bildungsressourcen, die im Elternhaus verfügbar sind.

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